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Nach Christchurch-Anschlag - "Wir leben in einer toxischen Netzkultur"

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Der Täter von Christchurch hat seine Bluttat als Live-Video ins Netz gestreamt. "Facebook und Youtube haben versagt", sagt die Medienwissenschaftlerin Julia Schumacher.

Hand tippt auf Tastatur
Die RAF musste noch Videos an TV-Sender schicken und auf Ausstrahlung hoffen - jetzt braucht es nur noch einen Klick.
Quelle: dpa

heute.de: Warum hat der Attentäter von Christchurch seine Tat mit einer Helmkamera gefilmt und ins Netz gestreamt?

Julia Schumacher: Medien als Waffe zu benutzen ist ein elementarer Bestandteil von Terrorismus. Terroristen geht es darum, Angst und Schrecken - den Terror – in der Bevölkerung zu verbreiten. Aber auch um Sympathisanten anzusprechen. Je mehr, desto besser, und im digitalen Zeitalter ist das einfacher denn je. Die RAF musste bei der Schleyer-Entführung noch ein Video an die Fernsehanstalten schicken und darauf hoffen, dass diese das Video ausstrahlen. Die Tat von Christchurch hat eine ganz andere Qualität: Redaktionen werden umgangen, die Tat wird ungeschützt ins Netz gestellt.

Medienwissenschaftlerin Julia Schumacher
Julia Schumacher ist Medienwissenschaftlerin an den Universitäten in Hamburg und Groningen. Sie forscht unter anderem zu Medien und politischer Gewalt.

heute.de: Das Video ist dort immer noch zu finden, wenn man ein bisschen sucht.

Schumacher: Die neuseeländische Polizei hat die Online-Dienste aufgefordert, die Inhalte zu löschen. Das ist aber schwierig, das Internet vergisst nichts. Es kursiert ja nicht nur ein Video im Netz, sondern etliche Kopien von Kopien. Aber auch als Gesellschaft stehen wir in der Verantwortung.

heute.de: Das bedeutet?

Userinnen und User können so zu den Handlangern von Terroristen werden, weil sie zur Weiterverbreitung ihrer Tat und ihrer Botschaft beitragen.

Schumacher: Wir müssen uns genau überlegen: Welche Inhalte liken und teilen wir, nach welchen Inhalten suchen wir? Soziale Medien funktionieren nur, weil genügend Leute mitmachen. Userinnen und User können so zu den Handlangern von Terroristen werden, weil sie zur Weiterverbreitung ihrer Tat und ihrer Botschaft beitragen. Der Täter von Christchurch hat sich die Inszenierung ja genau überlegt.

heute.de: Wie gefährlich beurteilen Sie das Material?

Schumacher: Es gibt ein Manifest des mutmaßlichen Attentäters, in dem er sich auf andere Terroristen beruft und behauptet, er handle im Sinne Millionen anderer Weißer. Das setzt er medial perfide um. In seinem Video greift der Täter die Perspektive von Egoshooter-Spielen auf. Als Zuschauerinnen und Zuschauer sind wir so gezwungen, die Sichtweise des Schützen einzunehmen - so als würden wir die Waffe tragen und in die Moschee stürmen. Damit wird der Zuschauer nicht nur zum Augenzeugen, sondern auch zu einer Art Mittäter. Für Fanatiker, die der Ideologie einer "weißen Vorherrschaft" anhängen, ist so ein Videomaterial eine Einladung, die Tat zu verherrlichen oder gar nachzuahmen.

heute.de: Die sozialen Medien haben schon länger ihre Unschuld verloren. Müssen wir noch besser hinschauen?

Schumacher: Wir leben in einer toxischen Netzkultur, die viele Fanatiker für sich nutzen wollen. Die tauschen sich über soziale Medien aus, informieren sich in rechtsradikalen, islamophoben Blogs, bekämpfen alles, was nicht weiß und männlich ist und leben in ihrer Blase einen Rausch aus. Wir dürfen das nicht verharmlosen und als Filterblase von ein paar Verrückten abtun. So etwas kann sinnstiftend wirken, und aus Worten und Bildern können jederzeit Taten werden.

heute.de: Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Schumacher: Die furchtbare Tat von Christchurch zeigt: Facebook und Youtube haben wieder einmal versagt. Die sozialen Medien müssen in Krisenfällen besser und schneller reagieren. Facebook verwendet viel Energie darauf, zum Beispiel Brustwarzen nicht zu zeigen. Die Bemühungen sollten sich eher darauf konzentrieren, dass sich toxische rechtsradikale Communities im Netz nicht so ausweiten können. Und erst recht nicht, dass die sozialen Medien noch zur Live-Bühne von Terroristen werden. Aber auch wir Userinnen und User müssen uns immer wieder neu vor Augen führen, dass wir eine Eigenverantwortung haben: in der Art und Weise, wie wir diese Medien nutzen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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