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Afrika-Gipfel der G20 - "Afrika ist kein Einkaufszentrum"

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Die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer beraten in Berlin, wie sie private Investitionen in Afrika ankurbeln können. Der kenianische Ökonom James Shikwati lehnt jegliche Hilfe ab, die den Kontinent "nur wie ein Einkaufszentrum betrachtet". Was er empfiehlt, sagt er im heute.de-Interview.

Armut, ethnische Konflikte, Misswirtschaft, Kriminalität – die Probleme Afrikas treffen vor allem die Schwächsten, also auch die Kinder. Selbst in einem Land wie Kenia müssen noch immer viel zu viele unter menschenunwürdigen Umständen leben.

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heute.de: Seit Jahren verlangen Sie, Europa und die USA sollten komplett ihre Entwicklungshilfe für Afrika einstellen. Warum?

James Shikwati: Ich forderte das Aus der Hilfe, weil Hilfsorganisationen sie nur im Rahmen einer ungerechten globalen Marktordnung geben. Dabei werden afrikanische Industrien und die Fähigkeiten des Kontinents, seine Vermögenswerte und Ressourcen selbst zu nutzen und zu entwickeln, untergebuttert.

heute.de: In weiten Teilen Afrikas - von Nigeria im Westen bis Somalia im Osten - herrscht derzeit eine Hungersnot. Mehr als 20 Millionen Menschen benötigen Hilfe. Soll sich der Westen auch da zurückhalten?

Shikwati: Ich unterscheide zwischen Notfall-Hilfe und Hilfe, die den gesamten afrikanischen Kontinent nur wie ein Einkaufszentrum betrachtet, in dem Afrikaner Waren aus den Industriestaaten kaufen sollen. Das sind wir nicht. Die Würde eines jeden Menschen verlangt Notfall-Hilfe. Diese darf aber niemals die von Menschen gemachten Ursachen des Hungers vernebeln.

heute.de: Afrika lässt sich nicht über einen Leisten schlagen. Es gibt große Unterschiede beispielsweise zwischen einem Rechtsstaat wie Botswana im südlichen Afrika und der islamischen Republik Sudan, die im Norden des Kontinents von einer Militärregierung geführt wird. Botswana verfügt über eine gute Gesundheitsversorgung, die Korruption hält sich in Grenzen. Im Sudan ist die medizinische Versorgung unzureichend, Menschenrechte werden mit Füßen getreten. Was könnte Sudan von Botswana lernen?

Shikwati: Die Herausforderung ist nicht, dass alle afrikanischen Länder gleich werden sollen. Es geht darum, auf der einen Seite die Interessen der Afrikaner wahrzunehmen und auf der anderen Seite die der Industriestaaten, die auf unsere Ressourcen zugreifen wollen. Sudan könnte sich am besten entwickeln, wenn Schlüsselakteure, die den Fortschritt behindern, und deren Einflussbereiche analysiert werden und ein Rahmen entwickelt wird, in dem alle Akteure fair spielen und ihre Interessen verfolgen können.

heute.de: Jedes Land muss also seinen eigenen Weg finden?

Shikwati: Nicht jedes Land sollte einen eigenen Weg suchen. Am besten ist es, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestehende Ordnung zu überprüfen, damit mehr Akteure als bislang die Entwicklung Afrikas voranbringen können. Wir leben in einer vernetzten Welt. Es ist wichtig, einen allgemeinen internationalen Rahmen zu haben, der es jedem Land ermöglicht, seine nationalen Interessen zu verwirklichen - ohne Waffen, Terrorismus und Sabotage.

heute.de: Wie finden afrikanische Regierungen heraus, welches der beste Weg für ihr Land ist?

Shikwati: Wenn sie die nationalen Interessen verfolgen und nicht ihre privaten. Sie müssen mittelfristig und langfristig denken und nicht mehr in Wahlperioden und nur an ihren kurzfristigen privaten Vorteil.

heute.de: Korruption ist in vielen afrikanischen Ländern ein Riesenproblem. Wie kann sie bekämpft werden?

Shikwati: Ausufernde Korruption gedeiht in undurchsichtigen Beziehungen und Engagements, die durch den geopolitischen Wettbewerb angeheizt werden. Die afrikanischen Länder müssen die Kosten der Korruption gegenüber ihren nationalen Interessen abwägen. In Afrika muss harte Arbeit und individuelle Anstrengung belohnt und gefeiert werden. Wichtig sind darüber hinaus Institutionen, die jene rechtmäßig bestrafen, die in öffentliche Kassen greifen. Und Afrika muss Instrumente entwickeln, wie es mit den Industrieländern, von denen viele die Korruption schüren, zusammenarbeiten kann.

heute.de: Die Grundlage vieler afrikanischer Volkswirtschaften ist die Landwirtschaft. Wie kann das Land für alle fair verteilt werden?

Shikwati: Es geht nicht darum, Land fair zu verteilen, sondern es geht um Chancengleichheit. Landwirtschaft und im speziellen die Selbstversorgungswirtschaft, bei der kaum Überschüsse produziert werden, ist derzeit ökonomische Grundlage vor allem im Afrika südlich der Sahara. Doch der Dienstleistungssektor gewinnt an Boden. Digitale Technologien eröffnen neue Wege für wirtschaftliche Chancen vor allem der afrikanischen Jugend.

heute.de: Was unterscheidet die westliche Entwicklungshilfe vom chinesischen Engagement in Afrika?

Shikwati: Der Westen konzentriert sich weitgehend auf afrikanische "Software", also die Wertschöpfungssysteme und versucht Spiegelbilder seiner selbst in Afrika zu schaffen. China ist mehr an afrikanischer "Hardware" interessiert, also auf Investitionen und den Bau von Straßen, Eisenbahnen und Brücken aus. In beiden Szenarien fehlt es Afrika noch an Strategien, die Interessen anderer Nationen zu nutzen, um für sich Produktivität zu entwickeln und Vorteile herauszuschlagen.

heute.de: Wie lange wird Afrika brauchen, um seine Probleme ohne Hilfe lösen können?

Shikwati: Afrikaner können und werden wie alle anderen Völker der Welt ihre Probleme lösen. Wie sie auf dem globalen Markt Fuß fassen können, das ist und bleibt die große Herausforderung. Die digitale Welt beschleunigt das Tempo, in dem Afrika zu einem globalen Akteur von strategischem Wert werden wird. Das könnte in den nächsten 25 Jahren passieren.

heute.de: Bis dahin werden noch mehr Flüchtlinge nach Europa kommen?

Shikwati: Die Flüchtlingsfrage, vor allem die nach all jenen Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen Afrika verlassen, ist ein Signal für Europa und die Welt, das internationale Marktsystem zu überprüfen. Afrika muss eine Chance bekommen zu gedeihen. Die Europäer brauchen keine Angst zu haben. Sie haben den notwendigen Einfluss, um die globale Marktarchitektur so zu verändern, dass auch die Afrikaner die Möglichkeit haben, ihre Vermögenswerte und Ressourcen besser zu nutzen.

Das Interview führte Katharina Sperber

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