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Tibet: "Überwachung ist Alltag"

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Dalai Lama 60 Jahre im Exil - Tibet: "Überwachung ist Alltag"

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Seit 60 Jahren lebt der Dalai Lama im Exil. Noch immer wird er von vielen Tibetern verehrt. Kai Müller von der International Campaign for Tibet über Zustände und Hoffnungen.

Dalai Lama betet
Der Dalai Lama ist das geistliche Oberhaupt der Tibeter.
Quelle: dpa

heute.de: Seit 60 Jahren lebt der Dalai Lama im Exil, 2011 hat er auch seine politische Verantwortung abgegeben. Welche Aufgaben hat der Dalai Lama aktuell für Tibet?

Viele Menschen haben nach der Rückkehr des Dalai Lama gerufen.
Kai Müller, International Campaign for Tibet Deutschland

Kai Müller: Der Dalai Lama ist nach wie vor eine überragende Integrationsfigur für die Tibeter - im Exil und auch in Tibet selbst. Er hat natürlich keine politischen Aufgaben im engeren Sinne mehr, aber seine Prinzipien, vor allem die Suche nach Ausgleich über Dialog, sind immer noch relevant: Eintreten für die eigenen Rechte, aber eben auch Mitdenken, was die Interessen des Gegenübers (also der Chinesen) sind. Das ist trotz des großen Leids sehr präsent in der tibetischen Community. Dass der Dalai Lama verehrt wird, sieht man ja auch an den tragischen Selbstverbrennungen. Viele der Menschen, die diese traurige Form des Protests gewählt haben, haben nach der Rückkehr des Dalai Lama gerufen. Daran sieht man, wie groß der Wunsch nach seiner Gegenwart ist.

heute.de: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass der Dalai Lama nach Tibet zurückkommt?

Müller: Aufgrund der verhärteten Position der chinesischen Regierung ist es im Augenblick eher unrealistisch, dass in der nächsten Zeit eine Rückkehr stattfinden könnte. Die könnte es auch nur unter der Bedingung geben, dass Selbstbestimmung, Religionsfreiheit, politische, kulturelle und soziale Rechte gewährleistet sind. All diese Dinge müssten gegeben sein, damit der Dalai Lama zurückkehren kann, um auch als Dalai Lama zu wirken - als religiöse Führungsperson der Tibeter. Das ist im Augenblick nicht der Fall und da zeichnet sich leider auch keine Entwicklung zum Positiven ab. Wobei man sagen muss, dass internationaler Druck und Aufmerksamkeit für Tibet hilft, den Preis für die Repression für die chinesische Regierung zu erhöhen.

heute.de: Wie ist denn aktuell die Situation in Tibet?

Müller: Tibet ist ein totalitärer Polizeistaat. Neben den Eingriffen in die Religions- und Meinungsfreiheit sind dort mittlerweile alle denkbar möglichen Formen der Überwachung Alltag. Jetzt sollen in Lhasa sogar in Taxis Kameras mit künstlicher Gesichtserkennung installiert und die Daten dann gleich an die Behörden weitergeliefert werden. Das sind alles sehr bedrückende Zustände. Die chinesische Regierung setzt viel daran, nach außen ein ganz anderes Bild darzustellen, aber wenn man näher hinschaut und sich die Situation der Menschen vor Ort - soweit es denn aufgrund der Abschottung Tibets möglich ist - vergegenwärtigt, verschwimmt dieses Bild.

heute.de: Wenn China versucht, nach außen ein anderes Bild darzustellen: Ist es nicht kontrovers, dass sie aktuell wieder ausländischen Touristen die Einreise untersagen?

Die Situation ist nach 60 Jahren immer noch nicht im Griff.
Kai Müller, International Campaign for Tibet Deutschland

Müller: Ich denke, das zeigt eine große Unsicherheit über die Situation in Tibet. So eine Maßnahme kann man sich nur damit erklären, dass die Behörden in Sorge sind, dass bei möglichen Protesten von Tibetern ausländische Zeugen dabei sind. Das ist ein deutliches Zeichen der Schwäche und auch ein Zeichen dafür, dass die Situation nach 60 Jahren immer noch nicht im Griff ist.

heute.de: Sie haben den Dalai Lama vergangenen Sonntag getroffen. Wie hoffnungsvoll ist er denn noch in dieser eingefahrenen Situation?

Müller: Mein Eindruck ist, dass er sehr positiv und hoffnungsvoll ist. Er baut auf viele Chinesen, die Interesse am tibetischen Buddhismus und Verständnis für die Situation der Tibeter haben. Ich denke, sein großes Anliegen ist es, den Chinesen zu signalisieren, dass er beziehungsweise seine Verwaltung im Exil bereit ist, mit den Chinesen über die Problematik zu sprechen, um eine friedliche Lösung zu schaffen. Viele Tibeter sind nach wie vor hoffnungsvoll, dass es eine Lösung geben kann. Auch wenn das wahrscheinlich nicht allzu bald der Fall sein wird, können sich Dinge in China sehr schnell verändern.

heute.de: Das Vertrauen in den Dalai Lama zeigt sich auch immer wieder an den Protesten der Tibeter, die nach 60 Jahren immer noch größtenteils gewaltfrei und friedlich ablaufen.

Tibet-Proteste bei chinesischen U20-Nationalmannschaft
Tibet-Proteste bei einem Spiel der chinesischen U20-Nationalmannschaft 2017.
Quelle: dpa

Müller: Das ist tatsächlich sehr beeindruckend. Auch dass viele Menschen ihren Protest zeigen, obwohl sie damit rechnen müssen, lange Haftstrafen zu bekommen. Vor drei Jahren gab es einen sehr eindrücklichen Fall, als Tibeter den Geburtstag des Dalai Lama in der Öffentlichkeit gefeiert hatten und in der Folge zu Haftstrafen bis zu 14 Jahren verurteilt wurden. Das sind sehr mutige Zeugnisse von friedlichem Widerstand der Tibeter gegen all die Maßnahmen, die sie in ihrem Leben und in ihrer Freiheit einschränken. Es verdient wirklich internationale Unterstützung, dass sie über friedliche Mittel einen Wandel erreichen wollen.

heute.de: Der jetzige Dalai Lama ist mittlerweile 83 Jahre alt und steht speziell mit seiner Person für diese friedlichen Proteste. Wie kann es nach dem Tod des Dalai Lama weitergehen?

Das wäre eine sehr negative Entwicklung für die Tibeter.
Kai Müller, International Campaign for Tibet Deutschland

Müller: Es droht die Situation, dass die chinesische Regierung einen Dalai Lama ihrer Gnaden einsetzt. Das wäre sicherlich eine sehr negative Entwicklung für die Tibeter. Der Dalai Lama hat wiederholt betont, dass die Entscheidung über den nächsten Dalai Lama dem tibetischen Volk zusteht und nicht der Regierung in Peking. Die internationale Gemeinschaft muss das der chinesischen Regierung klar machen. Das Thema hat große Brisanz, weil natürlich damit zu rechnen ist, dass die Tibeter in Tibet und weltweit einen von der chinesischen Regierung eingesetzten Dalai Lama nicht akzeptieren würden.

heute.de: Hätten die Tibeter denn überhaupt eine Chance, von sich aus einen Dalai Lama zu bestimmen?

Müller: Im Exil kann das schon funktionieren. Die Rolle des Dalai Lama und seine Vorstellungen von seiner Reinkarnation sind entscheidend. Tibetische Lamas können auch außerhalb des Landes leben. Das ist ja bei allen Autoritäten des tibetischen Buddhismus der Fall und wäre also sicherlich kein Hinderungsgrund - wenn der Dalai Lama und die tibetischen Buddhisten im Exil zu einer neuen Wahl kämen. Die Frage wäre, wie die Tibeter darauf reagieren würden, dass die chinesische Regierung einen Dalai Lama bestimmt. Ich bin überzeugt, das birgt sehr viel Konfliktpotenzial.

Das Interview führte Laura Oehl.

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