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Humanitäres Leid in Syrien - "Die Situation in Afrin … katastrophal"

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Cemila Heme von der Hilfsorganisation "Kurdischer Roter Halbmond" berichtet als Augenzeugin vom menschlichen Leid in Afrin. Bis zu 900.000 Menschen seien auf der Flucht.

Menschen flüchten am 15. März 2018 auf Anhängern aus Afrin
Menschen flüchten am 15. März 2018 auf Anhängern aus Afrin Quelle: reuters

Frage: Cemila, Sie sind gerade erst aus Afrin zurückgekehrt. Was hat sich in den letzten Tagen dort abgespielt?

Cemila Heme: Ich bin Mitarbeiterin des Roten Halbmonds und leiste medizinische Hilfe. Die Situation in Afrin in den letzten drei Tagen war katastrophal. Hunderttausende Menschen befinden sich auf der Flucht. Sie werden an allen Grenzen aufgehalten. Man befürchtet einen Genozid. Ein Massaker an mehreren Hunderttausend Menschen. (Heme beginnt zu weinen, sie ringt um Fassung.)

Frage: Was hat sich in den letzten Tagen in der Stadt abgespielt?

Heme: In den letzten drei Tagen hat man mit Kampfjets die Zivilbevölkerung bombardiert. Man hat sie beschossen. Man hat Wohnblöcke, Wohnviertel bombardiert. Die Menschen wollten überhaupt nicht ihre Existenz, ihre Wohngegend, verlassen. Sie wurden gezwungen, sich auf die Flucht zu begeben. Auf der Flucht wurden sie wieder bombardiert. 

Frage: Sie sind selbst Zeugin dieser Flucht gewesen, als Sie Afrin verlassen mussten?

Heme: (nickt) Ich möchte mich auch bei den Verletzten entschuldigen. Wir hatten nicht die Möglichkeit, sie aus den Trümmern herauszuholen. Wir wurden selbst als Hilfspersonen bombardiert. Ich bin fassungslos. Ich bin Zeuge. Wir wollten sie aus den Trümmern ziehen. (Pause) Sie haben uns bombardiert, sie haben uns nicht gelassen. Die ganzen Kleinkinder, sie sind alle unter den Trümmern. Die sind verwundet, die sind verletzt und an ihren Verletzungen verstorben. Sie sind verblutet. Wir möchten uns bei den Verletzten, bei den Verstorbenen, denen wir nicht zu Hilfe eilten, eilen konnten, weil wir selbst von den Kampfjets bombardiert wurden, entschuldigen. (weint)  

Frage: Wir sind uns aber alle klar, wie vielen Menschen Sie geholfen haben und dass es manchmal Grenzen des Möglichen gibt. Wie viele Menschen sind im Augenblick auf der Flucht?

Heme: Fast alle befinden sich auf der Flucht. Momentan leben sie im Freien. Die Ziffer beläuft sich auf 800.000 bis 900.000 Menschen. Die, die verletzt sind, werden an ihren Verletzungen versterben. Die, die nicht verletzt sind, werden durch das Wetter, die Kälte erfrieren. Weil: Sie haben nichts, sie haben gar nichts. Wir müssen ihnen zu Hilfe eilen!

Frage: Wenn die Leute es geschafft haben, die Stadt zu verlassen und an die Grenzen von Afrin kommen, was erwartet sie dann? Werden sie durchgelassen und können sich in ein sicheres Gebiet retten?

Heme: Das (syrische) Regime schließt alle Grenzen, lässt keinen durch. Von daher sind sie hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert.

Frage: Was muss jetzt von Seiten der internationalen Öffentlichkeit geschehen, damit sich diese Situation der Menschen dort bessert und sie nicht umkommen?

Heme: Seit zwei Monaten schreien wir, schreien wir in die Welt, bitten um Hilfe. Seit zwei Monaten. Ob dass die Hilfsorganisation von Heyva sor (Roter Halbmond) oder andere Organisationen - Ärzteverbände - sind, wir rufen, wir schreien um Hilfe!

Das Interview führten Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar des Bistums Münster, und Michael Wilk, Notfallmediziner aus Wiesbaden.

Aufgezeichnet durch Marcel Burkhardt.

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