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Umbruch in Saudi-Arabien - "Kronprinz Mohammed befeuert so viele Krisen"

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Der saudische Thronfolger riskiert außen- und innenpolitisch viel: Im heute.de-Interview spricht Islamwissenschaftlerin Ulrike Freitag über seine "sehr gefährliche Politik".

Kronprinz Mohammed von Saudi-Arabien
Kronprinz Mohammed von Saudi-Arabien
Quelle: reuters

heute.de: Kronprinz Mohammed bin Salman (32) gilt als der neue, starke Mann in Saudi-Arabien. Wie würden Sie ihn charakterisieren?

Ulrike Freitag: Er wird oft als "junger Mann in großer Eile" beschrieben. Auf jeden Fall ist er sehr zielstrebig und machtbewusst. Im Kern treibt ihn eine autoritäre Modernisierung des Königreiches an. Außerdem will er sicherstellen, dass er auch wirklich der nächste König wird, was angesichts des großen Verschleißes von Thronfolgern in Saudi-Arabien in den letzten zwei Jahren nicht selbstverständlich ist.

heute.de: Saudi-Arabien führt Krieg im Jemen, ist im Konflikt mit Konkurrent Katar, nimmt nun auch den Libanon ins Visier und greift damit Iran frontal an. Wie gefährlich ist die Politik Mohammeds für die Stabilität der Region?

Freitag: Ich halte sie für sehr gefährlich, weil Mohammed so viele Krisen befeuert. Im Jemen etwa, diesem bitterarmen, aber bevölkerungsreichen Land, erleben wir eine gewaltige humanitäre Katastrophe, in dem Krieg, Krankheiten und Hunger herrschen. Millionen Menschen leiden. Die Art, wie Saudi-Arabien dort Krieg führt, bereitet auch den Nährboden für künftigen Terrorismus. 

Zudem treiben die Saudis mit ihrer Blockadepolitik den Nachbarn Katar weiter in die Arme Irans, also des saudischen Erzfeindes. Der offenbar von Saudi-Arabien erzwungene Rücktritt des libanesischen Regierungschefs sorgt dafür, dass der labile Staat Libanon unterminiert und zu einer Front wird im Kampf mit Iran um die Vormacht in der Region. Ich denke, ohne eine Verständigung zwischen Saudi-Arabien und Iran kann dort alles in Flammen aufgehen.

heute.de: Die aktuellen Botschaften aus Riad klingen aber alles andere als diplomatisch …

Freitag: Ja, der Hass auf Iran und die Schiiten ist extrem tief verankert in breiten Teilen der saudischen Bevölkerung. Er führt auch zu einer Art Bürgerkrieg in der schiitisch geprägten Ostprovinz Saudi-Arabiens. Die enge Allianz mit US-Präsident Trump gegen Iran führt dazu, dass der Konflikt weiter eskaliert, weil sich der saudische Kronprinz und Trump darin einig sind, dass die Iraner der Grund allen Übels seien. Unter solchen Voraussetzungen wächst die Hoffnung auf eine friedliche Konfliktlösung nicht gerade. 

Karte vom Jemen, Iran und Saudi Arabien
Karte vom Jemen, Iran und Saudi Arabien
Quelle: ZDF

heute.de: Auch im Inland scheut der saudische Thronfolger keinen Konflikt. Er befiehlt gesellschaftliche und wirtschaftliche Reformen und räumt Rivalen aus dem Weg. Mit welchen Widerständen kämpft er innenpolitisch?

Freitag:  Zunächst muss man sagen, dass es eine populäre Zustimmung zur Bekämpfung der Korruption und zur anti-schiitischen Politik gibt. Aber Mohammed konfrontiert den Rest der Königsfamilie, indem er seine größten Konkurrenten um den Thron entmachtet hat. Zudem liegt er im Clinch mit der entmachteten Religionspolizei und mit dem konservativen Teil der Bevölkerung. Man darf nicht unterschätzen, dass etwa Mohammeds symbolische Erlaubnis für Frauen, künftig Auto fahren zu dürfen, in konservativen Kreisen extrem unbeliebt ist.

heute.de: Wer sind seine wichtigsten Unterstützer im Volk?

Freitag:  Gerade die jungen Saudis sehen ihn als großen Hoffnungsträger, der weitere gesellschaftliche Reformen vorantreibt. Es bleibt jedoch die Frage seiner Glaubwürdigkeit. Bei anderen bekämpft er Korruption und lässt derzeit angeblich 800 Milliarden US-Dollar an Privatvermögen konfiszieren, um die staatlichen Finanzlöcher zu stopfen. Er riskiert massive Flucht von Kapital, das er für seine ehrgeizigen Investitionspläne braucht. Das geht nur, wenn sein eigener Umgang mit Staatsgeldern transparent ist. Dazu passt zum Beispiel nicht, dass sich der vermeintliche "Sparprinz" im vergangenen Jahr spontan eine Luxusjacht für angeblich 500 Millionen Euro gegönnt hat.

heute.de: Inwiefern treibt das oft beschriebene "Ende des Öl-Zeitalters" die Reformpläne in Saudi-Arabien voran?

Freitag: Das ist ein wesentlicher Antrieb. Erdöl sorgt dort heute noch für 90 Prozent der Staatseinnahmen, aber auch der eigene Verbrauch ist immens und die sinkenden Ölpreise sorgen für geringere Staatseinnahmen. Eine Modernisierung Saudi-Arabiens ist also dringend nötig. Offen bleibt, ob es dem jungen Thronfolger gelingt, das Ruder herumzureißen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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