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Kampf gegen Terrormiliz - "IS schaltet in eine Art Überlebensmodus"

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Die letzte IS-Bastion in Syrien ist derzeit schwer umkämpft. Doch auch bei einer Niederlage hält Konfliktforscherin Sofia Koller ein Wiedererstarken der Terrormiliz für möglich.

Rauchwolken über Baghuz, Syrien
Baghus: In der Region um den Ort ist die letzte Bastion des IS in Syrien.
Quelle: dpa

heute.de: Die Terrormiliz "Islamischer Staat" scheint in Syrien militärisch geschlagen zu sein. Aber ist sie damit auch wirklich besiegt?

Sofia Koller: Der IS ist deutlich geschwächt, verfügt aber weiterhin über Anführer, Kämpfer sowie finanzielle Ressourcen. Auch die ideologische "Marke" des IS wird eine militärische Niederlage wahrscheinlich überleben. Von einem vollständigen Sieg kann also noch lange nicht die Rede sein.

Aus diesem Grund war auch die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, die amerikanischen Truppen aus Syrien abzuziehen, kontraproduktiv. Ein verfrühter Abzug kann zum Wiedererstarken des IS führen. Vor allem die Kurden sind auf logistische Hilfe der Amerikaner angewiesen, zum Beispiel, um IS-Kämpfer in Nordsyrien gefangen halten oder transportieren zu können.

heute.de: Welche Gefahren gehen noch vom IS in Syrien, im Irak und in Nordafrika aus?

Koller: In den letzten Monaten hat sich der IS vermehrt auf Guerilla-Taktiken konzentriert, denen eine konventionelle Armee wenig entgegenzusetzen hat. IS-Kämpfer nutzen beispielsweise Selbstmordanschläge oder verstecken sich in der Bevölkerung. Ein vollständiger Sieg, wie ihn Trump voraussieht, wird unter diesen Voraussetzungen in naher Zukunft nicht zu erreichen sein.

In der Region beobachtet man außerdem eine Fragmentierung der dschihadistischen Szene und teilweise eine Verlagerung nach Nordafrika, etwa nach Libyen. Bei einer anhaltend instabilen politischen Lage in diesen Ländern geht also immer noch eine relativ große Gefahr vom IS oder neu zusammengesetzten dschihadistischen Gruppierungen aus.

heute.de: Welche Prioritäten setzt der IS nun?

Koller: Es geht ihm nicht mehr um den Aufbau eines funktionierenden Staates und die Eroberung von Gebieten. Vielmehr schaltet der IS in eine Art Überlebensmodus. Schon jetzt treibt die Organisation konfessionelle Spannungen und Polarisierung voran.

heute.de: Was macht das "Konstrukt IS" für seine Anhänger noch immer interessant?

Koller: Der IS verfügt nach wie vor über eine geschickte strategische Kommunikation und ist durchaus in der Lage, Niederlagen in Erfolge umzudeuten. Eine anhaltend starke Berichterstattung, insbesondere in westlichen Medien, trägt dazu bei, dass der IS selbst in seiner Niederlage die Aufmerksamkeit bekommt, die er sucht.

Attraktiv ist für seine Anhänger auch noch immer das Narrativ, dass Muslime im Westen ungerecht behandelt würden und ihren Glauben nicht leben könnten. Immer wieder hört man von festgenommenen IS-Anhängern, dass sie die konkrete Umsetzung des IS zu drastisch fanden, die Grundidee eines "Islamischen Staates" aber weiterhin unterstützen. Nach wie vor existieren zudem viele der Konditionen, die zu einem Erfolg des IS beigetragen haben - unter anderem konfessionelle Konflikte, wirtschaftliche und politische Instabilität, Korruption und Marginalisierung.

heute.de: Nicht nur die Jesiden im Nordirak haben extrem unter dem IS gelitten. In welchem Zustand hinterlässt die Terrormiliz die einst von ihr eroberten und zwangsverwalteten Gebiete?

Koller: Sicher wird erst nach und nach das gesamte Ausmaß der schrecklichen IS-Herrschaft in Syrien und dem Irak sichtbar. Schon jetzt wird aber über Massengräber berichtet, über Zehntausende Flüchtlinge, auseinandergerissene Familien und eine traumatisierte Bevölkerung. Durch die Kämpfe gab es in IS-kontrollierten Gebieten auch eine beträchtliche Anzahl an zivilen Opfern, sodass die Anti-IS-Koalition nicht unbedingt als Befreier wahrgenommen wird.

Durch die Herrschaft eines sunnitisch-geprägten IS hat sich auch die Polarisierung zwischen Schiiten und Sunniten weiter verschärft. Der IS hatte außerdem - mitunter durch drakonische Strafen - in vielen Gebieten für eine Art Stabilität gesorgt, die wieder wegfällt. Die Situation sollte also genau beobachtet werden, weil extremistische Organisationen diese Bedingungen für eine Rekrutierung neuer Kämpfer nutzen könnten.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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