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München - ein Jahr nach dem Amoklauf - "Nicht jeder Traumatisierte ist auch krank"

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Viele Menschen erlebten den Amoklauf in München vor einem Jahr aus nächster Nähe. Besonders schlimme Ereignisse traumatisieren Menschen. Manche macht das sogar krank. Der Kopf kann keine Geschichte aus dem Erlebten schreiben, sagt der Psychotherapeut und Traumaexperte Simon Finkeldei im Gespräch mit heute.de.

heute.de: In der Berichterstattung rund um den Amoklauf in München war eines der häufigsten Worte Trauma. Klären wir zu Anfang, was versteht man unter einem Trauma?

Simon Finkeldei: Wir müssen zwei Dinge trennen. Auf der einen Seite gibt es das Trauma, also schlimmste Dinge und Verletzungen, die ein Mensch erlebt. Auf der anderen Seite gibt es die Traumafolgestörung, wenn jemand am Trauma wirklich krank wird. Nicht jeder, der ein Trauma erlebt hat, wird auch krank davon.

heute.de: Was heißt krank in diesem Fall?

Finkeldei: Etwas Schlimmes war zu viel für meinen Kopf. Es ist ihm nicht gelungen, eine ganze Geschichte daraus zu schreiben mit Anfang, Mitte und vor allem Ende. Mein Kopf weiß nicht, dass es vorbei ist.

heute.de: Woran merken Sie als Psychotherapeut, dass jemand mit einem Trauma nicht fertig wird?

Finkeldei: Es gibt grob gesagt drei Symptomgruppen die nach einem Trauma auf eine Traumafolgestörung in unserem Fall beispielsweise die Posttraumatische Belastungsstörung hinweisen können. Erstens: Jemand erlebt die schlimme Situation wieder. Bei Kindern kann das auch im Spiel geschehen, sie sind dann gar nicht mehr richtig da im Hier und Jetzt. Zweitens: Jemand vermeidet alles, was mit dem Trauma zu tun hat, geht zum Beispiel nicht mehr an den Ort des Geschehens und will nicht darüber sprechen. Drittens: Eine Art Daueralarm im Körper. Man spricht von einer Übererregung. In Stresssituationen sind die natürlichen Reaktionen Flucht oder Angriff.

heute.de: Reagieren Erwachsene und Kinder anders?

Finkeldei: Die Symptome zeigen sich je nach Alter natürlich in unterschiedlicher Weise. Bei ganz kleinen Menschen bis sechs Jahre etwa, geschieht ein Großteil der Bewertung der Situation durch die Augen der Bezugspersonen. Wie beispielsweise Mama und Papa selbst mit der Situation umgehen können, ist wichtig für die Verarbeitungschancen gerade jüngerer Kinder.

heute.de: Sie waren rund um den Amoklauf in München vor einem Jahr sofort im Einsatz. Wie haben Sie den Menschen geholfen?

Finkeldei: Ich war mit der Kinderkrisenintervention der AETAS-Kinderstiftung in der Nacht vor Ort. Wir wurden vom Kriseninterventionsteam (KIT) München gerufen, das die Leitung der Betreuung hatte. Ich war mit meinen Kollegen in einer Halle, die als Sammelstelle nach dem Amoklauf diente. Da waren Touristen, Anwohner, auch Augenzeugen. Kinder haben zum Beispiel nach der Mama gesucht, weil sie sich verloren haben in der Hektik. Wir waren in Dienstkleidung und ansprechbar und haben auch eine Ecke eingerichtet, wo man uns finden konnte.

In der Nacht des Amoklaufes ging es vor allem darum, den Menschen das Erleben von Sicherheit zu geben. Trauma ist auch immer Kontrollverlust.

Eine Strategie kann dann sein, die Bedeutung von Dingen zu ändern. Eine Kollegin war draußen bei einer Kindergruppe. Es waren viele Polizisten da mit schweren Waffen und es kamen noch mehr. Die Kinder hatten Angst, oh Gott, oh Gott, noch einer. Die Kollegin erklärte ihnen, dass die Polizisten für Sicherheit sorgen und nicht für Gefahr, also etwas Gutes bedeuten. Dann konnten sie gemeinsam Polizisten zählen.
Das Besondere ist, dass wir von der Stiftung als Traumaberater arbeiten und nicht als Traumatherapeuten.

heute.de: Wo ist der Unterschied?

Finkeldei: Wir treffen auf Menschen, die zwar ein Trauma erlebt haben, aber das heißt eben nicht, dass sie auch krank sind. Wir schreiten schon ganz früh ein um möglichst alles zu tun, dass das nicht passiert. In den ersten Wochen nach dem eigentlichen Trauma ist Hilfe besonders wirkungsvoll. Zur Ruhe zu kommen ist ganz wichtig, um später etwas verarbeiten zu können.

heute.de: Wie sieht die Arbeit in der Traumabegleitung aus?

Finkeldei: Wir begleiten Familien-Systeme über längere Zeit und bieten an, nach Hause zu kommen. Stellen Sie sich vor, kleine Seefahrer, die Kinder, sind im Sturm und brauchen einen Leuchtturm, um sicher in den Hafen zu kommen. Dann ist es wichtig, dass diese Leuchttürme, vertraute Erwachsene, das schaffen können. Wenn es solche Menschen gibt, arbeiten wir über die. Wir unterstützen die Bezugspersonen und bleiben in der zweiten Reihe.

Mit größeren Kindern geht es viel ums Verstehen, was ist passiert und was passiert mit mir? Und um Handwerkszeug, damit umzugehen.

heute.de: Wie erklären Sie einem Kind einen Amoklauf?

Finkeldei: Wir arbeiten mit den Erwachsenen und finden gemeinsam individuell, kindgerechte Worte. Da spielt auch Kultur eine Rolle.

heute.de: Inwiefern ist es heilbar, wenn jemand an einem Trauma krank geworden ist?

Finkeldei: Heutzutage sind Posttraumatische Belastungsstörungen gerade nach einmaligen Erlebnissen sehr gut behandelbar. Verarbeitung kann dann so etwas bedeuten wie: Ich habe die schlimme, traurige Geschichte, aber die Geschichte hat nicht mich.

heute.de: Wenn wir die Perspektive jetzt wechseln: Wie lässt sich so ein Amoklauf vermeiden?

Finkeldei: Ich bin kein Experte für Gewaltprävention. Die Frage, die ich mir aus meiner Perspektive als Berater und Psychotherapeut stelle ist, was können wir gesellschaftlich also in Erziehung wie auch in der Beratung tun, um Menschen bereits früh in einem kompetenten Umgang mit eigenen großen Gefühlen wie Wut, Hass oder Verletzung zu unterstützen. In den Hinweisen, die wir Eltern nach dem Amokauf gegeben haben, steht deshalb auch: Werden sie selbst zum Vorbild und erklären sie ihren Kindern den Unterschied zwischen blindem Zorn und gesunder Wut und Trauer.

Das Gespräch führte Lucia Weiß.

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