ZDFheute

"Verantwortung wird individualisiert"

Sie sind hier:

Finanzkrise und Banker-Moral - "Verantwortung wird individualisiert"

Datum:

Haben Banker aus der Finanzkrise von 2008 Lehren gezogen? Nein, sagt Soziologin Czingon, denn ihr Geschäft sei viel zu sehr auf Gewinn ausgerichtet.

Bankentürme der Frankfurter Skyline mit grauem Himmel.
Durch die Rekrutierungspraxis der Banken bildet sich ein homogenes, sozial privilegiertes Berufsmilieu heraus, das zum Rest der Gesellschaft kaum mehr Berührungspunkte hat, sagt Soziologin Claudia Czingon.
Quelle: dpa

makro: Sie haben die Berufsmoral der Banker untersucht. Sind die nach der Finanzkrise jetzt geläutert?

Claudia Czingon: Nein, zumindest nicht diejenigen, die weiterhin im globalen Kapitalmarktgeschäft tätig sind. Die Finanzkrise wird hier nicht als systemisches Versagen gedeutet, das eine grundlegende Neuausrichtung der Geschäftsmodelle und politische Interventionen erfordert, sondern auf das Fehlverhalten einzelner "schwarzer Schafe" zurückgeführt. Verantwortung wird individualisiert. Wenn sich die Banken gegen die eigennützigen und zum exzessiven Risiko neigenden "Schurkenhändler" wappnen, so die herrschende Ansicht, kann man weitermachen wie bisher.                                                                        

makro: Geht es bei den Banken nach wie vor nur um Profitorientierung oder spielt das Gemeinwohl heute auch eine Rolle?

Czingon: Es gibt sehr wohl Finanzakteure, denen das Gemeinwohl nicht egal ist. Das sind aber häufig Aussteiger oder solche, die vom profitgetriebenen Investmentbanking in andere Bereiche gewechselt sind, wo sie das Gefühl haben, diesem gesellschaftsdienlichen Anspruch besser gerecht werden zu können. Zum Beispiel in ethischen Banken, ins unternehmensnahe Kreditgeschäft oder in Abteilungen, die die ökonomischen, rechtlichen, sozialen und ökologischen Risiken der Banken überwachen. Das Problem ist, dass diese "Risikoarbeiter" von den Bankern aus dem Kerngeschäft als "Geschäftsverhinderer" und "notwendiges Übel" betrachtet werden. Ihre Anerkennungsdefizite zeigen sich auch darin, dass ihr Einfluss auf Geschäftsentscheidungen gering ist.

 

makro: Sie haben festgestellt, dass viele Banker von Business Schools und Eliteunis kommen. Gibt es einen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und beruflicher Moral?

Czingon: Durch diese Rekrutierungspraxis der Investmentbanken bildet sich ein relativ homogenes, sozial privilegiertes Berufsmilieu heraus, das zum Rest der Gesellschaft kaum mehr Berührungspunkte hat - auch privat nicht. Man lebt in denselben Stadtvierteln, macht den Urlaub an denselben Orten, die Kinder besuchen denselben Kindergarten. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Berufsmoral. In einer solchen "Blase" erfährt man kaum Kritik. Vielmehr bestätigt man sich gegenseitig, dass das, was man macht, eine enorme Wichtigkeit und Bedeutung hat. Unter diesen Bedingungen wird es unwahrscheinlicher, eine reflexive Distanz beziehungsweise ein kritisches Verhältnis zur eigenen beruflichen Tätigkeit zu entwickeln.

makro: Gehen wir mal davon aus, die Banken wollten ernsthaft einen Kulturwandel. Wo müssten sie ansetzen?

Czingon: Von Bankern wird erwartet, dass sie Werteschulungen besuchen, in denen ihnen nahegelegt wird, moralisch zu handeln. Gleichzeitig werden ihre ökonomischen Zielvorgaben erhöht, um die Gewinne zu steigern. So kann kein Kulturwandel funktionieren. Ernsthaft an das Thema ranzugehen, würde zunächst einmal die Einsicht erfordern, dass ein Kulturwandel immer auch von einem Strukturwandel begleitet sein muss. Wenn die Strukturen es unmöglich machen, moralisch zu handeln, ist jeder Kulturwandel zum Scheitern verurteilt.

makro: Was heißt das konkret?

Czingon: Das heißt, man muss sich den unangenehmen Fragen stellen: Welche Anreizsysteme und Geschäftsmodelle müssen verändert beziehungsweise auch abgeschafft und welche politischen Regulierungen akzeptiert werden, damit es überhaupt möglich wird, das Gemeinwohl im Auge zu behalten? Dass hierfür Personalpolitik entscheidend sein kann, zeigt das Beispiel Deutsche Bank. Es ist kein Zufall, dass der längst überfällige Umbau des Geldinstituts nun vom Vorstandschef Christian Sewing vorangetrieben wird, der im Unterschied zu seinen Vorgängern nicht aus dem Investmentbanking stammt. Sein Werdegang entspricht dem des klassischen Bankkaufmanns.

Das Interview führte makro-Redakteur Jürgen Natusch.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.