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ZDFcheck19 - Wahlkampf mit dem Social Bot

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Wie sehr könnten Social Bots den Wahlkampf im Netz beeinflussen? Wie groß die Gefahr bei der Europawahl ist, erklärt Wirtschaftsinformatiker Mike Preuss im heute.de-Interview.

Illustration: Roboter an Tastatur
Roboter an Tastatur
Quelle: imago

heute.de: Der Europawahlkampf nimmt jetzt Fahrt auf und genauso die Diskussion um eine Wahlbeeinflussung durch "Fake News" im Internet. Immer wieder liest man den Begriff "Social Bot". Was kann man sich darunter vorstellen?

Mike Preuss: Ein Social Bot ist natürlich kein autark agierendes dingliches Wesen, sondern ein Computerprogramm, das explizit programmiert wurde, um über Social Media zu kommunizieren. Dazu werden bei Plattformen wie Twitter und Facebook Schnittstellen genutzt, die für die Automatisierung vorgesehen sind.

heute.de: Sind Social Bots ein so mächtiges Instrument bei der Meinungsbildung, wie oft gesagt wird?

Preuss: Programme wie Social Bots, die einmal geschrieben sind, können natürlich beliebig oft repliziert werden. Daher kann ich auch relativ schnell aus einem Bot zehn Bots machen oder 100 oder mehr. Allerdings sind die Bots, die wir bisher gesehen haben, nicht mal dazu in der Lage, einfache Gespräche zu führen, sondern agieren meist sehr statisch oder nach einfachen Regeln. Das liegt wohl daran, dass wir trotz der jüngsten Erfolge in der künstlichen Intelligenz so eine Technik noch nicht haben, erst recht nicht, wenn ein Programm dann eine zielgerichtete, manipulative Gesprächstechnik verwenden müsste.

heute.de: Inwieweit besteht Ihrer Ansicht nach die Gefahr, dass Social Bots Einfluss auf den aktuellen Europawahlkampf nehmen? Erkennt man eventuell schon jetzt den Einsatz von Bots?

Preuss: Social Bots werden oft zum Verbreiten von falschen Informationen genutzt, aber auch, um den Anschein zu erwecken, ein Thema wäre sehr wichtig. Letztlich sitzt da aber irgendwo immer ein Mensch, der das steuert. Das wird vermutlich auch im Europawahlkampf so sein, und von besonderem Interesse dürfte es sein, wenn die Briten tatsächlich an der Wahl teilnehmen, da dort die Stimmung ja sowohl für als auch gegen die EU schon stark polarisiert und emotionalisiert ist. Bisher haben wir aber noch nichts Konkretes in dieser Richtung gesehen.

Vor der Europawahl haben Politiker und Parteien ihre Wahlkampftaktiken. Skepsis ist angebracht. Um weiterhin den Durchblick zu behalten, können Fakten mittels kostenloser Tools überprüft werden.

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heute.de: Auf welchen Plattformen funktionieren Bots am besten?

Preuss: Generell würde ich sagen, je einfacher die Plattform zu benutzen ist, und umso weniger Struktur wie Verlinkungen und Interaktionsmöglichkeiten sie hat, umso besser funktionieren Bots. Twitter hat beispielsweise eher wenig Struktur, wohingegen das bei Facebook komplizierter ist. Umgangssprachlich könnte man sagen: Umso weniger komplizierte Aktionen überhaupt möglich sind, umso schwieriger ist es, einen Bot zu erkennen.

heute.de: Wer setzt solche Bots ein?

Preuss: In Deutschland haben sich praktisch alle politischen Parteien von der Nutzung von Bots distanziert. Bleiben also Lobbyisten, Geheimdienste oder auch ausländische politische Akteure, die da weniger Hemmungen haben. Es wird zum Beispiel kolportiert, dass beide amerikanische Parteien von Social Media Bots profitiert haben; inwiefern die das selbst organisiert haben, ist nicht ganz so klar. In Russland scheint es da auch viel Aktivität zu geben. Aber im Prinzip kann das natürlich jeder bauen, der ein bisschen Ahnung von Programmierung hat. Jeder Informatikstudent sollte das hinbekommen. Da Twitter und Facebook mittlerweile wachsamer gegenüber dem Missbrauch von Konten sind, ist es allerdings schwerer geworden, in die Breite zu gehen. Und ein einziger Social Bot stellt in meinen Augen keine große Gefahr dar.

heute.de: Welche Gegenmaßnahmen von Seiten der Politik halten Sie kurz- und langfristig für effektiv?

Preuss: Ich finde es gut, dass auch die deutschen Parteien und Behörden jetzt das Internet "entdeckt haben", und auch auf EU-Ebene tut sich ja einiges. Man sollte nur vorsichtig sein und nicht alles überregulieren, nur weil ein paar Menschen von Medienberichten eingeschüchtert wurden und jetzt Angst haben. Ich möchte das Problem auch nicht bagatellisieren, aber Gesetze und Verordnungen helfen ja auch nur, wenn es auch eine Chance gibt, sie auch durchzusetzen.

heute.de: Und das ist nicht möglich?

Preuss: Im Gegensatz zu geheimdienstlichen Aktionen ist kein großer Aufwand nötig, um Social Bots zu erstellen oder auch andere Formen der Manipulation im Internet zu benutzen. Es reicht im Grunde ein PC mit Internetzugang und ein Programmierer. Oft ist es weder möglich, genau zurückzuverfolgen, wer eigentlich der Urheber ist, noch denjenigen auch wirklich zur Rechenschaft zu ziehen, wenn er zum Beispiel im Ausland sitzt. Dann ist es natürlich verführerisch, einfach die Plattformen verantwortlich zu machen. Diese haben natürlich eine gewisse Verantwortung, aber ansonsten gilt ja bei uns auch das Prinzip, dass der Verursacher haftet und nicht der Überbringer. Ich verklage ja auch nicht den Paketdienst, wenn der Versender leider die falsche Ware in mein Paket gepackt hat.

Das Interview führte Sebastian Ehm.  

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