Sie sind hier:

Theologe zu Bischofskonferenz - "Es muss sich was bewegen"

Datum:

Die Missbrauchsstudie im vergangenen Jahr war ein Anfang. Jetzt aber müssen die deutschen Bischöfe weitergehende Konsequenzen ziehen, fordert Theologe Wunibald Müller.

Missbrauch in der katholischen Kirche
Missbrauch in der katholischen Kirche
Quelle: dpa

heute.de: Wie sind Ihre Erwartungen an die Frühjahrsversammlung der deutschen Bischöfe?

Wunibald Müller: Ich erwarte mir auf alle Fälle mehr als beim letzten Treffen der Bischöfe, das ja unmittelbar nach oder im Zusammenhang mit der Bekanntgabe der Ergebnisse der MHG-Missbrauchsstudie stattgefunden hat. Und ich erwarte mir mehr als das, was beim so genannten Antimissbrauchsgipfel in Rom zustande gekommen ist.

heute.de: Was ist Ihnen da abgegangen?

Müller: Die unmittelbaren Konsequenzen, die sich aus der Missbrauchskrise ergeben, ist man angegangen: Opferschutz, Präventionsordnung, Richtlinien und so weiter. Das ist die erste Stufe. Was ich vermisst habe: Dass man jetzt ernsthaft die weitergehenden Konsequenzen, die sich aus der Missbrauchskrise ergeben, angeht. Und das heißt für mich: Wenn man es wirklich ernst meint mit Prävention, dann müssen diese weitergehenden Konsequenzen angegangen werden. Wenn die Bischöfe den Ernst der Lage wirklich erkannt haben - wir sind in einer Zeit, die mit der der Reformation vergleichbar, mitunter sogar dramatischer ist - dann kann es nicht nur mit kleinen Veränderungen gelöst werden.

Ich würde mir erstens erwarten, dass die deutschen Bischöfe in einer Petition beim Papst die Aufhebung des Pflichtzölibats fordern, es wirklich zu ihrer Sache machen. Zweitens würde ich die klare Forderung erwarten: Wir weihen homosexuelle Männer zu Priestern und wir erwarten, dass die päpstliche Instructio, wonach das verboten ist, zurückgenommen wird. Und drittens, dass Frauen im geistlichen Rat, im Domkapitel, immer mehr vorkommen und irgendwann einmal die Hälfte davon stellen. Da würde man den Eindruck bekommen: Jetzt machen sie einmal Nägel mit Köpfen.

Täter versetzen statt Taten aufklären und ahnden - so ging die Kirche in vielen Fällen mit dem Thema Missbrauch um. Was das für die Opfer bedeutete, sehen Sie hier im Video:

Martin Schmitz ist als elfjähriger Ministrant Opfer von sexuellem Missbrauch geworden. "Der Kaplan wurde einfach in die nächste Pfarrei versetzt", erzählt er. "Das Ansehen der Kirche war einfach wichtiger."

Beitragslänge:
3 min
Datum:

heute.de: Wie realistisch sind solche Beschlüsse nach dieser Frühjahrskonferenz - oder überhaupt nach irgendeiner Konferenz in den nächsten Jahren?

Müller: Es gibt es ja inzwischen einige Bischöfe, die in dieser Hinsicht den Mund aufmachen. Einige Bischöfe weihen inzwischen auch Homosexuelle, und viele Bischöfe würden die Aufhebung des Pfichtzölibats begrüßen. Aber die haben nicht den Mut, das auch vor ihren Mitbrüdern, geschweige denn in Rom zur Sprache zu bringen. Ich glaube nicht, dass das am 14. März passieren wird, aber das heißt dann auch, dass sie den Ernst der Lage nicht erkannt haben.

Es hat 20 Jahre gedauert, bis die Bischöfe so weit waren zu kapieren: Missbrauchsopfer sollten im Mittelpunkt stehen. Und jetzt müssen die jungen Bischöfe den Kopf hinhalten für das, was die alten Bischöfe verbockt haben. Meine Befürchtung ist: Wenn sie jetzt nicht wirklich an die tiefergehenden Ursachen drangehen, dann müssen in 20 Jahren die neuen Bischöfe den Kopf hinhalten für das, was die, die jetzt eigentlich etwas verändern könnten, verbockt haben.

heute.de: Inwiefern glauben Sie, dass Kardinal Reinhard Marx in der Position ist, so einen Vorstoß zu wagen?

Müller: Ich glaube, er hat erkannt, dass die Bischöfe die Kirche jetzt an die Wand fahren, wenn hier nichts Entscheidendes passiert. Was Zölibat und Homosexualität angeht, da bewegt er zwar etwas - aber sicher nicht so weitgehend, wie ich es formuliert habe. Was das klerikale System angeht, kommen die Bischöfe alle an ihre Grenzen, weil sie ja selbst Teil des Problems, Teil des Systems sind.

Ich bin gerade viel unterwegs und merke, was im Volk Gottes - zu dem ich ja auch gehöre - los ist. Die Leute sagen einfach: Wenn ihr die Macht nicht teilt, dann verweigern wir uns euch, dann machen wir vor Ort unser Ding - und dann geht es in diese Richtung weiter.

heute.de: Die Bischöfe haben sich verpflichtet, eine Kultur des Hinschauens in der Kirche zu etablieren. Was muss passieren, dass dieses Ziel sinnvoll umgesetzt wird?

Müller: Das ist gut so, da befindet man sich auf dem richtigen Weg. Aber wenn man alles ernst genommen hätte, was man schon vorher gewusst hat, dann hätte man sich schon vor zehn oder 15 Jahren auf diesen Weg begeben können. Aber da hat die Kirche wirklich in den vergangenen Jahren dazugelernt. Nur wenn man ans Eingemachte gehen möchte, muss man wirklich weiter gehen.

heute.de: Haben die deutschen Bischöfe diesbezüglich auch eine besondere Verantwortung aufgrund ihres Einflusses in der Kurie?

Müller: Der Antimissbrauchsgipfel war insofern ein Erfolg, da dort die anwesenden Mitbrüder aus anderen Ländern für das Thema sensibilisiert worden sind. Heißt: Sich wirklich überlegen, wie im Falle von sexuellem Missbrauch vorgehen, wie mit den Tätern umgehen und: den Opfern mehr zuhören. Da hat die deutsche Kirche eine Vorreiterrolle.

Aber es wäre einmal wichtig, dass die deutschen Bischöfe vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die sie mit den Leuten und vor allem mit den Priestern hier vor Ort machen, auch zu deren Stimme werden. Dass sie sagen, das mit dem Zölibat ist etwas, was viele eh schon nicht mehr leben, was aber dazu führt, dass viel Verlogenheit hier hineinkommt und vieles im Dunkeln gelebt wird.

Sich einmal zusammenraufen und sagen: Wir sind auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen dafür, dass sich an der Stelle tatsächlich etwas bewegt. Die müssen mal den Hintern hochkriegen. Es nützt nichts, wenn der Kardinal Lehmann hochbetagt sagt: "Wir hätten öfters auf den Tisch hauen müssen." Ja, hätte er es getan!

heute.de: Die Kirche besteht ja nicht nur aus Priestern, Diakonen und dem restlichen Klerus. Wo sehen Sie denn die Rolle der einzelnen Gläubigen?

Müller: Was ich jetzt die erste Stufe nenne, meint, dass die Gläubigen natürlich viel sensibler, viel hellhöriger sind und nicht das Vertuschen und Verharmlosen mitmachen. Ein klerikales System wird auch aufrecht erhalten durch die Leute vor Ort. Und die Leute sollen selbst mal schauen: Wo unterstützen wir das klerikale System, indem wir den Pfarrer oder den Bischof zu etwas machen, was über das Normale hinausgeht? Wo wir ihn also in einen Glorienschein stellen und ihm Dinge durchgehen lassen, die wir anderen nicht durchgehen lassen würden. Davon muss man sich emanzipieren.

Und drittens: Die Kirche gehört nicht dem Papst und den Bischöfen. Das ist unsere Kirche, die ist uns wichtig. Dass die Laien aus Sorge um die Kirche, aus Liebe zur Kirche, in einem vielleicht geradezu revolutionären Prozess die Bischöfe nötigen, Macht abzugeben - dass man die Pyramide "Die da oben und wir da unten“ zum Einsturz bringt und durch ein Netzwerk ersetzt. Ein Netzwerk, in dem jeder seine Aufgabe hat, in dem aber die Verteidigung von Macht, keine Rolle mehr spielt.

Die Fragen stellte Korbinian Bauer.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.