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Historiker Clark zum Brexit - Volksparteien werden geschwächt

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Ist die englische Demokratie stark genug, um den Brexit zu überstehen? Diese Frage versucht der Historiker Christopher Clark zu klären.

Der Historiker Christopher Clark erklärt im Gespräch mit Antje Pieper unter anderem, ob die englische Demokratie stark genug ist, den Brexit zu überstehen.

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ZDF: Wir waren in den vergangenen Tagen mit einem Tory-Abgeordneten im Land unterwegs. Von Haustür zu Haustür sind wir gegangen und einer sagte: "Ganz egal ob die Experten jetzt vor einem No-Deal warnen und sagen, das hätte schlimme Folgen, das Volk hat eben so abgestimmt und deshalb müssen wir es so durchziehen". Für wie gefährlich halten Sie so eine Einschätzung?

Christopher Clark: Also ich finde diese Einschätzung extrem gefährlich, muss ich sagen. Weil damit wird ein Verfassungsdualismus hergestellt - zwischen zwei verschiedenen Arten der Demokratie - und das darf nicht geschehen. Da wird ja das politische System, die politische Kultur, auseinandergesprengt. Und es ist meines Erachtens natürlich schade, dass es überhaupt ein Referendum gegeben hat. Das war die falsche Entscheidung, es wird ja inzwischen eingesehen von denjenigen, die diese Entscheidung herbeigeführt haben. Von Cameron und seinen Genossen. Aber jetzt wo wir das Referendum haben, müssen wir uns versichern, dass das Volk in der Tat noch so denkt, wie damals.

ZDF: Es gibt seit Anfang des Jahres eine Partei, die sich eigentlich nur ein Thema auf die Fahne geschrieben hat, die Brexit-Partei. Sie ist sehr erfolgreich, zum Beispiel bei den Europawahlen. Wie sehen Sie die Zukunft dieser Partei?

Clark: Dann wird es diese Partei nicht mehr geben. Sie hat ja nur ein "Raison d´être" und das ist der Austritt aus der Union.

ZDF: Ist das dann das Ende der großen Volksparteien?

Clark: Nicht unbedingt. Aber es ist schon eine Phase der Abschwächung der Volksparteien, keine Frage.

ZDF: Und wie hat das Brexit-Referendum überhaupt die Politik und die Gesellschaft in Großbritannien verändert?

Clark: Es hat einen Geist des Streites und der Polarisierung in die politische Kultur des Landes gebracht, der meines Erachtens vorher nicht da war. Es ist natürlich schon immer so gewesen, dass man sich über verschiedenen Themen gestritten hat, das macht man auch in jeder Demokratie. Also diese Tendenz jetzt, in den Kategorien Freund und Feind zu denken, das ist was Neues in der britischen politischen Kultur, würde ich sagen.

ZDF: Es gibt aber keine geschriebene Verfassung. Ist die Demokratie trotzdem stark genug für diese Krisenzeiten?

Clark: Ich denke die Demokratie ist stark genug. Die Demokratie drückt sich nicht in geschriebenen Dokumenten oder nicht nur in geschriebenen Verfassungen aus, sondern auch in dem Habitus, in dem Alltäglichen, in den Lebenswelten der Staatsbürger sozusagen. Und in diesem Sinne ist die Demokratie in Großbritannien sehr tief verwurzelt, sehr tief verankert. Insofern wird, glaube ich, die Demokratie als Gesamtsystem diese Krise zweifelsohne überleben, auch mit Schäden natürlich, aber sie wird überleben.

ZDF: Welche Rolle spielt denn überhaupt die Sehnsucht nach der alten Rolle, nach alter Stärke, nach der glorreichen Vergangenheit?

Clark: Also nach den Transparenten der Brexit-Kampagne eine sehr zentrale Rolle. "Take back Control" war ganz eindeutig ein Hinweis, ein impliziter Hinweis auf frühere bessere Zeiten und das haben übrigens die Befürworter eines Brexit gemeinsam mit allen Populisten, dass sie das sozusagen vertraute alte Zukünfte auswechseln wollen gegen neue, zum Teil auch erfundene Vergangenheiten.

ZDF: Sprechen wir von der Zukunft: Wie wird denn zum Beispiel das Verhältnis zu Europa aussehen?

Clark: Ich hoffe, dass es wieder ein vernünftiges, interessengeleitetes Verhältnis sein wird. Getrieben durch die vielen Interessen, die Großbritannien und die Union immer noch gemeinsam haben werden.

ZDF: Also bleibt nur "Keep calm and carry on", oder?

Clark: "Calm" ist nicht unbedingt angesagt. Ich würde sagen Entschlossenheit in der Verfechtung der eigenen Ansicht, möglichst offen bleiben für die Argumente der anderen Seite, versuchen sie zu verstehen. Aber auch die eigenen Ansichten kraftvoll zum Ausdruck bringen.

Antje Pieper führte das Interview. Sie ist Moderatorin des ZDF auslandsjournal.

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