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Gurlitt-Sammlung - "Mühsame Puzzlearbeit"

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Seit Entdeckung der Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt werden die Werke auf Spuren von NS-Raubkunst untersucht. heute.de sprach mit Projektleiterin Andrea Baresel-Brand.

Archiv: Das Gemälde "liegender weiblicher Akt" von Otto Müller wird am 07.07.2017 während einer Pressekonferenz im Kunstmuseum in Bern, Schweiz, enthüllt
Quelle: dpa

heute.de: Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?

Andrea Baresel-Brand: Die bei Gurlitt gefundenen Kunstwerke waren nicht professionell dokumentiert wie in einem Museum, es gab nur ein Sicherstellungsverzeichnis des Zolls. Wir mussten also immer erst mal schauen, was wir eigentlich in der Hand hatten. Wir haben Werke gemessen, fotografiert, Merkmale wie Etiketten oder Aufschriften festgehalten. Wir haben eine Checkliste mit konsultierter Fachliteratur, Datenbanken, Anspruchstellern, weiteren Recherchewegen entworfen. Das war mühsame Puzzlearbeit.

heute.de: Was folgt nach der Sichtung der öffentlichen Quellen?

Baresel-Brand: Wenn Werke in die Tiefenforschung gehen, nehmen wir die Spurensuche auf: Unsere Forscher gucken in die Nachlässe von Künstlern und Sammlern, reisen etwa in französische Archive, versuchen mögliche Auktionsprotokolle zu finden. Im Idealfall finden sie historische Abbildungen in Wohnungen von Geschädigten oder in alten Ausstellungsverzeichnissen. Wir waren oft in den Archives diplomatiques des französischen Außenministeriums, dort werden große Mengen an Wiedergutmachungsakten aufbewahrt.   

heute.de: Und wenn Nachfahren mit einer Anspruchsforderung kommen?

Baresel-Brand: Dann steigen wir etwas anders in die Forschung ein: Dann müssen wir klären, ob es eine Verfolgung durch die Nationalsozialisten gab, und ob die Kriterien für Raubkunst erfüllt sind. Dann tauchen wir mitunter tief in die Familiengeschichte ein, das ist oft auch sehr tragisch.

heute.de: Wie viel Arbeitszeit kalkulieren Sie pro Kunstwerk?

Baresel-Brand: Das hängt davon ab, ob es um ein Unikat oder serielle Arbeiten geht, ob es Provenienzspuren gibt, oder ein Anspruch vorliegt. Wir rechnen für die Tiefenforschung mit rund 20 Arbeitsstunden pro Werk, aber es können auch 40 und mehr werden. Die Forscher sind immer auf externe Quellen angewiesen. Sie müssen Fachleute in Archiven und Nachlässen, Werksverzeichnisautoren oder Kuratoren finden und diese anfragen. Im Idealfall bekommen Sie eine Antwort, aber nicht immer. Oder sie müssen sechs Monate warten.

heute.de: Jüngst wurde ein Gemälde von Thomas Couture, das dem jüdischen Politiker Georges Mandel gehörte, als höchstwahrscheinlich NS-Raubkunst identifiziert. Wodurch?

Baresel-Brand: Das französische Verlustregister hielt für die Familie nur fest: Damenporträt Couture signiert. Das reicht für eine sichere Identifikation natürlich nicht. Das Gurlitt-Bild hat zudem einen Rahmen, auf dem andere Provenienzspuren waren. Erst später stellten Restauratoren fest, dass der Rahmen gar nicht zum Bild gehört. Nach der Anspruchsmeldung hat eine Forscherin in französischen Archiven eine handschriftliche Notiz gefunden, das Porträt habe in der Mitte ein kleines repariertes Loch - wie unser Bild. Das ist ein starkes Indiz.  

heute.de: Wie sieht aktuell die Bilanz des Projekts aus?

Baresel-Brand: Wir hatten 1.566 Positionen im Kunstfund Gurlitt, nach der Kategorisierung durch die Taskforce waren 1.039 Werke zu bearbeiten. Davon gehören aber auch viele zu den Verdachtsfällen Entartete Kunst. Wir haben 735 Werke in der Tiefenforschung gehabt. Die Forschungsberichte gehen nach Abnahme durch die Projektleitung in ein Review internationaler Experten, erhalten nach Rückkehr einen Abschlussvermerk und landen erst nach finaler Freigabe in der "Ampel", der Kategorie nach abgeschlossener Forschung. Auf Grün als unbedenklich eingestuft haben wir bisher 35 Werke. In der gelben Kategorie als nicht eindeutig klärbar auch nach Forschung sind 112 Werke. Couture wird jetzt auf Rot geschaltet, die meisten Werke werden schlussendlich jedoch wohl auf Gelb bleiben.

Das Interview führte Nadine Emmerich.

Der Kunsthistoriker Stefan Koldehoff war unter den Journalisten, die am 27. Juni 2017 einen ersten Blick auf die Bilder der Sammlung Gurlitt werfen durften, die ab November in Bonn zu sehen sind.

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4 min
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