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Reaktion "weniger drastisch" als befürchtet

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Konfliktforscher zu Iran-Angriff - Reaktion "weniger drastisch" als befürchtet

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Iran hat reagiert und US-Ziele im Irak angegriffen. Es war nicht die erwartete drastische Reaktion, sagt Forscher Dembinski, aber womöglich "der Beginn einer Eskalation".

Teile einer auf einen US-Stützpunkt im Irak gefeuerten Rakete am 08.01.2020
Teile einer auf einen US-Stützpunkt im Irak gefeuerten Rakete am 08.01.2020.
Quelle: picture alliance / AA

heute.de: Der Iran hat zwei von US-Soldaten genutzte Militärstützpunkte im Irak angegriffen - als Rache für die Tötung des iranischen Top-Generals Soleimani durch das US-Militär. Ist das jetzt Krieg?

Matthias Dembinski: Nach einer gängigen politikwissenschaftlichen Definition ist ein Krieg eine militärische Auseinandersetzung mit Tausend Toten pro Jahr. Also, nach dieser Definition ist das noch kein Krieg, sondern eine militärische Konfrontation unterhalb dieser Kriegsschwelle.

heute.de: Wie bewerten Sie den Angriff des Iran? Ist das nun eine weitere Stufe der Eskalation?

Dembinski: Nach der gezielten Tötung Soleimanis war die Erwartung sehr groß, dass der Iran eine drastische Reaktion zeigen würden. Die Angriffe auf die beiden Militärbasen waren aber vergleichsweise beschränkt, weil kein Amerikaner ums Leben gekommen ist. Es ist eine Reaktion, die noch unterhalb dessen bleibt, was erwartet worden ist. Es ist trotzdem ein weiteres Drehen an der Eskalationsschraube, aber ein sehr kontrolliertes Drehen.

heute.de: Am Dienstagabend ließ der Iran noch verlauten, es werden 13 Racheszenarien geprüft, von denen "selbst die schwächste Option ein historischer Albtraum für die USA" wäre. Jetzt passiert aber dieser eher zurückhaltende Angriff. Wie passt das zusammen?

Möglicherweise war das erst der Beginn einer Eskalation, die in den nächsten Tagen noch bevorsteht.
Matthias Dembinski, Konfliktforscher

Dembinski: Da kann man bisher nur spekulieren. Wir wissen ja nicht, was noch kommt. Möglicherweise war das erst der Beginn einer Eskalation, die in den nächsten Tagen noch bevorsteht. Eine Annahme, die ganz plausibel erscheint, ist, dass die iranische Führung mit ihren Äußerungen auf unterschiedliches Publikum zielt.

Einerseits in Richtung Zuhause, wo gerade viele Menschen, vor allem aus dem konservativen Bereich, eine härtere militärische Reaktion verlangen. Sie können gegenüber der eigenen Bevölkerung argumentieren, dass zwei Militärbasen angegriffen wurden und der Gegenschlag die iranische Handschrift trägt. Andererseits kann der Iran gegenüber der internationalen Gemeinschaft und den USA signalisieren, dass er sein Interesse an der Kontrolle der Situation ernst nimmt und auf Begrenzung setzt.

heute.de: Was passiert als nächstes? Wird US-Präsident Donald Trump zurückschlagen?

Dembinski: Meine Einschätzung ist, dass die USA versuchen werden, den Konflikt zu beruhigen und Signale senden, dass aus ihrer Sicht eine Eskalationspause angesagt wäre. Aber das ist Spekulation. Bei Trump weiß man nie so genau.

heute.de: Wer könnte in diesem Konflikt zwischen Iran und USA denn vermitteln?

Dembinski: In der Vergangenheit wurde der Oman von beiden Seiten als Vermittler anerkannt, und auch jetzt hat sich der omanische Außenminister gemeldet. Doch er hat auch gesagt, dass in dieser Situation eine Vermittlung außerordentlich schwierig wäre. Aber wenn es ruhiger wird, käme der Oman für diese Aufgabe möglicherweise in Frage.

heute.de: Könnte Europa bei der Vermittlung eine Rolle spielen?

Dembinski: Die Fähigkeiten zu vermitteln, sind für alle sehr begrenzt, denn das Misstrauen auf der iranischen Seite ist riesengroß. Vorstellbar wäre, wenn überhaupt, eine multiliterale Initiative, die von Europa und anderen mitgetragen wird, die versucht eine Brücke zu bauen, die ein Weg sein könnte zurück zum Atomabkommen. Ob so das strukturelle Problem, das dem Konflikt zu Grunde liegt, zu lösen ist oder nicht, weiß ich nicht. Kurzfristig glaube ich nicht. Längerfristig möglicherweise.

Viele sehen die Europäer in der Verantwortung, zwischen Iran und den USA zu vermitteln. ZDF Korrespondent Stefan Leifert mit einer Einschätzung dazu aus Brüssel.

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heute.de: Sie sagten, noch ist dieser Konflikt kein Krieg. Kann es noch einer werden?

Die Situation ist so gefährlich, dass ich kein Szenario ausschließen kann.

Dembinski: Die Situation ist so gefährlich, dass ich kein Szenario ausschließen kann. Ich würde nicht dafür garantieren, dass diese militärischen Sticheleien unter Kontrolle bleiben. Solange die Zukunft des iranischen Nuklearabkommens unklar ist und die USA ihre Politik des maximalen ökonomischen Drucks weiterverfolgen, steht der Iran eigentlich nur vor der Alternative, irgendwann ökonomisch zu rekapitulieren oder zu versuchen, mit weiteren militärischen Provokationen und Nadelstichen irgendwie aus der Situation rauszukommen.

Es ist möglich, dass der Konflikt eskaliert und beim nächsten Mal vielleicht wirklich beide Seiten, obwohl sie ein Interesse daran haben, eine militärische Konfrontation zu vermeiden, in einen wirklichen Krieg reinstolpern.

Das Interview führte Luisa Houben. Der Autorin auf Twitter folgen: @frauhou

Lesen Sie hier alle Entwicklungen zum Konflikt zwischen USA und Iran im Liveblog:

  • Archiv: Ein US-Soldat vor dem UN-Hauptquartier am 19.08.2003 in Bagdad

    Vereinte Nationen mahnen -
    UN: Irak sollte nicht Preis für Rivalitäten anderer zahlen
     

    Die Vereinten Nationen rufen im Iran-Konflikt zu "dringender Zurückhaltung" auf. Der Irak solle nicht den Preis für die Rivalitäten anderer zahlen. Alle Entwicklungen im Liveblog.

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