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Opfer sexueller Gewalt - Wer trotz #MeToo ungehört bleibt

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Vor einem Jahr stieß US-Schauspielerin Alyssa Milano mit ihrem #MeToo-Tweet eine weltweite Bewegung an. Doch viele Opfer sexueller Gewalt bleiben unsichtbar, sagt Autorin Yeung.

Sexuelle Belästigung: Demonstrantin trägt ein stück Klebeband vor dem Mund, auf dem "frauen glauben" steht
"Glaubt den Frauen", fordert eine Demonstrantin. Sexuelle Belästigung zu beweisen, ist oft schwierig. Quelle: dpa

heute.de: #MeToo hat im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit erregt. Sie berichten über das "unsichtbare #MeToo" in den USA. Was meinen Sie damit?

Bernice Yeung: Ich meine all die Frauen, deren Arbeit für die meisten Menschen unsichtbar ist. Farmarbeiterinnen, Reinigungskräfte in der Nachtschicht oder in privaten Eigenheimen. Schlecht bezahlte Jobs, die oft von Immigrantinnen gemacht werden, die nicht perfekt Englisch sprechen und deren Einwanderungsstatus hier in Amerika unsicher ist. Die Hürden, die diese Frauen überwinden müssen, um sexuelle Belästigung zu melden, sind extrem hoch.

heute.de: Inwiefern sind die Hürden hier noch höher als für Frauen im Allgemeinen?

Yeung: Eine große Herausforderung für alle Frauen in diesem Zusammenhang hat mit Scham zu tun und der emotionalen Belastung, über solche Dinge zu sprechen. Außerdem ist da immer die Sorge, dass man ihnen nicht glaubt. Aber die Frauen, über die ich berichte, haben zusätzlich mit der Sprachbarriere zu kämpfen. Wir hören ganz oft von Fällen, in denen die Person, die übersetzt, wenn eine Frau ihrem Chef eine Belästigung melden will, genau die ist, die sie belästigt. Und natürlich ist die Frage der Aufenthaltsgenehmigung zentral. Wer illegal im Land ist, kann nicht nur leichter sexuell genötigt, sondern damit auch zum Schweigen gezwungen werden. Ein letzter wichtiger Punkt ist die Armut. Frauen in Niedriglohnjobs leben oft von der Hand in den Mund. Manchmal müssen sie nicht nur ihre Familie in den USA versorgen, sondern auch noch Verwandte in den Herkunftsländern. Sie können es sich nicht leisten, ihr Einkommen zu verlieren. Das macht sie verletzlich.

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heute.de: #MeToo drehte sich ja vor allem um sehr prominente Fälle: Filmstars, bekannte Persönlichkeiten und so weiter. Wie haben die Frauen in Ihrem Buch auf die Bewegung reagiert?

Yeung: Zunächst waren sie vor allem stolz darauf, dass jetzt so viele Frauen öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen und das Tabu brechen. Doch sie fragten sich natürlich auch: Warum hat mir keiner zugehört, als ich versuchte, das Problem anzusprechen? Muss man berühmt sein oder reiche, prominente Männer anklagen, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

heute.de: #MeToo jährt sich heute zum ersten Mal. Hat die Bewegung etwas erreicht? Hat sich etwas verändert?

Yeung: Es ist uns heute möglich, über sexuelle Belästigung zu sprechen - auf eine Art und Weise, die nicht absehbar war. Als ich 2012 mit meiner Berichterstattung begann, war es ein absolutes Randthema, über das keiner sprechen wollte, und das auch nur wenig Aufmerksamkeit fand. Heute ist die Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, wesentlich höher. Es ist, als habe man uns die Erlaubnis gegeben, offen darüber zu sprechen.

heute.de: Es gibt aber auch Leute, die von einer Gegenreaktion sprechen. Männer fühlen sich angegriffen, sind in der Defensive. Ist das auch eine Konsequenz von #MeToo?

Yeung: Ja, ich glaube das ist tatsächlich so. Und das ist auch ein bisschen nachvollziehbar, denn häufig konzentriert sich die Berichterstattung auf die Anschuldigungen. Die sind dann auf allen Titelseiten. Über die Prüfung der Anklage, die langwierige Untersuchung, wird dagegen weniger berichtet. Deshalb herrscht manchmal das Gefühl, dass Menschen beschuldigt werden ohne ordentliches Verfahren. Ohne dass alle Beteiligten gehört werden.

heute.de: Wie sehen Sie die Chancen, dass es zu wirklichen Veränderungen kommt?

Yeung: Was mir Hoffnung gibt, sind die Frauen, über die ich berichte. Aus ihren eigenen Erfahrungen haben sie gelernt, dass die Lösung nicht darin liegt, auf sexuelle Gewalt zu reagieren, sondern sie von vorneherein zu vermeiden. Es geht ihnen nicht um #MeToo, sondern darum, nicht #MeToo sagen zu müssen. Sie unternehmen Schritte, oft kleine, kaum sichtbare Maßnahmen. Zum Beispiel Workshops, die Frauen über ihre Rechte informieren und ihnen beibringen, sie einzufordern. Viele Menschen arbeiten hart an einer kulturellen Veränderung. Auch wenn es oft nur in ihrem direkten Umfeld ist und es sich um ein riesiges und universelles Problem handelt: Ich glaube, dass diese Anstrengungen etwas bewegen.

Das Interview führte Steffanie Riess, Washington.

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