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ZDFcheck19 - "Sollten uns das Internet wieder zu eigen machen"

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Im Wahlkampf sind Parteien im Netz besonders aktiv. Warum es so wichtig ist, ihnen auch vor der Europawahl genau auf die Finger zu schauen, erklärt Faktencheckerin Julia Bayer.

Europäische Flagge mit Platine vor dramatischem Himmel
"Wir neigen dazu, oft zu schnell auf den Teilen-Button zu klicken, ohne wirklich über einen Post nachzudenken", sagt Faktencheckerin Julia Bayer im heute.de-Interview.
Quelle: picture alliance

heute.de: Warum ist diese heiße Phase vor der Europawahl so wichtig für Faktenchecker?

Julia Bayer: Gerade vor Wahlen gehen vor allem die Parteien und auch einzelne Politiker, besonders auf Social Media, sehr aktiv auf ihre Nutzerschaft zu und überbieten sich mit Informationen und Statements. Sie buhlen regelrecht um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Dabei neigen sie oftmals dazu, Fakten zu verdrehen, denn Nachrichten, die vor allem einen Überraschungseffekt oder Emotionen hervorrufen, werden besonders gerne geteilt.

heute.de: Also eine große Herausforderung für Sie?

Bayer: In so einer Phase ist vor allem alles schneller: Es werden viel mehr Informationen geteilt, viel mehr Informationen werden aus dem Kontext gerissen oder auch generell Lügen verbreitet. Da müssen wir dann natürlich auch direkt reagieren.

heute.de: Wie haben die Sozialen Medien diesen Prozess noch befeuert?

Bayer: An sich ist die Verbreitung von Falschmeldungen Jahrzehnte alt. Doch durch die Sozialen Medien wird jeder auf seine Art angesprochen und Politiker und Parteien können zielgerecht ihre Meldungen aussenden - sei es in offenen Netzwerken, wie Facebook oder Twitter oder in geschlossenen Netzwerken wie WhatsApp. Wir neigen dazu, oft zu schnell auf den Teilen-Button zu klicken, ohne wirklich über einen Post nachzudenken; vor allem wenn Freunde den Beitrag schon gepostet haben. Dieser Verbreitungsmechanismus ist also viel höher als früher.

heute.de: Welche Verantwortung hat der User selbst, damit Falschmeldungen sich nicht weiter ihren Weg bahnen durch die virtuelle Öffentlichkeit?

Bayer: Der Nutzer sollte sich die "Sieben-Sekunden-Zeitregel" zunutze machen und sich kurz überlegen, ob ein Inhalt wirklich stimmen kann. Genauso, wie ich eine Nachricht hinterfrage, bevor ich sie meinen Freunden bei einem Treffen erzähle, sollte ich eine Nachricht aus dem Netz hinterfragen, bevor ich sie teile. Da ist analog nicht anders als digital. Hat man Zweifel, empfiehlt es sich, den Sachverhalt zu googeln oder eine Rückwärtssuche zu machen. Es hilft auch, bei traditionellen Medien, denen man vertraut, nachzulesen. Viele von ihnen machen mittlerweile ja auch Faktenchecks.


heute.de: Welche Verantwortung haben Plattformen, die selbst keine Content-Ersteller sind, aber in großem Stil verbreiten?

Bayer: Die Plattformen stecken natürlich in einer Art Dilemma, weil sie sagen: Jeder kann hier seine Informationen teilen, wir wollen die Meinungsfreiheit auch nicht einschränken. Doch sie haben eine Verantwortung. Es werden dort immer mehr ganz zielgerichtet Falschmeldungen ausgesendet und das hat Folgen, beeinflusst Wahlen. Und in bestimmten Ländern ist das sogar eine Frage von Leben und Tod. Deshalb müssen Plattformen wie Facebook und Twitter aufräumen. Momentan suchen sie sich dafür externe Partner, die sogenannten Fact-Checking-Organisationen - das reicht aber nicht. Ihr Algorithmus müsste so aufgebaut sein, dass mich die überprüften Inhalte auch erreichen.

heute.de: Haben wir so ein bisschen die Kontrolle über das Internet verloren, weil sich vieles verselbstständigt?

Bayer: Ich würde nicht sagen, dass wir die Kontrolle verloren haben, aber wir sollten aktiver werden und uns das Internet wieder zu eigen machen. Jeder sollte sich mehr damit beschäftigen, wie das Internet funktioniert und wie ich Informationen filtere. Eine gewisse Medienkompetenz sollte vorhanden sein und immer mehr in den Ausbildungsbereich gehören. Es fängt in der Schule an. Schon dort sollte den Kindern beigebracht werden, Inhalte aus dem Netz kritisch zu hinterfragen.

Das Interview führten Katrin Ruhl und Markus Wolsiffer.

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