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100 Jahre Weltkriegs-Ende - "Ein milderer Friede wäre sinnvoller gewesen"

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Eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg? Kriegstreiber nicht zu hart zu bestrafen. Was ungerecht klingt, könne aber Konflikte eindämmen, sagt der Historiker Sönke Neitzel.

Friedensverhandlungen in Compiègne (November 1918)
Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstandes in einem Eisenbahnwaggon bei Compiègne am 11.11.1918.
Quelle: dpa

heute.de: Das Ende des Ersten Weltkrieges liegt 100 Jahre zurück. Warum ist das noch heute relevant?

Sönke Neitzel: Weil unsere heutige Welt noch immer von den Folgen des Ersten Weltkrieges geprägt ist. Das gilt für Osteuropa ebenso wie für den Nahen Osten. Der Zerfall der großen Imperien des Zarenreiches, Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reiches ließ neue Staaten und Grenzen entstehen, neue Identitäten, die unser Zusammenleben bis heute bestimmen. Man denke nur an Polen, das am 11. November den 100. Jahrestag seiner Wiedererstehung als Staat feiert.

heute.de: Welchen populären Irrtum über den Ersten Weltkrieg möchten Sie als Historiker entkräften?

Neitzel: Dass der Erste Weltkrieg nur der Auftakt zum Zweiten gewesen sei. Der Krieg von 1914 bis 1918 hatte seine eigene Logik und unterschied sich doch in der Art und Weise, wie Krieg geführt wurde, aber auch in seinen Kriegszielen sehr von der Katastrophe der Jahre 1939 bis 1945. 

heute.de: In den letzten Jahren sind viele Bücher zum Ersten Weltkrieg erschienen. Welche neue Interpretation überzeugt Sie am meisten?

Neitzel: Das Argument von Christopher Clarks Buch "Die Schlafwandler", dass die Großmächte des Jahres 1914 letztlich sehr ähnlich dachten und handelten und sie daher gemeinsam für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich waren.

heute.de: Inwiefern handelten die Kriegsparteien ähnlich?

Neitzel: Letztlich haben alle die Bewahrung oder Veränderung des Status Serbiens als Kriegsgrund akzeptiert. 20 Jahre vorher hätte es die Julikrise 1914 (Anm. der Red.: die entscheidende Phase vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs) gar nicht gegeben, weil Serbien als Faktor in den internationalen Beziehungen schlicht zu unwichtig gewesen ist.

heute.de: Der Erste Weltkrieg beendete auch Deutschlands koloniale Phantasien vom "Platz an der Sonne". Tut sich Deutschland mit seinem kolonialen Erbe schwer?

Neitzel: Die Forschung hat dieses Thema sehr genau aufgearbeitet. Im Deutschen Historischen Museum war unlängst auch eine große Ausstellung dazu zu sehen. Die breitere Öffentlichkeit legt ihren Schwerpunkt sicherlich eher auf das Dritte Reich und die Verbrechen dieser Zeit - und dies mit gutem Grund.

heute.de: Aufgrund des AfD-Erfolges wird in letzter Zeit immer wieder von "Weimarer Verhältnissen" gewarnt. Analogien sind immer schwierig - gibt es dennoch Parallelen?

Neitzel: Gewiss ist der Einzug der AfD in den Bundestag und in alle Landtage eine Zäsur auch für die politische Debatte. Die Grenze des Sagbaren wird dadurch zumindest teilweise verschoben. Von dem Argument der Weimarer Verhältnisse halte ich aber wenig. Die politischen Rahmenbedingungen waren doch vollkommen andere als heute. Auch das radikale politische Potential von links und rechts war viel, viel größer. Ich glaube auch nicht, dass unsere Demokratie wirklich in Gefahr ist.

heute.de: Der Friedensvertrag wurde als "Schmach von Versailles" verunglimpft. Lehrt die Geschichte, dass man Kriegstreiber nie zu hart bestrafen sollte?

Neitzel: Die Pariser Vorortverträge - Versailles war ja nur ein Vertrag unter mehreren - haben sicher zu einer tiefen Entfremdung von Siegern und Besiegten geführt und waren für die jungen Demokratien in Deutschland, Österreich und Ungarn eine erhebliche Last. Gewiss wäre es sinnvoller gewesen, stärker auf die besiegten Staaten zuzugehen, einen milden Frieden zu verhandeln etwa wie 1815 auf dem Wiener Kongress. Aber dazu war im Ersten Weltkrieg zu viel geschehen. Die Sieger waren ja nicht frei von Populismus und Nationalismus. Insofern war es vor 200 Jahren sicher leichter einen Ausgleichsfrieden zu schließen. Ob man heute weiser geworden ist? Ich zweifle daran - weil unsere Normativität pragmatischen Lösungen im Weg steht.

heute.de: Gerecht ist es aber nicht, wenn etwa der syrische Machthaber Assad der Gewinner der Syrien-Katastrophe würde, worauf Vieles hindeutet.

Neitzel: In den internationalen Beziehungen geht es kaum um Gerechtigkeit, es geht um Lösungen, um das Machbare. Während in der Öffentlichkeit viel von Moral und Werten die Rede ist, wird hinter den Kulissen versucht, pragmatische Lösungen zu finden, um den Konflikt einzudämmen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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