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Nordkorea - "Auch Kim Jong Un unterliegt Zwängen"

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Seit Wochen rasseln die Säbel zwischen den USA und Nordkorea. Der Ökonom und Ostasienwissenschaftler Rüdiger Frank fordert im Interview mit dem 3sat-Wirtschaftsmagazin makro eine neue Strategie. Die größte Bedrohung Nordkoreas sieht er nicht in den USA.

Individual-Tourismus westlicher Art ist in Nordkorea für Ausländer schlicht verboten. Doch selbst die von Behörden streng begleiteten Reisen ermöglichen kleine Einblicke hinter die Fassaden.

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43 min
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makro: Mit welchen Eindrücken sind Sie von Ihrer letzten Reise nach Nordkorea zurückgekehrt?

Rüdiger Frank: Das war im Februar 2017. Die Versorgungslage sah gut aus, es gab sogar überall im Land Obst zu kaufen. Äpfel vor allem, keine Selbstverständlichkeit für diese Jahreszeit. Neue Geschäftszweige entstehen, wie Fahrradtaxis oder Autowäsche und sogar eine Sportlotterie. Offenbar haben viele Menschen in Nordkorea mehr Geld, als wir uns das aufgrund der im Westen oft sehr einseitigen Berichterstattung vorstellen können. Die Hauptstadt wird mit riesigem Aufwand aufgehübscht, aber auch auf dem Land geht es weiter voran. Für ein eigenes Auto langt es bei vielen Menschen noch lange nicht, aber E-Bikes sind stark im Kommen. Gleichzeitig gibt es viel Propaganda, man spürt den totalen Staat überall. Das ist noch immer Nordkorea. Neben vielen wohlhabenden Menschen sieht man auch solche, die offenkundig bitterarm sind. Nordkorea ist ein Land der Gegensätze, und es wird interessant sein zu sehen, wie sich das langfristig auf die Stabilität der Gesellschaft auswirkt.

makro: Mit seinem Atom- und Raketenprogramm tanzt Nordkorea der Welt seit Jahren auf der Nase herum. Was wäre aus Ihrer Sicht die beste Reaktion?

Frank: Sanktionen sind eine Option, doch auch die haben ihre Grenzen: China will keinen Kollaps, wir wollen die Menschen in Nordkorea nicht in den Hunger treiben und nicht zuletzt hat sich Nordkorea über die Jahrzehnte ein Maß an wirtschaftlicher Eigenständigkeit erarbeitet, das es vergleichsweise unempfindlich gegen Sanktionen macht. Die militärische Option verbietet sich, niemand will einen zweiten Koreakrieg oder einen Dritten Weltkrieg. Es bleiben also nur zwei Wege: Kurzfristig muss man mit Nordkorea reden und sehen, was auf diplomatischem Wege möglich ist, um das Problem zumindest einzudämmen. Langfristig wird nur ein Wandel des Systems in Nordkorea helfen. Das muss nicht unbedingt den Sturz von Kim Jong Un bedeuten. Eine Unterstützung der schon lange im Land vorhandenen Tendenzen zur Marktwirtschaft würde genügen. Bei China hat das recht gut funktioniert. Doch dort hatte der Westen seinerzeit ein Interesse am Erfolg, bei Nordkorea sehe ich dieses Interesse nicht. Außerdem kollidiert eine solche Unterstützung der Marktwirtschaft in Nordkorea mit den Sanktionen und hier drehen wir uns im Kreis. Darum geht seit Jahren nichts voran, während die Nordkoreaner zielstrebig ihr Atomwaffenprogramm entwickeln. Schritt für Schritt.

makro: Aber glauben Sie wirklich, dass mehr Handel mit Nordkorea das Regime zum Einlenken bringt?

Frank: Selbstverständlich. Erstens würde man damit die Kosten-Nutzen-Rechnung der Regierung Nordkoreas ändern: Wenn es lange genug umfassende Handelsbeziehungen gibt und sich die Wirtschaft des Landes daran gewöhnt, dann sind westliche Sanktionsandrohungen plötzlich eine ganz andere Hausnummer, als das beim derzeit minimalen Austausch der Fall ist. Zweitens bedeutet mehr Handel auch mehr Geld, das im Inland im Umlauf ist. Geld will ausgegeben werden. Das führt zu mehr Nachfrage auf den Märkten, was wiederum zu mehr Produktion, mehr Angebot und einer wachsenden Zahl von Händlern und kleinen Produzenten führen wird. Der Staat schafft das nicht; also reden wir von einem Wachstum der Privatwirtschaft und des Mittelstandes. Das verschiebt dann auch die innenpolitischen Verhältnisse: Bürger, die etwas zu verlieren haben, sind tendenziell eher für Stabilität und gegen militärische Abenteuer. Außerdem sind sie politisch selbstbewusster und besser informiert als vollständig vom Staat abhängige Fließbandarbeiter oder Bauern. Handel macht Nordkorea bunter und stärker an guten Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft interessiert.

makro: Blicken wir auf Kim Jong Un. Dienen die Drohungen aus Pjöngjang vielleicht nicht nur der Provokation nach außen, sondern auch dem Machterhalt im Innern?

Frank: Es wird, wie immer, eine Mischung sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass auch ein Diktator wie Kim Jong Un innenpolitischen Zwängen unterliegt. Er muss seinem Volk und auch der Führungsriege Erfolge vorweisen, um seinen ursprünglich nicht sehr soliden Anspruch auf die Macht zu bewahren. Nicht zuletzt darf man auch nie vergessen, dass die größte militärische, politische und kulturelle Bedrohung Nordkoreas nicht die USA sind, sondern China. Das erkennt man schon nach einem unvoreingenommenen Blick auf die Landkarte und es gibt auch handfeste Anhaltspunkte dafür, dass Pjöngjang das tatsächlich so sieht. Das nordkoreanische Atomprogramm dient also auch der Abschreckung gegenüber dem großen Nachbarn, der schon einmal, 1950, eine Million Soldaten ins Land geschickt hat, um die Amerikaner zurückzuschlagen. Das war damals sehr willkommen, hat den Nordkoreanern aber auch gezeigt, wie schnell so etwas gehen kann.

makro: China sieht sich als Ordnungsmacht in Südostasien. Wie lange sehen die Chinesen dem Treiben Kim Jong Uns noch zu?

Frank: Das werden sie so lange tun, wie er das kleinere Übel ist. Ein nach südkoreanischem Muster vereinigtes Südkorea mit nordkoreanischen Atomwaffen, amerikanischen Truppen und japanischen Verbündeten wäre der größtmögliche Albtraum für Peking.

makro: In Nordkorea gibt es mehr Konsummöglichkeiten, als wir uns das vorstellen, Sie haben es eingangs geschildert. Macht also die Globalisierung auch vor Nordkorea nicht halt?

Frank: Das geht schon spätestens seit den Juli-Reformen von 2002 so. Und zwar trotz Sanktionen. Wenn wir an unsere eigenen Ideen von Liberalismus und freiem Markt mitsamt deren nicht ausschließlich positiven gesellschaftlichen Konsequenzen glauben würden, dann würden wir diese Tendenzen sogar stärken, wie wir es ganz bewusst im Falle Osteuropas und Chinas gemacht haben. Aber seltsamerweise tun wir bei Nordkorea genau das Gegenteil: Wir verweigern den Handel, bieten der neuen Marktwirtschaft also keine Absatzmärkte und wir verweigern die Investitionen, sodass die vielen Sonderwirtschaftszonen leer bleiben. Fast könnte man glauben, wir wollen überhaupt keinen Wandel in Nordkorea.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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