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Nordsyrien - "Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende"

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Es ist delikat: Berlin hat Ankara mit Waffen beliefert - mit denen die Türkei gegen Kurden in Nordsyrien vorgeht. Nahost-Experte Meyer erklärt, was in der Region gerade passiert.

Panzer der türkischen Armee stehen am 22.01.2018 in Afrin (Syrien)
Panzer der türkischen Armee stehen am 22.01.2018 in Afrin (Syrien) Quelle: dpa

heute.de: Ist Berlin durch die Waffenlieferungen beteiligt an der aktuellen Offensive der türkischen Armee gegen die Kurden in Nordsyrien, in der Provinz Afrin? Die waren immerhin auch einmal Deutschlands Verbündete im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat.

Günter Meyer: Die Bundesregierung wird attackiert gerade wegen der Panzer-Exporte an die Türkei. Man muss aber klarstellen: Der "Leopard 1" ist in den 80er und 90er Jahren und der "Leopard 2" von 2006 bis 2011 geliefert worden. Das heißt, die aktuelle geschäftsführende Regierung ist dafür nicht verantwortlich. Die Verkäufe fanden statt in einer Situation, in der die Beziehungen zum NATO-Partner Türkei wesentlich besser waren. Damals liefen auch noch EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara. Die Panzer-Lieferungen erfolgten also unter völlig anderen politischen Voraussetzungen. Sehr wohl verantwortlich ist die Bundesregierung jedoch für den Anstieg sonstiger Rüstungsexporte in die Türkei in den letzten Jahren.  

heute.de: In Nordsyrien läuft eine Offensive des türkischen Militärs gegen die YPG ("Kurdische Volksverteidigungskräfte"). Was passiert da gerade?

Meyer: Aus türkischer Sicht ist die YPG brandgefährlich. Sie ist der bewaffnete Arm der PYD ("Partei der Demokratischen Union"), die einen eigenen Kurdenstaat Rojava in Nordsyrien aufbauen will. Die PYD ist wiederum eng verflochten mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei, die auch von der EU als Terrororganisation angesehen wird. Vor diesem Hintergrund ist der Kampf Erdogans gegen die Bedrohung der türkischen Südgrenze durch die YPG durchaus verständlich.

Gleichzeitig stellen die YPG-Kämpfer aber auch den größten Teil der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Dieser Zusammenschluss von vorwiegend kurdischen, aber auch einigen kleineren arabischen Milizen in Nordostsyrien wurde durch die USA forciert. Ziel war der Kampf gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS). Dafür wurden die SDF-Truppen von rund 2.000 US-Soldaten ausgebildet und bewaffnet. Dass dadurch auch der Türkei-Gegner YPD mit Waffen versorgt wurde, stieß von Anfang auf den Widerstand Ankaras.

heute.de: Wie kam es aber zur aktuellen Offensive?

Meyer: Zum Auslöser für die jüngste militärische Eskalation wurde dann die Erklärung der Amerikaner: "Wir bauen eine Grenztruppe hier im Nordosten des Landes auf" – südlich der türkischen Grenze, an der irakischen Grenze und entlang des Ostufers des Euphrat. US-Außenminister Rex Tillerson sprach von 30.000 Soldaten, die dort stationiert werden sollen. Die eine Hälfte sollen Truppen der SDF stellen, also vorwiegend YPG-Anhängern. Die andere Hälfte sollen lokal rekrutierte Kämpfer bilden, die von US-Soldaten trainiert und mit Waffen versorgt werden. Offiziell dient diese Maßnahme dazu, ein Wiedererstarken des IS zu verhindern. Ziel ist aber auch, die politische Einflussnahme Washingtons in Syrien durch die dortige zeitlich unbegrenzte Stationierung von US-Truppen zu stärken.

heute.de: Die Regierung in Ankara sieht die angekündigte Stationierung der überwiegend kurdischen Streitkräfte an der türkischen Südgrenze vermutlich nicht gerne.

Meyer: Für den türkischen Präsidenten Erdogan steht außer Zweifel, dass die "Terrormiliz" YPG mit Hilfe von US-Ausbildern und US-Waffen nicht nur eine Grenztruppe, sondern eine komplette eigenen Armee für einen neuen Kurdenstaat in Nordost-Syrien etablieren will. Ein durchaus wirtschaftlich überlebensfähiger Staat, der nicht nur über die größten Öl- und Erdgasreserven in Syrien verfügen würde. Mit dem Assad-Staudamm am Euphrat würde er auch die wichtigste Quelle der syrischen Wasser- und Energieversorgung kontrollieren. Das wäre eine derartig bedrohliche Entwicklung, die Erdogan mit allen Mitteln, einschließlich einer völkerrechtswidrigen militärischen Invasion in Syrien verhindern will.

heute.de: Wenn Erdogan einen Kurdenstaat verhindern will, an dessen gegenwärtiger Grenze in Nordost-Syrien die SDF-Truppen stationiert werden sollen, warum greift er dann nicht dort, sondern in der kurdischen Enklave Afrin im Nordwesten Syriens?

Meyer: In Afrin spielte der Kampf gegen den IS praktisch keine Rolle. Außerhalb des weiter östlich gelegenen Gebietes, das von den SDF-Truppen kontrolliert wird, sind keine US-Soldaten im Einsatz. Damit besteht keine Gefahr, dass der türkische Angriff auf Afrin zu einer direkten Konfrontation mit Truppen des NATO-Partners USA führen kann.

In Afrin waren aber auch rund 150 russische Militärberater stationiert. Deren Aufgabe bestand darin, die kurdische Enklave vor einer Besetzung durch Assad-Gegner der Freien Syrischen Armee (FSA) und türkische Truppen zu schützen. Die hatten 2016/17 im Rahmen der "Operation Schutzschild Euphrat" syrische Gebiete nördlich von Aleppo erobert. Dadurch wurde das westliche von den weiter östlich gelegenen Kurdengebieten getrennt.

Jetzt fand unmittelbar vor dem jüngsten Angriff auf Afrin ein Besuch der türkischen Militärführung in Moskau statt. Dabei erhielt Ankara offenbar grünes Licht für die Invasion in Nordwest-Syrien: Die russischen Militärberater zogen sich aus Afrin zurück, während Erdogan im Gegenzug die Angriffe der von Russland unterstützten syrischen Regierungstruppen gegen die Dschihadisten in der Deeskalationszone von Idlib tolerierte.

heute.de: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung in Nordsyrien ein?

Meyer: Der Kampf um Afrin ist voraussichtlich noch lange nicht beendet. Es ist zu befürchten, dass die Zahl der Opfer auf beiden Seiten und hier insbesondere unter der kurdischen Zivilbevölkerung noch dramatisch ansteigen wird. Angesichts der Übermacht der türkischen Streitkräfte gibt es niemanden, der einen militärischen Sieg Erdogans in Afrin und die dort angekündigte Errichtung einer 30-Kilometer-Sicherheitszone entlang der türkischen Grenze verhindern könnte.

Karte von Syrien und der Türkei mit den Städten Afrin und Manbidsch
Die umkämpften Städte Afrin und Manbidsch Quelle: ZDF

Die spannende Frage ist dann allerdings, ob Erdogan seinen Schwur wahrmachen wird, nicht nur Afrin, sondern auch die Stadt Manbidsch und damit das östliche Kurdengebiet anzugreifen. Dies hatte er bereits einmal im Rahmen von "Schutzschild Euphrat" versucht, nachdem die SDF-Truppen zuvor die einstige IS-Hochburg erobert hatten. Der gemeinsame Angriff von FSA und türkischen Einheiten wurde jedoch abgeblasen, als die USA demonstrativ gepanzerte Fahrzeuge mit US-Flaggen in den Straßen von Manbidsch auffahren ließen. Wird Erdogan es tatsächlich riskieren, ein zweites Mal dort die von den USA unterstützten kurdischen SDF-Truppen anzugreifen - und damit eine direkte militärische Konfrontation mit dem NATO-Partner zu beginnen? Oder wird die US-Regierung die kurdischen Verbündeten opfern, um nicht die geostrategisch ungleich wichtigere militärische Partnerschaft mit der Türkei scheitern zu lassen?

Das Interview führte Elisabeth Jändl

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