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Aktivist der Hongkong-Proteste - "Wir verdienen unsere Freiheit"

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In Hongkong demonstrieren seit Monaten Hunderttausende für Freiheit und Demokratie. Wong Yik Mo, Mitglied der Civil Human Rights Front, kritisiert die Polizei scharf.

Proteste in Hongkong am 31. August 2019
Proteste in Hongkong
Quelle: Reuters

heute.de: Trotz eines Verbots der Großdemonstration haben am Wochenende wieder Tausende Menschen in Hongkong demonstriert. Dabei kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten. Sie waren bis spät in die Nacht auf der Straße. Wie haben Sie den Samstag erlebt?

Viele befürchten, wenn sie jetzt nicht demonstrieren, dann werden weitere Rechte eingeschränkt und sie können nie wieder demonstrieren gehen.
Wong Yik Mo

Wong Yik Mo: Trotz des Verbots der Demonstrationen waren sehr viele Menschen entschlossen, für das Grundrecht auf Versammlung und für Freiheit zu demonstrieren. Auf den Straßen habe ich nicht nur junge Leute, sondern auch Familien, Kinder und alte Leute gesehen. Viele befürchten, wenn sie jetzt nicht demonstrieren, dann werden weitere Rechte eingeschränkt und sie können nie wieder demonstrieren gehen. Anfangs war die Lage friedlich, dann gab es Zusammenstöße zwischen der Polizei und Bürgern, die völlig unverhältnismäßig waren. Ich habe gesehen, wie die Polizei Tränengas, Schlagstöcke und Wasserwerfer eingesetzt hat. Die Wasserwerfer waren mit blauer Farbe geladen, um Protestler zu markieren und später zu identifizieren und festnehmen zu können.

heute.de: Von wem ging die Gewalt aus?

Wong Yik Mo: Die Gewalt am Samstag ging definitiv von der Polizei aus. Es gab sogar Polizeibeamte, die sich als Aktivisten verkleidet und unter die Demonstranten gemischt haben. Einer, der angeblich einen Brand gelegt hat, wurde enttarnt und ein Foto von ihm veröffentlicht, aber verletzt wurde er nicht. Es gibt Videos, auf denen Polizisten eine U-Bahn gestürmt und sämtliche Insassen wahllos mit Schlagstöcken und Pfefferspray attackiert haben. Ein Zeuge beschreibt die Nacht als "Hölle auf Erden". Bezogen auf die letzten Monate würde ich sagen, dass 99 Prozent der Demonstranten friedlich sind. Es gibt auch mehrere Videos, die zeigen, dass die Eskalation und Gewalt der vergangenen Wochen klar von der Polizei ausging. Ich habe Bilder von schweren Schnittverletzungen und heftigen allergischen Reaktionen von Opfern von Polizeigewalt gesehen. Nach Polizeiangaben sind in den vergangenen Wochen 1.117 Personen festgenommen wurden.

heute.de: Die Demonstration wurde ursprünglich von den Behörden aus Sicherheitsgründen verboten. Zeigt die Eskalation nicht auch, dass die Bedenken begründet waren?

Wong Yik Mo: Das Verbot war und ist völlig sinnlos! Alle offiziellen Demonstrationen und Versammlungen waren bisher friedlich und zwar vom Anfang bis zum Ende. Es kam zwar immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Teilen der Demonstranten und der Polizei, aber erst nach Ende der offiziellen Demonstration. Die friedlichen Protestler und die gewalttätigen Einzelpersonen sind unterschiedliche Gruppen – und doch sind wir alle Hongkonger! Die Polizei unterscheidet da nicht. Das Recht auf Versammlung ist schließlich ein Grundrecht.  

heute.de: Welche Rolle spielen Sie bei den Protesten?

Wong Yik Mo: Als Unterstützer der Civil Human Rights Front kümmere ich mich hauptsächlich um die Unterstützung und den rechtlichen Beistand festgenommener Personen. Ich versuche, bei Festnahmen die Namen der Festgenommenen herauszubekommen und sie an einen Anwalt weiterzugeben. Außerdem berichte ich den UN und anderen ausländischen Regierungen über die aktuelle Situation in Hongkong.

heute.de: Auch am Montag gingen die Proteste weiter. Schüler streikten vor Unterrichtsbeginn. Können Sie einschätzen, wie viele junge Menschen sich beteiligt haben?

Wong Yik Mo: Trotz massiver Einschüchterungen haben sich am Montagmorgen mehr als tausend Schüler den Protesten angeschlossen. Bei vielen Schülern wurden Leibesvisitationen in der U-Bahn oder auf offener Straße vorgenommen. Einige Schüler haben einen Eintrag in der Schule bekommen, weil sie schwarze Mundschutzmasken in ihrem Rucksack hatten oder am Streik beteiligt waren. Auch diesmal spritzte die Polizei aus Hubschraubern eine farbige Flüssigkeit, um die Schüler zu markieren und später zu identifizieren. Am Nachmittag nahmen 30.000 Studenten an einem Streik an der Chinesischen Universität in Hongkong teil.

heute.de: In der vergangenen Woche wurden vorübergehend mehrere führende Köpfe der Opposition festgenommen. Welche Auswirkungen haben diese Festnahmen auf die Protestbewegung und auf die Stimmung in Hongkong?

Wong Yik Mo: Die meisten Leute sind wütend und traurig über die Entwicklungen. Einige haben auch Angst vor einer Eskalation der Lage. Hongkong ist mental in einer sehr schlechten Verfassung: Das politische System, die Regierung, die Polizei funktionieren nicht. Der Sicherheitsapparat, der seine Bürger eigentlich schützen sollte, bezeichnet diese neuerdings sogar als Kakerlaken. Mindestens sieben Protestler sollen aufgrund der aussichtlosen Situation Suizid begangen haben.

heute.de: Der Auslöser der Proteste war das sogenannte Auslieferungsgesetz, welches jetzt auf Eis liegt. Warum reicht Ihnen diese Maßnahme nicht?

Wong Yik Mo: Wir fordern die komplette Rücknahme des Auslieferungsgesetzes und den Rücktritt von Regierungschefin Carrie Lam sowie freie Wahlen und eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt bei den Protesten.

heute.de: Wie haben die Regierungen in Hongkong und Peking bisher auf die Proteste reagiert?

Wong Yik Mo: Das Ziel von Peking ist es, die Proteste in Hongkong weitestgehend zu unterbinden. Sie wollen keinen Kompromiss und werden ihr Ziel im schlimmsten Fall weiter mit Gewaltanwendung durchsetzen. Unsere Regierungschefin wird auch in Zukunft die Befehle aus Peking befolgen.

heute.de: In dieser Woche reist Angela Merkel nach China. Und das während der Hongkong-Krise. Was erwarten Sie von ihr? 

Wong Yik Mo:
Von Angela Merkel erwarte ich einen echten Dialog mit der chinesischen Regierung. Xi Jinping sollte überzeugt werden, dass eine Unterdrückung der freiheitlichen Rechte in der internationalen Finanzmetropole Hongkong für alle Beteiligten von Nachteil ist. Das ist schlecht für Hongkong, für China, für Deutschland und den Rest der Welt.

heute.de: Die Proteste dauern bereits länger als die sogenannten Regenschirm-Proteste von 2014. Haben Sie Hoffnung, dass sie diesmal erfolgreich sind?

Wong Yik Mo: Wir müssen weiterhin in unseren friedlichen Protesten kreativ bleiben und dürfen nicht aufhören, zu kämpfen. Außerdem brauchen wir internationale Unterstützung. 

heute.de: Was ist Ihre größte Sorge?

Wong Yik Mo: Ich befürchte einen immer stärker werdenden Einfluss der chinesischen Regierung auf Hongkong und eine Verschlechterung der Situation. Schon jetzt sind viele demokratische Freiheitsrechte in vielen Bereichen eingeschränkt: Festgenommene durften stundenlang nicht mit ihren Familien oder Anwälten Kontakt aufnehmen. Knochenbrüche und Verletzungen wurden in Polizeigewahrsam nicht versorgt und Frauen sollen von Beamtinnen sexuell erniedrigt worden sein.

heute.de: Sie investieren viel Zeit in Ihr Engagement bei den Protesten. Was treibt Sie dabei an?

Wong Yik Mo: Ich habe viel im Ausland, in Taiwan und Deutschland, gelebt und erst bei den Regenschirm-Protesten 2014 gemerkt, das Hongkong mein Zuhause und meine Heimat ist und wie wichtig Freiheit und Demokratie sind. Und ich möchte allen Menschen sagen: Steht an der Seite von Hongkong, befreit Hongkong, wir brauchen und verdienen unsere Freiheit – heute und in Zukunft für unsere Kinder!

Das Interview führte Wiebke Dierks.

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