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heute.de-Interview mit Angehöriger - U-Haft in Türkei: "Die Vorwürfe sind absurd"

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In der Türkei sind sechs Menschenrechtler in U-Haft genommen worden - darunter auch Peter Steudtner aus Berlin. Ihm wird die Vorbereitung eines Staatsstreiches vorgeworfen. "Absurd", kommentiert seine Partnerin Magdalena Freudenschuss im heute.de-Interview.

In der Türkei haben am Wochenende Hunderttausende den Jahrestag des gescheiterten Putsches gegen Präsident Erdogan gefeiert. Die mittlerweile ausgedünnte Opposition fordert eine Aufarbeitung des Putschversuches. Doch Erdogan zeigt sich unversöhnlich.

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heute.de: Frau Freudenschuss, wie haben Sie von der Festnahme Ihres Lebenspartners erfahren?

Magdalena Freudenschuss: Wenn Peter auf Trainings ist, bin ich eigentlich immer mit ihm in kontinuierlichem Kontakt. An diesem 5. Juli konnte ich ihn den ganzen Tag nicht erreichen, und am Abend war mir klar, er hat sich zu lange nicht gemeldet. Gemeinsam mit seinen Kollegen haben wir dann herausgefunden, dass es zu dieser Verhaftung gekommen ist. Wir haben das schwedische und das deutsche Konsulat informiert und Kontakt mit der türkischen Menschenrechtsorganisation aufgenommen, die vor Ort in dieses Training involviert war.

heute.de: Haben Sie seit der Verhaftung überhaupt mit ihm sprechen können?

Magdalena Freudenschuss: Einmal ganz kurz am Tag nach der Verhaftung, am 6. Juli, da konnte er anrufen, aber das war ein sehr kurzes Gespräch. Zum Inhalt möchte ich nicht viel sagen. Aber ich höre von den Anwälten, dass er das alles soweit ganz gut durchhält und den Kopf oben hält. Ich glaube, als Trainer, der sich sehr intensiv mit dem Umgang mit Stress und Traumata auseinandersetzt, hat er glücklicherweise sehr viele Werkzeuge, um sich selber in einer solch belastenden Situation zu helfen.

heute.de: Wissen Sie, wo genau sich Ihr Partner aufhält?

Magdalena Freudenschuss:  Nein, aber ich nehme an, dass ich diese Info in den nächsten Stunden über die Anwälte bekomme.

heute.de: Worum ging es in dem Workshop in der Türkei, was wissen Sie darüber?

Magdalena Freudenschuss: Es war ein Training, wie es Menschenrechtsorganisationen im Moment häufig in Anspruch nehmen: Es ging vor allem um Fragen des IT-Managements, die in unserer digitalen Welt immer wichtiger werden. Sie müssen sich vorstellen, dass gerade Menschenrechtsverteidiger mit vielen sensiblen Daten anderer Menschen arbeiten. Wie speichert man solche Inhalte, wie kommuniziert man sicher im Internet? Und das zweite Thema war eben Umgang mit Stress und Trauma für Menschenrechtsverteidiger, denn diese Leute arbeiten unter hohem Druck und müssen lernen, auch auf sich selbst zu schauen, um diese wichtige Arbeit weiter machen zu können. Peter war in der Türkei, um genau das mit dieser türkischen Menschenrechtsorganisation zu trainieren.

heute.de: Die türkische Seite wirft Ihrem Lebenspartner vor, er sei ein Agent des britischen Geheimdiensts MI6 und habe im Tagungshotel auf der Insel Büyükada einen Staatsstreich vorbereitet. Was sagen Sie dazu?

Magdalena Freudenschuss: Die Vorwürfe sind absurd. Diese Anschuldigungen sind so ziemlich das Gegenteil davon, wofür Peter, sein Kollege Ali Gharavi und die acht Menschenrechtsverteidiger stehen. Sie alle stehen für Gewaltfreiheit, für Menschenrechte und damit für etwas, was jede Gesellschaft braucht.

heute.de: Peter Steudtner war zuletzt vor anderthalb Jahren beruflich in der Türkei, inzwischen ist dort viel passiert, wie etwa die Festnahme des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel. Haben Sie sich als Familie vor dieser Reise in die Türkei größere Gedanken gemacht?

Magdalena Freudenschuss:  Es gibt vor jedem Training, jeder Reise eine große Risikoanalyse, bei der abgewogen wird: Was kann potentiell passieren? Die Einschätzung in diesem Fall war so, dass es vertretbar ist, und so haben wir die Entscheidung getroffen, dass Peter diesen Auftrag annehmen kann.

heute.de: Werden Sie von der Bundesregierung und dem Auswärtigen Amt unterstützt?

Magdalena Freudenschuss: Ich stand in den letzten zwei Wochen regelmäßig im Kontakt mit dem Konsulat, und mir wurde von dort versichert, dass sie tun, was sie können. Ich glaube das auch und hoffe, dass sie es weiter tun.

heute.de: Und trotzdem haben Sie nun auch - privat organisiert und mit Familie, Freunden und Kollegen Ihres Mannes - eine Art Hilfskampagne für Ihren Partner gestartet?

Magdalena Freudenschuss: Das ist richtig, und obwohl wir uns noch nicht im Klaren sind, wie das weitere Vorgehen aussehen soll, haben wir entschieden, dass jetzt, zu diesem Zeitpunkt der Gang in die Öffentlichkeit ein sinnvoller Schritt ist.

heute.de: Wie geht es Ihnen selbst, wie leben Sie seit zwei Wochen mit der Ungewissheit?

Magdalena Freudenschuss: Die Ungewissheit ist natürlich ständig präsent, die Sorge und Traurigkeit. Es fehlt jemand, der zuhause mit uns lacht, der zum Reden da ist, der zuhört. Es fehlt ein Vater, der vorliest und spielt, es fehlt jemand, der im Alltag Dinge mitmacht, Wäsche wäscht, kocht. Und gleichzeitig ist da auch das Gefühl von Stärke, weil ich so wie Peter auch viel innere Kraft habe, um mit der Situation so umzugehen, dass sie uns nicht kaputtmacht. Ich verschiebe gerade alles, was ich zu tun habe, auf einen Zeitpunkt, wo ich das hoffentlich wieder tun kann.

Das Gespräch führte Christiane Hübscher

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