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Interview mit Religionwissenschaftler - "Immer mehr Muslime wenden sich von Islam ab"

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Der Religionswissenschaftler Michael Blume beobachtet bei Muslimen einen "stillen Rückzug" von ihrer Religion. Im heute.de-Interview spricht Blume über Glaubenszweifel, Verzweiflung und Scham - und was der Westen tun könnte, um der Radikalisierung gläubiger Muslime entgegenzuwirken. 

Der Religionswissenschaftler Michael Blume hat ein Buch mit dem Titel „Islam in der Krise“ veröffentlicht. Fundierte Kritik oder Islambashing? „Forum am Freitag“-Moderator Abdul-Ahmad Rashid hat mit ihm darüber gesprochen.

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14 min
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heute.de: Sie beschreiben den Islam als Weltreligion zwischen Radikalisierung und "stillem Rückzug". Was meinen Sie mit stillem Rückzug?

Michael Blume: In vielen islamisch geprägten Staaten und auch noch in vielen Familien wird die Abkehr vom Islam als Verrat betrachtet und mit Gewalt oder gar dem Tod bedroht. Daher gibt es bislang kaum ehrliche, öffentliche Debatten über Glaubenszweifel. Die meisten Muslime reden allenfalls im engsten Kreis darüber und reduzieren stattdessen einfach ihr religiöses Engagement. Sie beten immer seltener und halten sich von den Moscheen und frommen Kreisen fern, ohne sich formal von der Religion loszusagen. Während wir also bei Christen die Säkularisierung durch Kirchenaustritte und rückgehende Taufzahlen erkennen können, bleibt der derzeit noch viel stärkere Säkularisierungsschub unter Muslimen statistisch bisher unsichtbar.

heute.de: Viele Menschen - auch in Deutschland - sehen eher eine Expansion des Islam. Sie sprechen dagegen von vielen Muslimen mit Glaubenszweifeln. Welche Zweifel sind das konkret?

Blume: Mehr und mehr stellen sich die gleichen Fragen wie dies auch zweifelnde Christen und Juden seit Jahrhunderten getan haben: Gibt es Gott wirklich? Warum haben in meiner Tradition Frauen weniger Rechte als Männer? Warum gab und gibt es im Namen meiner Religion so viel Gewalt? Im Irak haben mich zahlreiche Muslime und Ex-Muslime auf die Kriege zwischen Sunniten und Schiiten und den so genannten Islamischen Staat (IS) angesprochen und sich entsetzt darüber gezeigt, dass dieser sich auf authentische, islamische Traditionen stützen konnte. Immer mehr wenden sich schließlich vom Islam ab und anderen Religionen zu, die meisten belassen es aber noch beim "stillen Rückzug".

heute.de: In Ihrem Buch "Islam in der Krise" vergleichen Sie den Islam auf drastische Art mit einem "Schwerkranken, der vor Verzweiflung und Schmerz um sich schlägt". Was hat Sie dazu gebracht?

Blume: Der Anblick der Kriegsgebiete im Süden der Türkei, im Irak und in Syrien war das Eine, die vielen Gespräche mit zweifelnden Muslimen und Ex-Muslimen bis in die Familie meiner türkischstämmigen Frau hinein das Andere. Unter anderem konnte ich selbst beobachten, wie Tausende Araber an einem islamischen Feiertag in die irakischen Kurdengebiete strömten, um dort Alkohol zu konsumieren. Die verbliebenen Frommen ergriffen die Flucht. Viele Muslime schwanken zwischen Verzweiflung und Scham über den Niedergang ihrer Gesellschaften einerseits und dem Rückgriff auf immer absurdere Verschwörungsmythen andererseits. Die Menschen leiden körperlich und seelisch, schwanken zwischen Atheismus und Radikalisierung.

heute.de: Welche Therapie braucht es Ihrer Ansicht nach?

Blume: Das Wichtigste wäre endlich ein freies und offenes Gespräch über die Krisen, die Zweifel, die Ursachen. Das ist schmerzhaft und vielleicht auch ungewohnt, aber erst diese Freiheit eröffnet die Chance auf Verbesserungen, Reformen und mehr Bildung. Den Kirchen ist es ja schließlich auch gelungen, durch die Aufklärung zu gehen und ihre verlorene Glaubwürdigkeit weitgehend wiederzugewinnen. Leider suchen aber noch immer große Teile der islamischen Gelehrsamkeit die Antworten in einer vorwissenschaftlich verklärten Vergangenheit - und verschärfen die Probleme damit. Es gibt mutige Stimmen, aber die meisten Ulama sind leider noch Teil der Krise, nicht deren Lösung.

heute.de: Inwiefern beeinflussen die westlichen Gesellschaften die Krise des Islam?

Blume: Schon in der Vergangenheit haben Muslime über die alten Medien die Entwicklung der westlichen Demokratien verfolgt. Die Sehnsucht nach den Gütern und Freiheiten konnte man da aber noch immer mit der eigenen, vermeintlichen moralischen Überlegenheit kontern. Dass das christlich geprägte Europa mit einer Frau an der Spitze aber Hunderttausende Muslime aufgenommen hat, während sich Sunniten und Schiiten gegenseitig massakrierten, hat zu einem tiefen Schock im islamischen Selbstverständnis geführt.

Allerdings sehen die meisten Muslime auch, dass wir Nichtmuslime vom Öl und Gas der autoritären Regime noch völlig abhängig sind. Wir beklagen also einerseits islamische Radikalisierungen, beliefern aber andererseits radikal intolerante Diktaturen wie Saudi-Arabien mit Unmengen Geld, Gütern, Waffen und militärischer Unterstützung. Erst wenn wir deutlich weniger Öl und Gas verbrennen, haben Frieden, Demokratie und Entwicklung eine Chance. Und das gilt übrigens auch für nichtislamische Lieferländer wie Russland und Venezuela.

heute.de: Mit der Abkehr von fossiler Energie allein wird es aber nicht getan sein, oder?

Blume: Ja, es ist nur ein erster Schritt, nicht mehr durch den Import von Öl und Gas radikale Regime, Milizen und Terrorgruppen direkt und indirekt zu finanzieren. Im zweiten Schritt bräuchte es mehr Bildung, damit die Menschen den vereinfachenden Glauben an weltweite Superverschwörungen hinter sich lassen können. Und zuletzt sind auch Programme hilfreich, die unsichere Jugendliche auffangen und verhindern, dass sie von Radikalen angeworben werden. Denn auch mit dem militärischen Sieg über den IS ist der radikale, meist auch antiwestliche und antijüdische Verschwörungsglauben in der islamischen Welt noch nicht überwunden.

heute.de: Ihre Thesen werden lebhaft diskutiert. Welche Reaktionen erhalten Sie aus muslimischen Gemeinden?

Blume: Sie sind noch viel positiver, als ich es zu hoffen gewagt hatte. Aber die meisten muslimischen Verantwortlichen sehen doch täglich, was vor sich geht; dass beispielsweise die jungen Leute und die Gebildeten die Moscheen immer stärker meiden. Und sie verstehen, dass ich keine Religion angreife, sondern auf Basis von wissenschaftlichen Fakten und Thesen zu der öffentlichen Debatte einlade, die so dringend nötig wäre. Mir kommt es fast so vor, als wären viele erleichtert, dass es endlich losgeht.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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