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"Unsere Arbeit ist ein Befreiungsakt"

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Geheime Syrien-Verhandlungen - "Unsere Arbeit ist ein Befreiungsakt"

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Der Anwalt Naseef Naeem leitet Friedensverhandlungen, um den Krieg in Syrien zu beenden. Er fordert, sein Land nicht mehr nur in Opposition und Regime zu unterteilen.

Mitglieder des syrischen Charta-Rates bei einem Treffen
Mitglieder des syrischen Charta-Rates bei einem Treffen
Quelle: ZDF/Nils Metzger

heute.de: Herr Naeem, seit 2017 leiten Sie als Staatsrechtler die Verhandlungsrunden des "Rates der Syrischen Charta". Dort kommen Vertreter aller verfeindeten syrischen Volksgruppen zusammen. Warum wurde die Initiative gestartet?

Naseef Naeem: In erster Linie geht es uns um einen neuen Gesellschaftsvertrag. Der Rat hat sich gegründet, um an der Umsetzung dieses Ziels zu arbeiten. Es ist an der Zeit, die syrische Gesellschaft nicht länger in Opposition und Regime zu unterteilen. Die syrische Zivilgesellschaft hat unter dem Konflikt gelitten und viele Opfer gebracht. Mehrheitlich war sie an den Entscheidungen dieses Konfliktes aber gar nicht beteiligt. Es ging also darum, diese Mehrheit anzusprechen und in irgendeiner Weise zu aktivieren. Wir wollen der syrischen Gesellschaft im Inn- und Ausland Gehör verschaffen.

heute.de: Die Bandbreite an politischen Ansichten bei den Treffen ist riesig. Von Islamisten bis zu früheren Parlamentsabgeordneten ist alles dabei. Wie ist es, teils verfeindete Gruppen an einem Tisch sitzen zu haben?

Naeem: Niemand kommt zu den Verhandlungen als Vertreter einer Armee, Partei oder politischen Organisation. Die Teilnehmer repräsentieren sich selbst, ihre Familie, ihren Clan, ihren Stamm oder ihre Community. Mit ehemaligen Kämpfern auf allen Seiten tauschen wir uns aus und erreichen sie über ihre Familien. Sie sind aber nicht unmittelbar Teil der Verhandlungen. Unabhängig davon ist es generell sehr kräfteraubend, solche Verhandlungen zu führen. Die Gräben zwischen den Syrern aus verschiedenen Religionen, Konfessionen und Ethnien im In- und Ausland liegen tief. Wir setzen darauf, die Ursachen und Auswirkungen dieser Konflikte offen auf den Tisch zu legen, auch wenn es laut wird.

heute.de: Wie wählen Sie die Teilnehmer aus? Gibt es ein umfangreiches Prüfverfahren, um auszuschließen, dass die Gruppe etwa vom syrischen Geheimdienst unterlaufen wird.

Naeem: Die Syrerinnen und Syrer sind Netzwerker. Der Rat schaut nicht auf Ämter und Funktionen, sondern auf das Gewicht eines Menschen in der Gesellschaft. Bei uns kommt darauf an, dass jeder Teilnehmer an die elf Prinzipien der Charta für ein Zusammenleben in Syrien glaubt und das Dokument unterschreibt.

heute.de: Ihre Treffen finden im Verborgenen statt. Was genau ist die Gefahr, wenn die Namen aller Mitglieder bekannt würden?

Naeem: Die persönliche Sicherheit und Privatsphäre unserer Teilnehmer hat Priorität. Zudem wollen wir die Mitglieder des Rates von gesellschaftlichem Druck entlasten. Vor allem mit Blick auf die sozialen Medien ist das wichtig. Selbst in Deutschland werden Menschen, die weit weniger riskante Dinge tun als unsere Freunde, zum Ziel von Hass im Netz.

heute.de: Welche langfristigen Ziele hat der Rat der syrischen Charta?

Naeem: Das langfristige Ziel ist die Verwirklichung der Grundsätze unserer Charta. Dies kann nicht durch den Rat allein geschehen. Er mobilisiert, schlichtet, wirkt mäßigend, knüpft Beziehungen zwischen Menschen. Unsere Arbeit ist ein Befreiungsakt, den wir im Bewusstsein der Syrer, egal wo sie stehen, verankern wollen.

heute.de: In Genf starten diesen Monat von den Vereinten Nationen organisierte Friedensverhandlungen. Steht Ihre Initiative in Konkurrenz dazu?

Naeem: Definitiv nicht. Der Rat befürwortet grundsätzlich, dass man Syrerinnen und Syrer zusammenbringt. Wir stehen im Austausch mit dem Sonderbeauftragten der UN zu Syrien und seinem Team und wünschen ihm gutes Gelingen.

heute.de: Dutzende hochrangige Syrer regelmäßig zu Treffen nach Europa zu fliegen und deren Sicherheit zu garantieren kostet Geld und braucht gute Beziehungen. Wer finanziert und unterstützt Ihre Arbeit?

Naeem: Die Menschen, die hier zusammenkommen, betrachten ihr Handeln als eine Pflicht in der Not. Auch wenn es sie selbst manchmal viel Zeit und Geld kostet. Im Laufe der Jahre haben europäische Regierungen, Institutionen, Familien und Privatpersonen die Initiative auf jeweils ihre Weise unterstützt.

Das Interview führte Nils Metzger.

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