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Politologe Korte zum AfD-Erfolg - "Der Protest ist von rot auf blau gewechselt"

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Wer AfD wählt, macht das auch, weil er rechtsextremes Gedankengut vertritt, sagt Parteienforscher Korte. Er beobachtet eine "Konsensverschiebung nach rechts" in Deutschland.

Andreas Kalbitz
Brandenburger AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz
Quelle: dpa

heute.de: Jörg Meuthen sagt, seine Partei, die AfD, etabliere sich als Volkspartei, nicht als Protestpartei. Stimmt das? Ist die AfD längst mehr als Protest?

Karl-Rudolf Korte: Zu einer Volkspartei gehört dazu, dass sie auch regieren will. Das will die AfD im Moment noch nicht. Das unterscheidet sie von einer Volkspartei. Aber die AfD ist im Osten mit Ostidentität Frustventil. Der Protest ist von rot auf blau gewechselt. Das Interessante ist, dass es nicht nur Widerstand gegen das Etablierte ist, sondern auch ein Grundgefühl anspricht, etwas zu verändern: weniger europäisch, weniger offen, weniger divers. Diese Wähler sind nicht nur Protestwähler, sie sind auch für ein Programm zu haben.

heute.de: Ein rechtes, ein rechtsextremes Programm? Der Brandenburger AfD-Spitzenkandidat Kalbitz zeigt erkennbar rechtsextreme Tendenzen. Heißt das: Wer AfD wählt, unterstützt rechtes, rechtsextremes Gedankengut ganz bewusst?

Korte: Das ist eine Sammlungsbewegung, die überall fischt. Auch im Nichtwählerbereich. Das ist aber auch Gesinnung bei den Wählern, Ideologie bei dem ein oder anderen, auch Verbitterung, Protest. Das ist ein Amalgam unterschiedlicher Motive.

heute.de: Aber auch Rechtsextremismus?

Korte: Ja, auch Rechtsextremismus. Zumal jeder Wähler in Brandenburg klar vor Augen hat, welche Vergangenheit der Spitzenkandidat hat. Er blinkt nicht nur nach rechtsextrem, er kann auch diesem Lager zugerechnet werden. Jeder Wähler ist in der Verantwortung, dass er nicht nur Protest wählt, sondern auch ein rechtsextremes Gedankengut durch den Spitzenkandidaten mit befördert hat. Das muss man eindeutig so einordnen.

heute.de: Wie wird das die Parteienlandschaft verändern?

Korte: Es gibt eine Konsensverschiebung nach rechts seit der Bundestagswahl. Ausdruck ist die AfD, die sich parlamentarisiert hat im Bundestag und in allen 16 Bundesländern. Und sie wird wiedergewählt. Insofern ist die Konsensverschiebung etwas, das länger bleibt. Aber Wählerinnen und Wähler im Osten sind in keinster Weise langfristig kalkulierbar. Wählerische Wähler gibt es im Osten vielleicht als eine moderne Form eines Tagesplebiszit. Insofern besteht darin auch die große Chance für alle anderen, diese Wähler zurückzugewinnen.

heute.de: AfD-Chef Meuthen vergleicht seine Partei zum Beispiel mit der Lega Nord, die inzwischen ganz Italien erfasst habe. Könnte die AfD auch so eine Lega Nord werden und 30 Prozent in ganz Deutschland erreichen?

Korte: Nein. Die Mehrzahl der Wähler lebt im Südwesten Deutschlands. Das wird nicht mehrheitsfähig. Ich sehe den Konflikt zwischen einer offenen und einer geschlossenen Gesellschaft als Zeichen, über Modernisierungsfragen zu diskutieren. Aber in keinster Weise sehe ich Anzeichen, dass das dominant werden kann.

heute.de: Österreichische Verhältnisse sehen Sie auch nicht? Eine Koalition der ÖVP mit der FPÖ, übertragen auf Deutschland: Ein Bündnis zwischen CDU und AfD?

Korte: Auch nicht. Bei der Bundestagswahl haben 73 Prozent mittig gewählt - also die bewusst nicht links und nicht AfD gewählt haben. Das sind Traumergebnisse im europäischen Vergleich.

heute.de: Wird die CDU künftig mehr nach rechts schielen? Sehen Sie eine künftige Zusammenarbeit mit der AfD?

Korte: Die Rollbackversuche von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer waren bisher nicht erfolgreich. Man kann nicht erkennen, dass sie damit mehr bei den vergangenen Wahlen wie der Europawahl oder den Landtagswahlen gestern gewinnen konnte. Das Experiment, die AfD rechts zu überholen, haben am klarsten die Bayern vorgeführt. Und das ist auch misslungen. Insofern ist die Frage, wie man an das progressive, liberale Merkel-Erbe anknüpft. Langfristig gewinnt die Union auf diesem Weg offenbar mehr als im rechten Lager.

Das Interview führte Dominik Rzepka

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