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Experte zur Rentenentwicklung - "Altersarmut hat ein weibliches Gesicht"

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Armut im Alter hat viele Gründe, vor allem aber ergibt sich das Problem aus bestimmten Entwicklungen jüngerer Zeit, sagt Arbeitsmarktforscher Stefan Sell im Interview.

Archiv: Eine Rentnerin hält am 06.02.2016 in Berlin Kleingeld und ein Portmonnee in der Hand
Nicht für jeden fällt die Rente üppig aus. Quelle: dpa

heute.de: Aus einem Papier des Arbeitsministeriums geht hervor, dass 48 Prozent der Rentner weniger Rente bekommen als 800 Euro im Monat (Stand 2016). Das klingt erst einmal sehr beunruhigend. Was sagen uns diese Zahlen?

Stefan Sell: Eine niedrige Rente aus der Gesetzlichen Rentenversicherung darf nicht mit einem niedrigen Alterseinkommen oder gar mit Altersarmut gleichgesetzt werden. So können Rentenzahlungen aus anderen Sicherungssystemen, wie der Beamtenversorgung, Betriebsrente, Lebensversicherung hinzukommen – oder es könnten Ansprüche auf andere Einkommen wie Mieteinnahmen bestehen. Außerdem können Rentner neben der Versichertenrente auch eine Hinterbliebenenrente beziehen. Und diejenigen, die nur sehr geringe Renten beziehen (weniger als 300 Euro), sind in aller Regel hauptsächlich durch andere Alterssicherungssysteme abgesichert: Vor dem Eintritt in ein Beamtenverhältnis oder vor Beginn der Selbstständigkeit waren sie für kurze Zeit versicherungspflichtig beschäftigt, sodass ihre gesetzlichen Renten niedrig ausfallen. Schlussendlich ist das Haushaltseinkommen insgesamt zu berücksichtigen: Eine Ehefrau mit einer geringen Rente kann in einem Haushalt leben, in dem aufgrund der Rente ihres Ehemanns insgesamt ein ausreichend hohes Haushaltseinkommen erreicht wird.

heute.de: Dann besteht nach den aktuellen Zahlen also kein Grund zur Sorge?

Sell: Das nun auch wieder nicht. Die Altersarmut nimmt zu. Ihr Ausmaß ist jedoch abhängig von der verwendeten Definition von Altersarmut. Wenn man nur diejenigen dazu zählt, die Grundsicherung im Alter beziehen, sind es "nur" 3,2 Prozent der über 65-Jährigen. Nach der international gängigen Definition von Armut hingegen ist arm, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens des Landes hat. Wenn man diese Definition von Altersarmut zugrunde legt – und das sollte man, erkennt man bedenkliche Entwicklungen: Es sind jetzt schon über 15 Prozent der über 65-Jährigen. Die Zunahme ist in den vergangenen Jahren weit überdurchschnittlich gewesen. Und das ist erst der Anfang! In der bestehenden Rentenformel sind Geringverdiener und Teilzeitarbeiter nicht vorgesehen. Wenn man nur den gesetzlichen Mindestlohn verdient, wird man als Rentner arm sein. Und wenn Frauen in Teilzeit arbeiten, dann kann deren Stundenlohn gar nicht so hoch sein, dass sie am Ende eine ordentliche Rente rausbekommen würden. Generell gilt: Altersarmut hat ein weibliches Gesicht. Die Probleme fangen oft dann an, wenn Frauen ihren Partner verlieren. Das Problem der Armut im Alter wird sich alles in allem noch erheblich verschärfen.

heute.de: Warum?

Sell: In den nächsten Jahren kommen viele Menschen mit ihren zerschossenen Arbeitsbiographien ins Rentenalter: Die vielleicht im Niedriglohnsektor gearbeitet haben oder länger arbeitslos waren. Die haben in der Regel in Branchen gearbeitet, in denen sie nicht von Betriebsrenten profitieren können, weil es dort keine gibt. Die aufgrund ihrer niedrigen Einkommen auch keinen Vermögensaufbau betreiben konnten. Die sind im Alter überwiegend bis ausschließlich auf die Gesetzliche Rente angewiesen.

heute.de: Was macht das Problem niedriger Rentenauszahlungen in den neuen Bundesländern noch größer?

Sell: In Ostdeutschland gehen demnächst die ganzen Leute in den Ruhestand, die nach der Widervereinigung keinen Fuß mehr auf den Arbeitsmarkt bekommen haben, von denen viele – wenn überhaupt – zu äußerts niedrigen Stundenlöhnen arbeiten mussten. Von denen wird keiner eine Rente haben, die oberhalb dessen liegt, was als Regelbedarf in der Sozialhilfe berücksichtigt wird. Ein Drittel der Deutschen in neuen Bundesländern kann aus seinem Einkommen keine Rente über der Armutsgrenze erwirtschaften. Die Rentner unmittelbar nach der Wiedervereinigung hingegen waren gewissermaßen die "Gewinner" der Wiedervereinigung. Die hatten extrem lange Versicherungszeiten und selbst Frauen hatten wesentlich höhere Rentenzahlbeträge als die im Westen.

heute.de: In Deutschland steigt der Anteil an Alleinlebenden. Was heißt das für deren finanzielle Situation im Alter?

Sell: Bei vielen ist es heute so, dass sie deshalb über der Armutsgrenze liegen, weil sie in einem gemeinsamen Haushalt leben und nicht nur auf eine Rente angewiesen sind. Aber sobald das durch Tod oder Trennung auseinanderbricht, rutschen viele darunter. Wenn man mehr Singles hat, wird das zu einem größeren Problem. Zumindest dann, wenn diese Singles nicht lange Jahre Vollzeit gearbeitet und mindestens durchschnittlich verdient haben.

heute.de: Obwohl die Zahlen aus dem Papier des Arbeitsministeriums nur bedingt aussagekräftig sind: Die Linken-Sozialexpertin Sabine Zimmermann, die das Arbeitsministerium in dieser Sache angefragt hatte, nannte die hohe Zahl vergleichsweise kleiner Renten dennoch "besorgniserregend".

Sell: Mein Fazit zu diesen Zahlen aus dem Arbeitsministerium ist: Man sollte die genannten niedrigen Rentenzahlbeträge nicht mit dem Haushaltseinkommen verwechseln. Aber zugleich werden immer mehr Menschen aufgrund der Logik der Rentenformel selbst bei 30 oder mehr Beitragsjahren keine Renten mehr erwirtschaften können, die oberhalb der Grundsicherung liegen. Das betrifft Millionen Arbeitnehmer, die unter dem Durchschnittsgehalt in der Rentenversicherung verdienen, das übrigens derzeit bei über 3.000 Euro brutto im Monat liegt. Und die zugleich nur über wenige andere Einkommensquellen im Alter verfügen können. Die sind unser Problem.

Das Interview führte Henrik Pomeranz.

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