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Lech Walesa erinnert sich - "Liebe Herren, gleich fällt die Berliner Mauer"

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Für Polens früheren Präsidenten Lech Walesa kam der Mauerfall nicht überraschend. Erfolgreiche Streiks in Polen hätten die Deutschen damals mobilisiert, erinnert er sich.

Archiv: Lech Walesa, am 04.07.2018 in Warschau, Polen
Lech Walesa
Quelle: AP

Genau vor 30 Jahren traf Lech Walesa Helmut Kohl in Warschau. Die Neuigkeiten aus Berlin überraschten den Bundeskanzler. Walesa nicht. "Wir Polen haben dem russischen Bären die Zähne ausgeschlagen. Wir zeigten den Deutschen, wie man kämpfen kann", sagt der legendäre Anführer der Gewerkschaft Solidarnosc und ehemalige polnische Staatspräsident. Im Interview erinnert sich Lech Walesa an den November 1989 und warnt vor einer neuen Mauer in den Köpfen der Menschen.

heute.de: Wie erinnern Sie sich an den 9. November 1989?

Lech Walesa: Ein oder zwei Tage vorher hatte ich ein Treffen mit der deutschen Regierung - Kanzler Kohl, Minister Genscher und die Delegation in Warschau. Ich war noch Gewerkschafter, aber Tadeusz Mazowiecki war schon Ministerpräsident. Ich war nicht diplomatisch, wie immer. Und plötzlich nach der Begrüßung fing ich so an: 'Liebe Herren, gleich fällt die Berliner Mauer, gleich fällt die Sowjetunion. Sind Sie darauf vorbereitet?' Konsternierung - was für eine Frage! Minister Genscher holte Atem. 'Lieber Herr Walesa', antwortete mir Minister Genscher, 'wir hätten gerne solche Probleme. Das wird nicht zu unseren Lebzeiten passieren. Auf unseren Gräbern werden schon große Bäume gewachsen sein.' Sie mussten dann diesen offiziellen Besuch unterbrechen und nach Deutschland zurückkehren. 

heute.de: Wollte der Westen Ihnen nicht glauben?

Walesa: Niemand hat daran (an den Mauerfall, Anm. d. Red.) geglaubt. Ich habe damals und bis heute Herrn Genscher als größten Intellektuellen Europas gesehen. Er war der klügste Mann Europas, aber er war Profi. Und damals haben alle Profis - in den USA und überall - gezählt, wie viele Tanker und Raketen jede Seite hat und wer welche Interessen hat. Ihre Rechnung hat nur ein Resultat ergeben: Das kann nicht passieren. Nur ein Atomkrieg könne zum Mauerfall beitragen. Sie, als Theoretiker, haben keine andere Möglichkeit berücksichtigt. Und Polen, eine Nation, die seit Jahrhunderten gekämpft hat, hat es anders gefühlt.

Woran habe ich mich damals orientiert? Vor allem daran, dass wir einen Papst hatten, der uns verteidigen wird, wenn sie (die Sowjets, Anm. d. Red.) uns überfallen. Die Sowjets waren in Asien verstrickt und ökonomisch sehr schwach. Und das dritte Argument: Die Generalsekretäre haben sehr schnell gewechselt - Breschnew, Andropow, Tschernenko, Gorbatschow. Jeder von ihnen hatte seine eigenen Leute eingestellt und die haben das System stark destabilisiert. Es gab keine bessere Möglichkeit. Das war die beste Chance, um die Spaltung der Welt zu beenden.

heute.de: Inwieweit haben die Polen die Deutschen mobilisiert?

Walesa: Ich habe unser Volk und andere Völker ermuntert und aufgehetzt. Die Streiks in Polen waren der Beweis: Man kann überleben. Und Polen hat mit mir auf diese Weise andere Republiken aufgehetzt. Die Deutschen auch. Und sie haben auch Demonstrationen organisiert. Sie haben es erkämpft. Aber erst, als Polen dem Bär die Zähne ausgeschlagen hatte, damit er nicht mehr beißen konnte. 

Wenn die Deutschen nicht gesehen hätten, dass wir es schaffen, dass man protestieren kann, wären sie da nicht rangegangen. Das deutsche Volk ist sehr diszipliniert. Aber sie haben gesehen, dass nichts passieren wird, und deswegen haben sie sich entschieden, nach vorne zu gehen.

heute.de: Hatten Sie und die Polen damals vor 30 Jahren Angst vor einem großen, vereinten Deutschland?

Walesa: Ich hatte nur vor Gott Angst. Und ein bisschen vor meiner Frau.

heute.de: Die Berliner Mauer existiert nicht mehr. Wo sehen Sie eine Mauer heutzutage?

Walesa: Im gesellschaftlichen Bewusstsein. Es fehlt uns an Lösungen. Die Frage ist: Was ist unsere Grundlage heutzutage? Wenn ich diese Frage auf den unterschiedlichen Kontinenten stelle, ist der Raum normalerweise gespalten. Für einen Teil sind Freiheit, freier Markt und Recht die entsprechende Grundlage. Der andere Teil sagt: Nein, nein, darauf kann man nichts bauen. Und niemand will seine Position ändern. 

Wir hatten die Chance, die Spaltungen und Hindernisse zu überwinden. Und das haben wir friedlich gemacht. Aber nachdem wir diese Hindernisse zerstört haben, muss etwas Neues aufgebaut werden. Wir wollen die Vergangenheit nicht mehr, aber wir haben keine neuen Lösungen bisher, sie müssen aus der Diskussion kommen. Ihr, die Medien, solltet diese Diskussion beschleunigen.

Wer sonst könnte das machen? Die Politiker? In die Politik gehen nur diejenigen, die woanders nichts geschafft haben. Ich war in der Politik, ich habe es beobachtet. Sie sind die Versager, ich inbegriffen. Wer kann die Welt ändern? Vor allem die Medien und die Intellektuellen.

heute.de: Was würden Sie heute den jungen Deutschen sagen, die sich an 1989 nicht erinnern können?

Walesa: Ihr seid eine Generation der größten Chancen. Ihr habt die Chance auf Frieden, Entwicklung und Wohlstand. Dafür braucht ihr Strukturen und Programme. Es gibt kein Deutschland, kein Polen. Es gibt Europa. Darüber hinaus sollten wir global denken. Zu den globalen Themen gehört Ökologie. Ohne globales Denken werden wir die nächsten 100 Jahre nicht überleben.

Damals war das Gegengewicht groß - Sowjetunion und Kommunismus. Wir mussten ganz Polen organisieren - das war zu wenig. Europa musste mit - noch zu wenig. Also global ran: USA, Kanada, Japan usw. - erst dann hat es gereicht, um es zu schaffen.

heute.de: Wie sehen Sie das heutige Polen?

Lech Walesa
Lech Walesa
Quelle: ZDF

Walesa: In Polen werden Verfassung und Dreiteilung der Macht verletzt. Ich sage es laut: Ich akzeptiere es nicht, und deswegen trage ich dieses T-Shirt. Und ich werde es bis zu meinem Tod anziehen, solange sich nichts ändert. Dieses mutige Volk, das für die Demokratie gekämpft hat, hat es zugelassen, dass die Populisten, Demagogen und Betrüger die Wahlen gewonnen haben. Und jetzt ist diese Nation in Schwierigkeiten. Bagatellisiere die Demokratie nicht! Lass es nicht zu, dass die Populisten und Demagogen die Wahlen gewinnen. So was erzähle ich im Westen und auf der ganzen Welt.

Das Interview führten Natalie Steger und Milena Drzewiecka.

Mehr zu 30 Jahren Mauerfall finden Sie auf unserer Schwerpunkt-Seite:

Gedenken an die Ereignisse in Leipzig am 09.10.1989

Nachrichten - 30 Jahre friedliche Revolution

Hintergründiges zum friedlichen Mauerfall im Jahr 1989.

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