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Soziologe zu 30 Jahre Mauerfall - "Entwertung einer ostdeutschen Lebensweise"

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Die ostdeutsche Gesellschaft sei heute eine Schrumpfgesellschaft, sagt der Soziologe Steffen Mau. Eine der schwerwiegenden Folgen des "Transformationsschocks" in Ostdeutschland.

Ein Radfahrer an der Gedenkstätte «Topographie des Terrors».
Von der Mauer stehen nur noch wenige Teile - wie hier in Berlin. Soziologe Steffen Mau ist der Ansicht, dass man den Ostdeutschen im Transformationsprozess hätte mehr zutrauen müssen.
Quelle: DPA

heute.de: In Ihrem neuen Sachbuch über das Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft beschreiben Sie gesellschaftliche Brüche. Sie diagnostizieren auch eine "Schiefstellung der Gesellschaft". Was meinen Sie damit?

Die ostdeutsche Gesellschaft ist heute eine Schrumpfgesellschaft, überaltert, mit einem relativ hohen Männeranteil.

Steffen Mau: Eine ganze Summe von Dingen: Einerseits hat der Zusammenbruch der Märkte in den 90er-Jahren im Osten zu Massenarbeitslosigkeit und starken sozialen Brüchen geführt. Gleichzeitig sind Transfereliten aus dem Westen gekommen und haben die höheren Positionen eingenommen. Mit den wirtschaftlichen Problemen kam es zu demografischen Frakturen, weil viele junge, gut ausgebildete Menschen, vor allem Frauen, in den Westen abgewandert sind. Mit schwerwiegenden Folgen: Die ostdeutsche Gesellschaft ist heute eine Schrumpfgesellschaft, überaltert, mit einem relativ hohen Männeranteil. Mit dem Abräumen des politischen Systems in Ostdeutschland kam es auch zu einer gewissen Entwertung einer bestimmten ostdeutschen Lebensweise.

heute.de: Was heißt das?

Mau: Das heißt, dass viele Dinge, die für die Leute in der DDR wichtig waren wie etwa Formen des Zusammenlebens und die starke soziale Gleichheit, in der vereinigten Bundesrepublik keine starke soziale Wertschätzung mehr erfahren haben. Die Leute im Rostocker Viertel Lütten Klein, in dem ich aufgewachsen bin, haben zum Beispiel erfahren müssen, dass die Plattenbauten, in denen sie einst sehr zufrieden und gut situiert gewohnt haben, plötzlich in der öffentlichen Wahrnehmung zu Problemquartieren geworden sind. Viele, die es sich leisten konnten, sind weggezogen. Zurück blieben Ältere, Ärmere. Durch diese Veränderungen wuchsen die Spannungen in solchen Wohngegenden. Das sind diese Frakturen, die die ostdeutsche Gesellschaft bis heute belasten.

heute.de: Inzwischen hat die Diskussion über Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland wieder Hochkonjunktur. Wie ist Ihr Blick darauf?

Mau: Wir sind in den 90er-Jahren immer davon ausgegangen, dass diese Unterschiede verschwinden und sich der Osten verwestlicht und als eigenständiger Sozialraum nicht mehr erkennbar ist. Heute wissen wir, dass die Mentalitätsprägungen und Sozialstrukturen eine höhere Stabilität über die Zeit haben.

heute.de: Einer Ihrer Arbeitsschwerpunkte ist die Ungleichheitsforschung. Worin vor allem unterscheidet sich Ostdeutschland heute strukturell von Westdeutschland?

Besonders gravierend ist die anhaltend hohe Vermögensmauer zwischen West und Ost.

Mau: Die Wirtschaftsstruktur in Ost und West ist zum Beispiel sehr unterschiedlich. Die großen deutschen Konzerne sind in Ostdeutschland nicht beheimatet. Stattdessen gibt es viele familiengeführte klein- und mittelständische Betriebe. Besonders gravierend ist die anhaltend hohe Vermögensmauer zwischen West und Ost. Die Ostdeutschen konnten vergleichbar nur wenig Besitz und Vermögen anhäufen - und verhältnismäßig viel Produktivvermögen, Land und Immobilien im Osten sind heute in der Hand von Westdeutschen. Wenn wir berücksichtigen, dass Vermögensanhäufung nicht mehr allein durch Erwerbsarbeit stattfindet, sondern durch Erbschaften, dann sind die Ostdeutschen dauerhaft benachteiligt.

heute.de: Der Schriftsteller Ingo Schulze sieht durch ein Absinken von sozialen Standards, der Ökonomisierung aller Lebensbereiche und dem Rückzug der Politik in ganz Deutschland ein "Verschwinden von Osten und Westen". Können Sie der These etwas abgewinnen?

Ich würde dennoch sagen, dass der Osten einige Spezifika hat. Das betrifft diese Kollektiverfahrung der Massenarbeitslosigkeit, den Transformationsschock und die starke Überalterung und Schrumpfung der Gesellschaft sowie die geringe Bereitschaft, Migration zuzulassen.

Mau: Natürlich gibt es auch große Veränderungen im Westen. Manche sprechen von der Ko-Transformation in dem Sinne, dass der Osten eine Pionierregion der Neoliberalisierung gewesen sei - mit sinkenden Sozialstandards, einer größeren Arbeitsmarktflexibilisierung und dem Entstehen eines Prekariats, also einer Bevölkerungsschicht, die nicht mehr in die Standard-Erwerbsprozesse einbezogen ist. Das sind Entwicklungen, die dann in den 2000er-Jahren auch im Westen relativ stark sichtbar geworden sind. Ich würde dennoch sagen, dass der Osten einige Spezifika hat. Das betrifft diese Kollektiverfahrung der Massenarbeitslosigkeit, den Transformationsschock und die starke Überalterung und Schrumpfung der Gesellschaft sowie die geringe Bereitschaft, Migration zuzulassen.

Man ist immer davon ausgegangen, dass sich Ostdeutschland nach 1990 ähnlich demokratisieren wird wie der Westen nach 1945. Aber in den 1950er-Jahren gab es das "Wirtschaftswunder". Ostdeutschland ist der Bundesrepublik beigetreten, als Westdeutschland selbst keine Aufstiegsgesellschaft mehr gewesen ist, also zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Ich denke, insgesamt hätte man den Ostdeutschen mehr zutrauen müssen im Transformationsprozess und mehr in die Menschen investieren müssen statt nur in Infrastruktur und schöne Hausfassaden. Auch politisch hätte man stärker darauf setzen müssen, dass sich die Ostdeutschen intensiver auf dem Weg in die Einheit einbringen als das mit dem Einigungsvertrag gemacht wurde.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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