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Ende des Rettungsschirms - "Das ist ein Schein-Austritt"

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Griechenland verlässt nach drei offiziellen Hilfsprogrammen den Rettungsschirm. Es handle sich aber um keinen echten Austritt, sagt Wirtschaftswissenschaftler Alexander Kritikos.

Euromünze auf einer griechischen Flagge
Euromünze auf einer griechischen Flagge Quelle: imago

heute.de: Wo steht Griechenland aktuell?

Alexander Kritikos: Griechenland hat in den vergangenen zehn Jahren rund 27 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts eingebüßt. Dabei wurde die private Wirtschaft besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Bis zum Jahr 2014 ist die Bruttowertschöpfung um 42 Prozent eingebrochen. Seitdem ist sie nur leicht wieder angestiegen. Im Vergleich zum Vor-Krisen-Niveau steht man bei 38 Prozent Rückgang. Vor allem bei den Kleinstunternehmen gab es bis 2014 einen dramatischen Rückgang um 60 Prozent.

zur Person

heute.de: Das bedeutet Leerstand in den Geschäften.

Kritikos: Ja, das kann man in Athen täglich erleben. Jeder zweite Laden ist zu.

heute.de: Und jetzt?

Kritikos: Seit gut drei Jahren beobachten wir eine moderat positive Seitwärtsbewegung der Wirtschaft. Aber das ist noch kein kraftvoller Neuanfang. Es gibt nur ein paar Sektoren, die es ganz gut durch die Krise geschafft haben, andere Wirtschaftsbereiche sind hingegen komplett abgestürzt.

heute.de: Ein Beispiel?

Kritikos: Gerade den Handel und das Baugewerbe hat es schwer getroffen.

heute.de: Was können wir von Griechenland in den nächsten Jahren erwarten?

Kritikos: Da, fürchte ich, wird es - wenn die Politik nicht einen neuen Kurs einschlägt und danach sieht es derzeit nicht aus - bei sehr moderatem Wirtschaftswachstum bleiben. Das steht aber unter einem hohen Risiko, denn ein Teil der griechischen Wirtschaft hängt stark vom Tourismus ab - ein labiler Faktor.

heute.de: Was bedeutet es für das Land?

Kritikos: Vom Vor-Krisen-Niveau ist man noch weit weg. Der Rückgang der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit wird sehr langsam vonstattengehen. Die offiziellen Zahlen sind bei 20 Prozent, ich glaube aber, die reelle Zahl ist höher. Das bedeutet auch, dass die gut Ausgebildeten weiterhin das Land verlassen werden, weil sie keine Perspektive im Land sehen. Da die Rahmenbedingungen schlecht sind, werden vor allem diejenigen Unternehmen, die die Wirtschaftskrise in Griechenland beenden könnten, gleichfalls weiterhin das Land verlassen.

heute.de: Von welchen Rahmenbedingungen sprechen Sie?

Kritikos: Innerhalb Europas werden die institutionellen und regulatorischen Rahmenbedingungen für die Standortentscheidung vor allem von innovativen Unternehmen immer wichtiger. Es gibt fünf wichtige Elemente wie Bürokratie, Produktmarktregulierung, gerichtliche Durchsetzung von privaten Ansprüchen, Kreditvergabe der Banken und Steuern. Das alles sind Rahmenbedingungen, die in Griechenland so schlecht sind, dass ich weiterhin nur mit moderaten Wachstumsraten von ein bis zwei Prozent rechne.

heute.de: Eigentlich ist es also gerade riskant, dass Griechenland den Rettungsschirm verlässt ...

Kritikos: Die Gläubiger haben den Austritt soweit abgeschirmt, dass das Risiko zunächst überschaubar bleibt. Es ist ja kein echter Austritt, sondern eher ein Schein-Austritt.

heute.de: Warum?

Kritikos: Griechenland hat einen Liquiditätspuffer von 15 Milliarden Euro erhalten. Die Rückzahlungsfristen für die bestehenden Kredite wurden erheblich gestreckt, so dass man in Griechenland in den kommenden zwei Jahren gar nicht an die Märkte müsste, um Staatsanleihen zu begeben. Sie werden es dennoch versuchen, um die Marktreaktionen zu testen. Hinzu kommt, dass die Gläubiger dem Land die Erzielung hoher Primärüberschüsse im Staatshaushalt vorgegeben haben.

heute.de: Das bedeutet?

Kritikos: Bis 2060, also noch weitere 42 Jahre, gibt es diese Vorgaben. Bis 2023 soll ein Primärüberschuss von 3,5 Prozent des BIP und bis 2060 von 2,2 Prozent erwirtschaftet werden. Aktuell, wenn das eingehalten wird, wird Griechenland keine neuen Schulden machen, weil das Land eben einen Überschuss, also mehr Staatseinnahmen als Staatsausgaben vor Zinszahlungen, erwirtschaften soll. Mit dieser Vorgabe versuchen die Gläubiger sicherzustellen, dass Griechenland für keine neuen Kredite an den Markt gehen wird, sondern nur die alten ablösen muss.

heute.de: Wie würden die Märkte auf Kreditwünsche der Griechen reagieren?

Kritikos: Durch die Absicherung dürfte es halbwegs funktionieren. Ich rechne mit Zinssätzen von bis zu vier Prozent, das sind natürlich erheblich höhere Zinsen, als zu Zeiten des Rettungsschirms, dort lagen sie bei 1,5 Prozent.

heute.de: Spielt da auch die Kontrolle des Haushalts durch die EU bis 2022 mit rein?

Kritikos: Kontrollen werden auch weiterhin viermal jährlich stattfinden und die Gläubiger werden kontrollieren, ob diese Primärüberschüsse erzeugt werden.

heute.de: Was raten Sie dem Land?

Kritikos: Die absurd lange Vorgabe bei den Primärüberschüssen durch die Gläubiger Griechenlands ist ja ein Zeichen höchstmöglichen Misstrauens. Die griechische Regierung muss sich daher Schritte zum Aufbau neuen Vertrauens überlegen. Aus meiner Sicht ist der einzige Weg eine eigenständige Fortsetzung der Reformen, und zwar gerade im Bereich der Strukturreformen, und nicht durch weitere budgetäre Veränderungen wie "Renten runter und Steuern hoch".

Auch wenn institutionelle Reformen sich nicht direkt budgetär auswirken, würden sie eine erheblich positive Ausstrahlung auf private Investoren haben. Ich bin mir sicher, würde eine griechische Regierung diese Art von Strukturreformen angehen, die in den letzten acht Jahren liegen gelassen wurden, wären auch die Gläubiger beim geforderten Primärüberschuss zu Zugeständnissen bereit. Denn sie wüssten, dass die griechische Wirtschaft dann anspringen würde. Auf die Weise bekäme das Land sein Staatsschulden-Problem viel besser unter Kontrolle.

Das Interview führte Florence-Anne Kälble.

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