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Interview zu Macron-Rede - "Macron hat ein Lächeln nach Deutschland geschickt"

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Für eine "Neugründung Europas" hat der französische Präsident Macron in seiner Rede geworben. Seine Rede sei Appell und Mahnung zugleich gewesen, sagt die Historikerin Hélène Miard-Delacroix im heute.de-Interview. Er habe dabei "den Deutschen entgegenkommen und Zeichen setzen" wollen, so Miard-Delacroix.

Macron hat die "Schwachstellen" der EU angesprochen und auch "Lösungen vorgeschlagen", sagt der CDU-Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments, Elmar Brok.

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heute.de: War die Rede eine Abrechnung mit der EU, ein Appell für Reformen oder zeichnete sie die Vision eines neuen Europa?

Hélène Miard-Delacroix: Alle drei Aspekte waren in der Rede vereint. Zu Beginn kritisierte Macron ein zu langsames und ineffizientes Europa, das seine enormen Kräfte, die es besitzt, leider noch nicht entfaltet. Dann warb er für ein souveränes Europa, das sich traut etwas zu unternehmen. Sein Appell richtete sich vor allem an jene Europäer, die immer nur kleinlich meckern über die Euro-Sklerose und andere nicht funktionierende Instrumente.

Am Ende sprach er eine feierliche Mahnung aus: Die Europäer hätten es in der Hand, sie müssten in einer historischen Phase Verantwortung übernehmen und Wagemut auch gegen Populisten zeigen. Wir alle hätten die Wahl, Europa voranzubringen oder zerbrechen zu lassen, sagte er, und schloss seine Rede mit dem Satz: Ich habe meine Wahl getroffen.

heute.de: Wird die Mahnung in Europa vernommen?

Miard-Delacroix: Ich hoffe. Macron hat nicht, wie im Vorfeld erwartet wurde, nur über eine Vertiefung der Eurozone gesprochen, sondern viel mehr Herausforderungen beleuchtet. Damit hat er ein Lächeln nach Deutschland geschickt und auch seinen Kritikern auf der anderen Seite des Rheins die Hand gereicht. Er hat ja bewusst den Zeitpunkt seiner Rede auf nur zwei Tage nach der Bundestagswahl gesetzt. Er will sich natürlich nicht in die inneren politischen Angelegenheiten der Bundesrepublik einmischen, aber den Deutschen entgegenkommen und Zeichen setzen.

heute.de: Meinen Sie mit Kritikern die FDP in Deutschland? Es wird berichtet, Macron habe gesagt, er sei politisch tot, wenn die deutsche Bundeskanzlerin mit den Liberalen koaliert.

Miard-Delacroix: Der FDP-Vorsitzende hatte im Wahlkampf klar gemacht, dass er gegen die Vertiefung der Eurozone ist. Das sei eine rote Linie für ihn. Und jetzt wird die FDP womöglich mitregieren in Deutschland. Macron hat an zwei Stellen in seiner Rede sowohl an die FDP als auch an die Grünen gedacht, die ja womöglich auch an einer Koalition beteiligt sein werden. Bei ökologischen und digitalen Umgestaltung Europas setzt der französische Präsident nicht auf staatliche Intervention, sondern auf Innovation. Dafür erhielt er auch von den Studierenden in der Sorbonne viel Applaus.

heute.de: Macron hat auch konkrete Vorschläge gemacht. Die Gründung einer europäischen Asylbehörde oder Staatsanwaltschaft. Und er hat für eine gemeinsame Verteidigungspolitik, mit eigner Interventionsdoktin und -truppe geworben. Soll damit eine Konkurrenz zum Nordatlantischen Militärbündnis NATO aufgebaut werden?

Miard-Delacroix: Nein, er hat davon gesprochen, dass dies gemeinsam mit der NATO geschehen soll. Aber ich glaube, das wird ein Punkt sein, der schwer umzusetzen sein wird.

heute.de: Warum?

Miard-Delacroix: Nicht weil der Widerstand so groß sein wird, sondern weil es äußerst kompliziert ist. Schon die Entscheidung, ob und wann eine Truppe in einen Kriseneinsatz geschickt wird, unterscheidet sich in Frankreich fundamental vom Procedere in Deutschland. In Frankreich entscheidet der Staatspräsident, in Deutschland das Parlament, der Bundestag. Wer soll dann bei einer gemeinsamen Interventionstruppe entscheiden? Solch schwierige Fragen müssen besprochen werden. Da liegen dicke Steine im Weg.

heute.de: Warum hat Macron die Sorbonne als Ort seiner Rede gewählt?

Miard-Delacroix: Weil diese Universität nicht nur in der ganzen Welt bekannt ist, sondern in der Tradition der europäischen Wissenschaft und Vielfalt steht. Viel Applaus erhielt er, als er die Universität und ihre Tradition als Reichtum der Studierenden bezeichnete. Es hörten auch Abiturienten, Studierende aus anderen Universitäten und ausländische Studenten zu.

heute.de: Es gab allerdings auch Studenten-Proteste vor der Sorbonne. Wogegen?

Miard-Delacroix: Sie gehören der extremen Linken an und verwenden die immer gleichen Parolen der permanenten Agitation. Sie verlangen nicht mehr Demokratie, sondern einfach immer mehr von Mehr. Sie versuchen mit linken Gewerkschaften und der ultralinken Opposition gegen die Arbeitsmarktreformen Macrons die Straße zu mobilisieren. Aber da wird Macron nicht nachgeben. Wir in Frankreich sehen solche Proteste gelassen.

Das Interview führte Katharina Sperber

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