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Soziologe Pohlmann - "Korruption trifft meistens Normalos"

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Panama-Papers, Ibiza-Videos: Korruption ist allgegenwärtig. "Sie fängt im Kleinen an", sagt der Soziologe Pohlmann zum Welttag gegen Korruption - schon bei einem teuren Stift.

Korruption - Geldschein wird übergeben
Am 9. Dezember ist Welttag gegen Korruption (Symbolbild).
Quelle: dpa

heute.de: Warum ist die Menschheit für Korruption anfällig? Haben wir zu wenig Rückgrat?

Markus Pohlmann: Korruption hat nichts mit stark und schwach zu tun. Das trifft meistens Normalos. Wir alle bewegen uns in einem bestimmten System. Jede Kultur, jedes Unternehmen hat ungeschriebene Regeln. Und an die will ich mich erst einmal halten, um mitspielen zu können. Und manchmal gibt es eingefahrene Regeln, die nicht korrekt sind, aber trotzdem funktionieren. Korruption fängt im Kleinen an.

heute.de: Zum Beispiel?

Pohlmann: Die berühmte Kaffeekasse! Die kann ganz harmlos sein: Jeder zahlt fünf Euro und davon finanziert sich das Büro-Team Kaffee, Milch und Zucker. Letztlich kann man aber aus der Kaffeekasse auch laufende Zahlungen tätigen. Und plötzlich ist man mitten im Graubereich. Aus der Kaffee- oder Portokasse kann eine schwarze Kasse werden, aus der dann auch Schmiergelder bezahlt werden. Andere Beispiele sind die Geschenke, die etwas wertvoller ausfallen als nötig. Eine Gefälligkeit, die unangemessen sein kann. Oder die Dienstreiseabrechnung, die etwas großzügiger ausfällt.

heute.de: Kamen Sie schon einmal in Versuchung?

Pohlmann: Als Uni-Professor habe ich keine schillernden Beispiele wie die Wirtschaft zu bieten. Aber wenn ein Studierender kurz vor seinem Abschied ein Geschenk macht, frage ich mich schon: Kann ich das annehmen - oder ist es ein Versuch, Einfluss auf die Abschlussnote zu nehmen? Dann muss ich das Geschenk natürlich ablehnen - erst recht, wenn es nicht verhältnismäßig ist.

heute.de: Haben Sie schon einmal ein Geschenk abgelehnt?

Pohlmann: Ins Hadern kam ich, als ein Student aus Bangladesch mir ein Kleidungsstück zum Abschied geschenkt hat. Keine Ahnung, ob das wertvoll war oder nicht. Trotzdem konnte ich es nicht einfach annehmen. Ich musste mit ungeschriebenen Regeln der Höflichkeit brechen.

heute.de: Wenn ein Arzt einem Kassenpatienten erst in sechs Wochen einen Termin gibt, der Privatpatient aber schon nächste Woche drankommt: Ist das auch Korruption?

Pohlmann: Nein, aber ethisch fragwürdig und einfach nicht korrekt. Korruption wäre es, wenn eine Behandlung gegen ein paar hundert Euro Schmiergeld sorgfältiger durchgeführt wird als bei anderen Patienten. So ist das teilweise in China: Dort bekommen viele Ärzte einen roten Umschlag. Dann wissen sie: Um diesen Patienten kümmere ich mich intensiver.

heute.de: Muss ein deutsches Unternehmen korrupt sein, um in China Erfolg zu haben?

Pohlmann: Nein. Das deutsche Unternehmen muss zwar viele Maßnahmen durchführen, um Korruption zu unterbinden. Sonst kommt es im Fall des Falles zu keinen Strafmilderungen. Besonders für Aktiengesellschaften hört dann der Spaß auf. Das Problem ist: Deutsche Unternehmen arbeiten oft mit Drittparteien in China zusammen, die sich der Kontrolle weitgehend entziehen.

heute.de: Wie denn?

Pohlmann: Agenturen und Beratungsunternehmen schmieren Beamte, Entscheider und Kaderleute. Das deutsche Unternehmen steckt dann in einem Dilemma: Ohne die Agenturen kommen sie keinen Schritt weiter. Und die Agenturen verhalten sich oft so intransparent, dass man als Kulturfremder die Spiele im Hintergrund gar nicht blickt.

heute.de: Was können Firmen tun, um Korruption zu verhindern?

Pohlmann: Die Chefs müssen eine Firmenkultur vorleben, die klarmacht: Korruption ist mit unseren Werten unvereinbar. Punkt. Und sie müssen Seilschaften aufbrechen. Viele Firmen haben ein "old boys network": Kollegen, die sich seit 20 Jahren kennen und gemeinsam Karriere gemacht haben. Da deckt einer den anderen, so entstehen Regelabweichungen. Wenn man Außenseiter reinbringt, verändert sich das Spiel. Plötzlich muss man alles begründen.

heute.de: Kann Frauenförderung Korruption verhindern?

Pohlmann: Statistisch sind Frauen allgemein weniger kriminell als Männer, das gilt auch für die Wirtschaftskriminalität. Das kann aber auch daran liegen, weil Frauen bislang weniger in Führungspositionen waren. Diversity kann also ein Ansatz für Prävention sein.

Nachrichten | heute - in Europa - Korruption in Ungarn

Rechtsstreitigkeiten über Wahlergebnisse oder Fälle von Korruption, davon gibt es reichlich in Orbans Ungarn, sagen seine Kritiker. Nun geht es auch zulasten der Natur, wie das Beispiel vom Weltnaturerbe Neusiedler See zeigt.

Videolänge:
2 min

heute.de: Wie korruptionsanfällig ist Deutschland?

Pohlmann: Der Diesel-Skandal hat gezeigt: Die Deutschen sind längst nicht mehr so korrekt, wie ihr Image es mal war. Ein Thema bei uns in Deutschland ist die Wirtschaftskriminalität. Auch das Gesundheitswesen ist nicht frei von Korruption: Wenn ein Vertragsarzt die vor- und nachstationäre Untersuchung im Krankenhaus gegen ein unangemessenes Entgelt durchführt und im Gegenzug das Krankenhaus bei der Zuführung von Patienten bevorzugt wird, kann das durchaus im Einzelfall strafbar sein.

heute.de: Panama-Papers, Ibiza-Video: Heutzutage kommt doch alles raus. Warum ist Korruption trotzdem noch ein Thema?

Pohlmann: Weil längst nicht alles rauskommt! Wenn Korruption nicht aufgedeckt wird, ist sie sehr bequem und lukrativ: Vieles lässt sich im internationalen Geschäft mit Geld beschleunigen. Oder man kann sich absprechen und höhere Preise bei der Auftragsvergabe fordern.

heute.de: Wer hat bei der Korruption den Schaden?

Pohlmann: Korruption hat immer Gewinner und Verlierer. Verlierer ist zum Beispiel der Konkurrent, der nicht an den Auftrag kommt. Oder der Staat, der weniger Steuern einnimmt oder an Vertrauen verliert. Langfristig verlieren aber auch die kleinen Leute, wenn sie bei krummen Geschichten mitmachen, Schwarzgeld bekommen – aber dann weniger in die Rentenkasse einzahlen.

Das Interview führte Raphael Rauch. Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

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