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Ein Jahr #MeToo - "Sexualisierte Gewalt wurde ignoriert"

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Ein Jahr nach Beginn der #MeToo-Debatte gebe es noch viel zu tun, sagt die Professorin Tanja Thomas. Manche Studierende machten in Praktika immer noch Erfahrungen von Sexismus.

Das #MeToo-Hashtag wurde bereits millionenfach verwendet.
Das #MeToo-Hashtag wurde bereits millionenfach verwendet. Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

heute.de: Viele Frauen und auch manche Männer haben eine #MeToo-Erfahrung gemacht. Sie auch?

Tanja Thomas: Ich kenne kaum eine Kollegin, die im beruflichen Umfeld keine Erfahrungen mit alltäglichem sexistischen Verhalten gemacht hat. Das bedeutet nicht in jedem Fall, dass es zielgerichtete Angriffe waren. Aber eben welche, die Machtverhältnisse klarstellen. Widerspruch ist hier wichtig, auch von Männern, um gegen männliche Komplizenschaft zu intervenieren.

heute.de: Was wünschen Sie sich konkret?

Thomas: Zuspruch kommt meist, wenn überhaupt, dann vor der Tür unter vorgehaltener Hand. Meiner Erfahrung nach ist es in und nach solchen Situationen immens wichtig, Erfahrungen in solidarischen Netzwerken unter Frauen austauschen zu können. Andererseits braucht es Männer wie Frauen, die sexistisches Handeln ansprechen und kritisieren – auch wenn Frauen damit Gefahr laufen, als "feministische Spielverderberin" oder Schlimmeres zu gelten. Ob und wann sie sich dazu in der Lage fühlen, hängt auch davon ab, wie viel Kraft gerade zur Verfügung steht.

heute.de: Was hat sich durch #MeToo geändert?

Thomas: Es gibt eine länger andauernde öffentliche Debatte über sexualisierte Gewalt und Alltagssexismus. Das Beschweigen von Sexismus ist zumindest ein stückweit aufgebrochen. Überdeutlich wurde, dass es nicht nur den medial vielfach thematisierten Sexismus der "Anderen", der "Fremden" gibt, sondern Sexismus strukturell verankert ist inmitten der Gesellschaft. Es ist zentral, Erfahrungen verschiedenster Formen von Sexismus öffentlich thematisierbar zu machen – um Rückzug, Scham und Fragen nach der eigenen Schuld auf Seiten der Betroffenen zu verhindern und Möglichkeiten des individuellen und gesellschaftlichen Umgangs zu entwickeln.

heute.de: Welche Probleme gibt es nach wie vor, trotz #MeToo?

Thomas: Stimmen in der Debatte haben oft versucht, Sexismus entweder zum Problem von Frauen zu machen, die einfach nur zu wenig schlagfertig, selbstbewusst oder mutig sind, um sich zu wehren. Oder aber es wurde undifferenziertes Klagen über so genannte Galanterie, ritterliches Hofieren, Flirtversuche bis hin zur Vergewaltigung vorgebracht und eine prüde Gesellschaft als Folge heraufbeschworen. Damit werden Sexismus-Erfahrungen teilweise ins Lächerliche gezogen, teilweise als bedauerliche Ausnahmen von Einzeltätern dargestellt.

heute.de: Manchs ältere Herren beklagen, Frauen keine Komplimente mehr zu machen – aus Angst, als Sexist zu gelten. Wo hört ein Kompliment auf – und wo fängt #MeToo an?

Thomas: Komplimente, Flirts, Erotik beinhalten eine dialogische Begegnung, beiderseits aktives, wenn man so will spielerisches Gestalten von Szenen. Sexismus beruht auf dem Ziel, das bedrohte Selbstwertgefühl des Einen auf Kosten des Anderen zu regulieren, Macht auszuüben. Diejenigen mit Macht wissen meistens genau, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Dabei sind nicht nur Männer gemeint. Doch richtet sich ein aggressiver Sexismus aufgrund der historisch verankerten Geschlechterhierarchien eben wesentlich gegen Frauen.

heute.de: Kritik an #MeToo kommt aber auch von Frauen. Die Schauspielerin Catherine Deneuve hat für die Freiheit geworben, "lästig zu sein". Verkrampfen wir durch #MeToo?

Thomas: Die Debatte übersieht, dass sexistisches Verhalten auf Mustern kultureller und sozialer Ordnung beruht, in dem Männlichkeit und Weiblichkeit mit unterschiedlichen Wertsetzungen verbunden ist. Um Erotik oder Flirts auf Augenhöhe, bei dem sich beide wechselseitig anerkennen, geht es dabei nicht.

heute.de: Die Filmbranche gilt als Epizentrum von #MeToo, Ihre Studenten sind künftige Medienschaffende. Ist #MeToo ein Thema im Studium?

Thomas: Natürlich, wir diskutieren darüber aktuell angesichts der medialen Debatten. Gerade haben Studierende an unserem Institut einen Spot zum Thema "schön & sicher feiern" entwickelt. Der Spot gibt Hinweise dazu, welche Vorbereitungen getroffen werden können, um sexistischem Handeln etwa auf Partys vorzubeugen – und was man tun kann, wenn es dennoch dazu kommt. Erst langsam beginnen Debatten etwa darüber, Studierende auf Praktika vorzubereiten – weil wir wissen, dass über Sexismus Plätze in beruflichen Umfeldern zugewiesen werden und Studierende von Sexismus-Erfahrungen während Praktika berichten.

heute.de: Viele Opfer stehen vor dem Problem: Sie können Übergriffe nicht nachweisen oder haben Angst vor negativen Konsequenzen. Wie ist dieses Dilemma zu lösen?

Thomas: Indem öffentlich mehr diskutiert wird, und indem es zum Beispiel mehr Beschwerdestellen in Unternehmen oder Einrichtungen gibt, wo Betroffene sich an gut geschulte Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner wenden können. Gerade wo Personen prekär beschäftigt sind und wo es starke Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse gibt, müssen Unterstützungsstrukturen etabliert werden. Starke Abhängigkeit begünstigt sexistisches Verhalten. Und es braucht Quoten, denn das erhöht die Chancen auf solidarische Unterstützung unter Frauen und Männern und eine Kultur des gleichberechtigten Miteinanders.

heute.de: Katholische Kirche, Universität, Filmbranche: In vielen hierarchisch geprägten Strukturen wird derzeit über Missbrauch diskutiert, das Ausmaß der Abgründe ist sehr unterschiedlich. Wo muss noch mehr Licht ins Dunkel kommen?

Thomas: Wenn Sie nach "Licht ins Dunkel" fragen, dann schreiben Sie die Vorstellung fort, sexualisierte Gewalt sei in der Vergangenheit nicht gesehen worden. Das ist aber falsch. Sie wurde vielfach ignoriert, normalisiert oder abgetan. Offenbar ist es in vielen Bereichen gelungen, ein soziales Umfeld zu schaffen, in dem Widerspruch unmöglich war und ein System von Stillhaltezwängen funktioniert hat. Hier muss Öffentlichkeit hergestellt werden, aber natürlich hat der Opferschutz immer Vorrang.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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