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Türkische Offensive in Syrien - "Für die Amerikaner ist das eine Katastrophe"

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Die USA ziehen sich zurück, die Türkei greift ein - Allianzen und Fronten in Syrien haben sich verschoben. Im ZDF-Interview erklärt Nahost-Experte Daniel Gerlach die neue Lage.

Rauch über der syrischen Stadt Ras al Ain am 16.10.2019
Militärsicher Konflikt in Nordsyrien
Quelle: Reuters

ZDF: Syrien wird immer als Stellvertreterkrieg bezeichnet, jetzt gibt es neue Allianzen. Werden die Karten neu gemischt?

Daniel Gerlach: Es haben sich zwar viele Kräfteverhältnisse geändert, aber so neu ist die derzeitige Situation eigentlich nicht. Die Türkei war in den vergangenen Jahren immer wieder militärisch in Syrien aktiv. Sie ist jetzt stärker aktiv. Und Russland spielt hier eine wichtige Rolle. Aber letztendlich ist es nicht so, dass sich die Allianzen so fundamental geändert haben. Was sich geändert hat, ist die Haltung vieler internationaler Staaten gegenüber dem Regime.

ZDF: Was bewirkt der Abzug der US-Soldaten?

Daniel Gerlach
Daniel Gerlach (Jahrgang 1977) ist Autor, Publizist und Nahost-Experte.
Quelle: ZDF

Gerlach: Der Abzug der US-Truppen bewirkt ein großes Vakuum. Für die Amerikaner auf weltpolitischer Ebene ist das eine Katastrophe, denn Amerika gilt als nicht verlässlich, als letztendlich unberechenbar auch in seinem Verhalten. Trotz der Überraschung, die der Zeitpunkt verursacht hat, so sehr wundern sollte man sich über diesen Abzug eigentlich nicht. Denn die Amerikaner haben im vergangenen Jahr schon angekündigt, dass sie sich aus Syrien zurückziehen wollen und für die Amerikaner ist auch immer klar gewesen, dass der Einsatz hier ausschließlich dem Kampf gegen den IS gilt und nicht der Unterstützung eines kurdischen Autonomieprojekts im Nordosten Syriens.

ZDF: Ist der große Gewinner Assad?

Gerlach: Das Assad-Regime ist in der Lage, den Krieg zu gewinnen, aber nicht den Frieden. Insoweit hat das Assad-Regime natürlich grundsätzlich ein Interesse, die Ausnahmesituation fortzusetzen, aber dabei die eigenen Verluste runterzufahren. Diese Situation, dass sich jetzt die kurdischen Kräfte im Nordosten dem Regime zuwenden mangels Alternativen, ist ein großes Geschenk für das Regime. 

ZDF: Warum marschieren die türkischen Truppen gerade jetzt in Syrien ein?

Gerlach: Neben den militärischen und innenpolitischen Gründen gibt es für Erdogan, glaube ich, noch eine weitere Motivation. Die westlichen Staaten haben nach der Niederschlagung des Islamischen Staats viel investiert in diesen Nordosten Syriens und versucht, dort die Lebensbedingungen irgendwie zu verbessern, weil man sagte: Wir können im Regimegebiet nichts machen, in der aufständischen Provinz Idlib wollen wir nichts machen, und dieser Nordosten ist das einzige Gebiet, wo wir im Grunde politischen Einfluss ausüben können und auch möglicherweise das Land entwickeln können. Und weil sie gesehen haben, dass dort verschiedene Pläne in den Schubladen lagen und man dort eben versucht hat, letztendlich dann auch die Autonomie der Kurden weiter zu stützen, sind die Türken jetzt reingegangen, um diese Pläne ein für alle Mal zunichte zu machen.

ZDF: Wie sehen Sie die weiteren Aussichten für Syrien?

Gerlach: Ich denke, dass Syrien auf Jahre fragil bleiben wird und auch das syrische Territorium nicht mehr so sein wird, wie es vor Ausbruch des Krieges war. Ich denke, dass das Assad-Regime, und das haben alle Seiten mittlerweile auch verstanden, nicht so ohne weiteres durch äußeren militärischen Druck zu Kompromissen bewegt werden kann, geschweige denn zu Fall gebracht werden kann. Aber innerhalb der syrischen Gesellschaft sehe ich eine positive Bewegung, weil man sowohl auf Seiten des vom Regime kontrollierten Gebiets als auch bei den Vertriebenen, als auch bei Oppositionellen viele Gemeinsamkeiten findet.

Das Interview führte Jan Meier.

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