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Carola Rackete im ZDF-Interview - "Wir nehmen die Gesetze als Einzige wirklich genau"

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Ihr Fall hat weltweit für Aufsehen gesorgt, ihr Handeln gleichermaßen inspiriert wie polarisiert: Was das mit ihr und der Seenotrettung macht - ein Interview mit Kapitänin Rackete.

Ihre Gegner behaupten, sie würde das kriminelle Handwerk der Schlepper unterstützen und sei eine Kriminelle. Doch was sagt Carola Rackete selbst dazu - und wie geht es ihr?

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8 min
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ZDF: Frau Rackete, Sie waren überall zu sehen. Warum haben Sie sich jetzt versteckt?

Carola Rackete: Es gab nach meiner Festnahme viele Drohungen gegen mich persönlich, die dann von der Polizei als relativ kritisch eingestuft wurden. Deswegen haben wir beschlossen, meinen Aufenthaltsort im Moment weiter nicht zu erwähnen. Juristisch bin ich natürlich vollkommen frei nach dem Urteil der Haftrichterin. Aber frei bewegen kann ich mich im Moment nicht.

ZDF: Sie wurden zu einer Ikone der Flüchtlingsrettung. Es gab Demonstrationen für Sie, aber auch Hasskommentare gegen Sie. Wie ist das, im Fokus der Weltöffentlichkeit zu stehen?

Rackete: Ungewöhnlich natürlich. Man kann es auch nicht ganz begreifen - gerade jetzt, wenn man sein Haus wenig verlassen kann. Es ist überraschend für mich persönlich. Auf der anderen Seite ist es, glaube ich, die Art und Weise wie Menschen einfach Geschichten erzählen, dass man sich gerne mit einer einzelnen Person identifiziert.

ZDF: Können Sie sich erklären, warum gerade Sie so polarisieren?

Rackete: Die Situation hatte sich ja etwas aufgeschaukelt, da das italienische Innenministerium dieses Gesetz während unserer Reise praktisch für dieses Schiff, für diese Situation veröffentlicht hat - und auch der italienische Innenminister sehr persönlich die Organisation angegriffen hat, und diese Polarisierung durch seine Rhetorik auch hervorgerufen hat.

ZDF: Sie haben sich entschlossen, den Notfall an Bord auszurufen und dann trotz des Verbots in den Hafen von Lampedusa einzufahren. Wie stehen Sie jetzt rückblickend zu dieser Entscheidung, nach allem was geschehen ist?

Rackete: Die Entscheidung war vollkommen richtig. Die Entscheidung hat sich begründet auf die Situationsberichte des Ärzteteams insbesondere, aber auch auf die Aussagen anderer Crewmitglieder, die eben tagtäglich mit den Flüchtlingen in Kontakt waren. Da hat sich einfach gezeigt, dass die Lage sich so zugespitzt hatte, dass wir die Sicherheit der Menschen nicht mehr garantieren konnten.

ZDF: Stünden Sie jetzt wieder vor der Entscheidung, Sie würden genauso handeln?

Rackete: Selbstverständlich. Weil das Retten von Menschenleben natürlich viel wichtiger ist als die juristische Verfolgung.

ZDF: Brauchte es diese Konfrontation, um Europa in aller Deutlichkeit zu zeigen, wie kritisch die Situation auf dem Mittelmeer ist?

Rackete: Das finde ich schwierig zu beantworten. Was sich deutlich gezeigt hat: wie sehr diese aktuelle Gesetzgebung und der Umgang der Europäischen Union mit den Geflüchteten verquer steht zu dem, was viele BürgerInnen in Europa für richtig halten.

ZDF: Einige sagen aber auch, dass Sie das Seerecht, die Seenotrettung und auch das Prinzip der sicheren Häfen missbrauchen, um Menschen nach Europa zu schmuggeln.

Rackete: Ich denke, dass wir die Gesetze eigentlich als Einzige wirklich genau nehmen und nicht einfach die Leute dann irgendwo abladen, sondern uns tatsächlich darüber Gedanken machen, wie wir alle Gesetze zum Schutz dieser Menschen nutzen können.

ZDF.de: Und warum sind Sie nicht zum Beispiel nach Tunesien gefahren?

Rackete: Weil zum einen die tunesische Regierung seit Jahren überhaupt kein Interesse hat, die Menschen aufzunehmen. Zu dem Zeitpunkt, wo wir die Geflüchteten aufgenommen haben, gab es ein Frachtschiff, das bereits zwei Wochen vor Tunesien lag - und 75 Geflüchtete nicht an Land bringen durfte. Eine ähnliche Situation hätte uns dann auch erwartet. Außerdem - das sind jetzt die eigentlichen Argumente - gibt es in Tunesien kein Asylrecht.

ZDF: Sie wussten um das schärfere Gesetz in Italien. Warum sind Sie dann trotzdem nach Lampedusa gefahren, wo die Konfrontation zu erwarten war, und nicht nach Malta?

Rackete: Zum einen, weil Lampedusa der nächste sichere Hafen war und die Wetterlage für die Fahrt dorthin gut war. Zum anderen wurde dieses Gesetz erst verschärft, als wir bereits vor Lampedusa lagen.

ZDF: Das heißt, Sie konnten dann auch nicht mehr einen anderen Hafen ansteuern, Sie waren vor Lampedusa gefangen?

Rackete: Wir hätten theoretisch wegfahren können, und hätten dies auch gemacht, wenn ein anderes Land uns einen sicheren Hafen angeboten hätte. Aber trotz aller Bemühungen von deutscher Seite oder auch durch die Europäische Kommission, die auch darin involviert ist, hat niemand uns einen sicheren Hafen angeboten. Kein anderes europäisches Land hätte uns erlaubt, die Flüchtlinge dorthin zu bringen.

ZDF: Wie geht es für Sie persönlich, für ihre Crew und für Ihr Schiff, die "Sea-Watch3" weiter?

Rackete: Die meisten Crew-Mitglieder sind - wie geplant - nach dem Einsatz nach Hause gefahren. Die neue Crew reist an, das Schiff ist immer noch zur Beweissicherung festgesetzt. Wir hoffen, dass diese bald abgeschlossen werden kann, denn wir wissen auch, dass im Rettungsgebiet viel los ist, dass das Schiff dringend gebraucht wird. Für mich persönlich kommt erst mal noch die nächste Anhörung.

ZDF: Das heißt, Sie haben Ihren Gegenspieler, den Innenminister der die Wände hochgeht, sie beschimpft - und Sie selber bleiben ganz cool.

Rackete: Das ist zumindest der Plan, ich sehe keinen Vorteil darin, das künstlich aufzuschaukeln. Ich finde es unangemessen, andere Menschen zu beleidigen. Ich arbeite gerne mit Fakten. Und abgesehen davon ist es auch so eine generelle Sache, dass man sich als Kapitänin nicht aufregen sollte. Zumindest nicht vor anderen Leuten.

ZDF: Haben Sie sich über irgendetwas diese Woche aufgeregt?

Rackete: Ja. Die Situation auf dem Mittelmeer ist katastrophal. Die EU bezahlt Milizen und Kriminelle - damit meine ich die sogenannte libysche Küstenwache, deren Verbrechen klar belegt sind - dafür, dass Menschen, die flüchten, in ein Bürgerkriegsland zurück gebracht werden und nicht nur das, sondern in ein Bürgerkriegsland, von dem wir wissen, dass sie vielen Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind.

ZDF: Wir reden über die Frage von Recht und Moral. Sollten humanitäre Gründe dafür ausreichen, dass man sich über Gesetze eines Landes hinwegsetzt?

Rackete: Ich denke, darüber reden wir überhaupt gar nicht. Wir reden über zwei verschiedene Gesetze, die gegeneinander stehen, zum einen das internationale Seerecht und das nationale Recht von Italien. Und hier hat das internationale Gesetz Vorrang.

Wir haben uns das Ganze ja schon mindestens ein Jahr angeschaut. Seit die italienischen Häfen offiziell geschlossen wurden, war es ja jedes Mal ein Drama, wenn ein NGO-Schiff mit Menschen vor einem Hafen lag - und es wurde jedes Mal lange herumgeschachert, wer die Menschen nimmt. Wenn es Militärschiffe waren, wenn es Küstenschiffe waren oder wenn es Handelsschiffe waren, gab es diese Probleme nicht, tatsächlich immer nur bei NGO-Schiffen.

Schon seit einem Jahr arbeitet die Europäische Kommission angeblich an einer Lösung. Wir warten immer noch darauf, dass es die dann hoffentlich bald gibt - eine generelle Lösung, mit der klar wird, wo die Menschen aus diesen Seenotrettungsfällen hinkommen können. Und natürlich ist es nicht möglich, die nur in den südlichen Staaten von Europa unterzubringen, hier brauchen wir die Solidargemeinschaft von Europa.

Das Interview führte Carsten Behrendt, auf Twitter: @nahsehen

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