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"Asyltourismus" und Trump-Tweets - Wenn Begriffe zu politischem Kapital werden

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Worte beeinflussen unser Denken. Wie aus Begriffen wie "Asyltourismus" politisches Kapital geschlagen wird, erklärt Sprachwissenschaftler Henning Lobin im Interview.

Flüchtlinge am 25.11.2017 im Hafen von Trapani (Italien)
Flüchtlinge in einem italienischen Hafen - darf man diese Menschen als Asyltouristen bezeichnen?
Quelle: ap

heute.de: Kanzlerin Merkel hat es gesagt, Bundespräsident Steinmeier, jetzt weist auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Voßkuhle darauf hin, dass wichtige Akteure in Politik und Gesellschaft besser auf ihre Sprache achten müssten. "Asyltourismus", "Herrschaft des Unrechts" oder auch "Anti-Abschiebeindustrie" sind zuletzt in der politischen Debatte als Begriffe gefallen. Was bezwecken diejenigen damit, die so reden?

Henning Lobin: Das sind Begrifflichkeiten, die ein bestimmtes Bild erzeugen sollen und dann bestimmte Handlungen möglich erscheinen lassen, die sich daraus dann automatisch oder notwendig ergeben.

Der Begriff Tourismus in dem Wort Asyltourismus erweckt einen gewissen Rahmen. Wir nennen das einen Frame. Er ist geprägt durch Dinge, die wir alle kennen: Strand, Erholung, Freizeit, Urlaub mit der Familie und Ähnliches. Das wird nun in einen Zusammenhang gebracht mit politischem Asyl, was ein Rechtsanspruch ist, den man nach dem Grundgesetz in Deutschland hat.

Ein Anspruch, der nach Auffassung einiger Politiker ausgenutzt wird, um innerhalb Europas von Land zu Land zu reisen. Das wird in diesem Wort als Tourismus beschrieben und in der Weise positiv aufgeladen, dass hier der Eindruck erweckt wird, als ob es sich um eine dem touristischen Freizeitverhalten gleichgesetzte Angelegenheit handelt. Eine solche Gleichsetzung bezweckt dieser Begriff, und daraus soll politisches Kapital geschlagen werden.

heute.de: Wenn Sie auf die Debatten der vergangenen Monate zurückschauen, wie und warum hat sich Sprache verändert?

Archiv: Eine Frau tippt auf ihrem Smartphone
Immer online: Die Digitalisierunge hat die Wahrnehmung von Kommunikation verändert (Archivbild).
Quelle: dpa

Lobin: Es ist wissenschaftlich sehr schwer, in so kurzen zeitlichen Perioden tatsächlich sprachliche Veränderungen mit Gewissheit festzustellen. Ich glaube, dass der Eindruck, dass sich die Sprache verändert und eine Art Verrohung stattfindet, damit zu tun hat, dass wir tatsächlich sehr viel deutlicher nachvollziehen können, wie Menschen tatsächlich reden und welche Begriffe sie verwenden.

Früher hat man mit jemanden gesprochen, über den Gartenzaun hinweg vielleicht oder am berühmten Stammtisch, und hat da auch gleich eine Reaktion auf seine Äußerungen erlebt. Das Ganze ist in einem privaten Bereich geblieben. Das ist heute nicht mehr zwangsläufig so. Wir nehmen das auf allen möglichen Ebenen in den sozialen Medien wahr. All das ist ein großer Perspektivwechsel, der durch die digitale Kommunikation hervorgerufen worden ist, und der sich eben auch in der politischen Sphäre stark bemerkbar macht.

heute.de: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Sprache und letztendlich der Handlung in der Gesellschaft von Menschen?

Lobin: Wir denken nicht zwangsläufig nur so, wie es uns die Sprache vorgibt. Aber die Sprache lenkt unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Begriffe hin. Das ist etwas, was durch psychologische Experimente recht gut untersucht wurde. Wenn ich ein Wort wie Strandurlaub oder Altersheim sage, tritt uns sofort eine ganz bestimmte Szenerie vor Augen. Wenn die aktiviert ist, fallen unmittelbar danach auch bestimmte Entscheidungen etwas anders aus - wenn man sich eine größere Anzahl von Versuchspersonen anschaut. Das sind Effekte, die tatsächlich mit jedem einzelnen Wort, mit jedem Satz ausgelöst werden.

heute.de: Über Politik gibt es auch in sozialen Netzwerken einen regen Austausch. Mit Donald Trump ist Twitter quasi zu einem Verlautbarungskanal eines Staatschefs geworden. Wie geht er mit der knappen Zeichenbegrenzung dort um?

US-Präsident Trump will mit Russland besser zusammen arbeiten.
Politik per Twitter: Das beherrscht US-Präsident Trump perfekt (Archivbild)
Quelle: Jussi Nukari/Lehtikuva/dpa

Lobin: Trump versteht es, diese Klaviatur virtuos zu spielen. Er nutzt diesen Kanal, um sehr früh ein solches Framing vorzunehmen und seine Sichtweise, die oftmals ja durchaus bildhaft von ihm dargestellt wird, sehr frühzeitig in die Debatte einzubringen. Wenn erst mal ein Deutungszusammenhang, ein Begriff geäußert und ein Frame aktiviert worden ist, dann ist es ziemlich schwer, davon komplett wegzukommen. Alle, die mit diesem Frame konfrontiert werden, sind gewissermaßen in diese Deutung eingerastet. Und es erfordert einen erhöhten Aufwand, dem eine alternative Deutung durch andere Begriffe und Frames entgegenzustellen. Das ist etwas, was es sehr schwer macht, mit diesen frühzeitigen, ungefilterten Äußerungen von Trump politisch umzugehen.

Das Interview führte Martin Krauß.

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