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Olympia-Attentat 1972 und die Folgen - "Eine Katastrophe aus heiterem Himmel"

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Während der Olympischen Spiele 1972 in München überfallen palästinensische Terroristen das israelische Quartier, nehmen elf Sportler als Geiseln. Am Ende sind 17 Menschen tot. Im heute.de-Interview spricht Zeitzeuge Gerhart Baum über die "Niederlage der Sicherheitskräfte" und über aktuelle Bedrohungen.

In München ist 45 Jahre nach dem tödlichen Angriff palästinensischer Terroristen auf israelische Athleten ein Denkmal eingeweiht worden. Für viele Angehörige ein schwerer Tag - aber auch ein Tag der Erleichterung.

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heute.de: Am heutigen Dienstag jährt sich das Olympia-Attentat in München zum 45. Mal. Sie waren 1972 im Bundesvorstand der FDP und Freund des damaligen Bundesinnenministers Hans-Dietrich Genscher. Wie überraschend kam der Terror für Sie?

Gerhart Baum: Das war eine absolute Katastrophe, die völlig aus heiterem Himmel über uns niederging. Diese wunderbaren Sommerspiele erhielten durch die Terroristen einen furchtbar schweren Schlag. Wir waren auf eine solche Situation weder mental noch polizeilich vorbereitet.

heute.de: Dokumentationen zeigen, wie überfordert die Sicherheitskräfte waren. Wie betrachten Sie das im Rückblick?

Baum: Die Polizeikräfte waren definitiv überfordert. Mein Freund, der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, hat sich als Geisel angeboten im Austausch gegen die anderen Geiseln, was die Attentäter allerdings ablehnten. Das schlimmste war dann die fehlgeschlagene Rettungsaktion, bei der viele unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind. Das war absolut niederschmetternd, weil die Polizei die Situation nicht annähernd im Griff hatte. Das war eine totale Niederlage der Sicherheitskräfte. Genscher musste nicht zurücktreten, weil man ihm zugutehielt, dass er bereits daran war, das Bundeskriminalamt und den Bundesgrenzschutz effizienter zu organisieren.

Ausgebrannter Hubschrauber in Fürstenfeldbruck
Ausgebrannter Hubschrauber in Fürstenfeldbruck Quelle: dpa

heute.de: Das Attentat von München gilt gemeinhin als "Geburtsstunde des deutschen Anti-Terrorkampfes". Welche Reaktionen des Staats lassen sich direkt auf München '72 zurückführen?

Baum: Genscher hat den Schluss gezogen, die GSG 9, also eine besondere Grenzschutztruppe, ins Leben zu rufen, die für solche Situationen trainiert und gerüstet sein sollte. So etwas gab es bis dato noch nicht. Bei der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" 1977 konnte die GSG 9 dann in einem beherzten Zugriff die Passagiere befreien und die Täter unschädlich machen. Auch die Bundesländer haben nachgezogen und eigene Organisationen von Eingreifkräften gegründet. Die Organisation, Ausrüstung und das Training der Polizei haben sich wesentlich verbessert.

heute.de: Der Terror ist in den vergangenen Jahren zurückgekehrt nach Deutschland. Mit welchen Gefühlen beobachten Sie diese Entwicklung?

Baum: So schlimm die Attentate auch waren: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die Fassung verlieren, völlig verunsichert und verängstigt sind. Das Risiko, Opfer eines solchen Anschlags zu werden, ist weiterhin sehr gering. Die Bedrohung können wir nicht ganz ausschließen, aber mindern. Das erfordert einen klugen Umgang mit den Informationen. Das ist in der Vergangenheit nicht immer geschehen.

heute.de: Der Terror löst auch Wut und Furcht aus. Viele Menschen sagen, der Staat müsse sich wehrhafter zeigen. Wie sehen Sie das?

Baum: Das Bundeskriminalamt ist nach all den Reformen, die es dort gegeben hat, eine Art zentrale Polizeibehörde mit sehr vielen Vollmachten - und es hat bereits seit 2004 die Kompetenz für die Abwehr des internationalen Terrorismus. Der Generalbundesanwalt kann außerdem in allen schwerwiegenden Staatsschutzstrafsachen einschreiten, die die innere oder äußere Sicherheit in besonderem Maße bedrohen. In diesem Fall übernimmt der Bund die Federführung bei den Ermittlungen.

heute.de: In einer Zeit, in der sich viele eine Art FBI für Deutschland wünschen, treten Sie vehement für eine Begrenzung der Kompetenzen des BKA ein. Weshalb?

Baum: Das Bundesverfassungsgericht hat im April 2016 in einem auch von mir erstrittenen Urteil die Kompetenzen des BKA klar definiert und begrenzt. Uns geht es darum, dass polizeiliche Präventivmaßnahmen nicht den privatesten Bereich völlig unverdächtiger Bürger ausleuchten und damit Grundrechte verletzt werden. Das geschieht aber auch mit der Neufassung des BKA-Gesetzes, gegen das wir erneut in Karlsruhe vorgehen werden.

heute.de: Dennoch wurde gerade nach dem Attentat von Berlin der Ruf nach einer starken, zentralen Ermittlungsbehörde laut.

Baum: Ja, aber das ist absolut falsch. Denn es gibt diese Behörden mit weitreichenden Befugnissen ja bereits. Die bittere Wahrheit ist: Das Attentat von Berlin hätte auch verhindert werden können, wenn das Terroristenabwehrzentrum, in dem sehr viele Sicherheitsbehörden mitwirken, nicht versagt hätte. Da wurden schlicht Informationen nicht richtig gedeutet.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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