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"Das gute Leben ist zerbrechlich"

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Gastland Norwegen - "Das gute Leben ist zerbrechlich"

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Norwegen ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Botschafter Petter Ølberg erklärt, warum sein Land kulturelle Vielfalt zeigen und kritische Stimmen zu Gehör bringen möchte.

Archiv: Das Motto des Buchmessen-Gastlandes Norwegen - ist während einer Pressekonferenz, aufgenommen am  04.06.2019
Norwegen ist das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019.
Quelle: dpa

heute.de: Was bedeutet es für Norwegen, Gastland auf der Frankfurter Buchmesse zu sein?

Petter Ølberg: Das bedeutet uns ungemein viel. Es ist natürlich zuallererst einmal eine große Ehre, auf der größten Buchmesse der Welt eine so herausragende Rolle einnehmen zu dürfen. Aber es bedeutet uns mehr, viel mehr! Denn es ist uns mindestens so sehr eine große Freude. Denn in Deutschland ist das Interesse an Norwegen seit jeher groß und wir haben nun die Möglichkeit, darauf aufzubauen.

Wir wollen die Leser in Berlin, Chemnitz, Bayreuth, Halle, Flensburg und all den anderen großen und kleinen Orten für Neues, ihnen noch Unbekanntes aus Norwegen begeistern. Wir freuen uns sehr, neben so bekannten Autoren wie Maja Lunde und Jostein Gaarder auch jene nach Deutschland zu bringen, die es dort noch zu entdecken gilt - Simon Strange etwa oder Helga Flatland, die beide auf ganz unterschiedliche Art Familienromane geschrieben haben. Ohne dieses für uns so spezielle Jahr wären sie vielleicht nicht so schnell übersetzt worden.

heute.de: Ihren Gastland-Auftritt haben die Norweger "Der Traum in uns" überschrieben. Was bedeutet dieses Motto?

Ølberg: Diese so simpel wie eindringlich klingenden Worte sind angelehnt an ein sehr berühmtes Gedicht des Norwegers Olav H. Hauge, der von 1908 bis 1994 lebte. Bei einer Abstimmung bei NRK - unserem ZDF sozusagen - ist dieses Gedicht vor drei Jahren von den Norwegern zum bedeutendsten norwegischen Gedicht aller Zeiten gekürt worden. Das passt natürlich besonders gut zu diesem Auftritt in Frankfurt mit dem für uns schon ein Traum in Erfüllung gegangen ist.

Große Literatur zeigt, dass das gute Leben zerbrechlich ist und es keine Schande ist, Schwäche zu zeigen.

Hauge selber war nicht nur Dichter, sondern übersetzte auch - unter anderem aus dem Deutschen. In dem Gedicht, das uns das Buchmessenmotto gab, ist die Rede von einem ebenso großen wie unklaren Traum. Hauge, der in der Region Hardanger in Westnorwegen lebte, hatte es nicht immer leicht - mehrfach und mehrere Jahre war er in einer geschlossenen Anstalt, wie es damals hieß. Das Gedicht steht damit auch dafür, wofür große Literatur oft steht: Dass das gute Leben zerbrechlich ist und es keine Schande ist, Schwäche zu zeigen, sondern nur menschlich.

heute.de: Norwegen zeigt ja anlässlich der Buchmesse an vielen Orten in Frankfurt die kulturelle Vielfalt Ihres Landes. Warum war Ihnen das wichtig?

Ølberg: Da sprechen Sie gleich mehrere Dinge an, die uns enorm wichtig sind: Wir wollen uns weder was Ort, Publikum oder Kunstarten angeht, allzu sehr beschränken. Unser Gastlandauftritt findet nicht nur auf dem Frankfurter Messegelände statt, wohin vor allem Fachbesucher kommen, sondern in der ganzen Stadt, ja, sogar in ganz Deutschland. Damit richten wir uns auch an jene, die nicht in der Buchbranche arbeiten, sondern ganz privat lesen und an Kultur und einem anderen Land interessiert sind.

Das Publikum gut zu unterhalten, geht viel besser, wenn mehrere Kunstarten involviert sind.

Schon seit Monaten finden über ganz Deutschland verteilt Veranstaltungen mit norwegischen Autoren statt. So ist zum Beispiel Johan Harstad, der jetzt mit seinem viel gelobten Mammut-Werk "Max, Mischa und die Tet-Offensive" auch in Frankfurt ist, im Juni in Greifswald, im Nordosten Deutschlands, aufgetreten. Ganz im Südwesten, in Konstanz nämlich, gab es im Mai die lange Nacht der norwegischen Dramatik, um nur zwei geographisch voneinander weit entfernte Veranstaltungen zu nennen. In Frankfurt gibt es derzeit kaum ein Museum, das nicht norwegische Kunst oder Architektur zeigt. Sich der Komplexität des Lebens zu nähern und das Publikum gleichzeitig gut zu unterhalten, geht viel besser, wenn mehrere Kunstarten involviert sind.

heute.de: "Wir wollen für die Meinungsfreiheit kämpfen" ist eines der Ziele des norwegischen Auftritts. Warum?

Ølberg: Meinungsfreiheit ist ein enorm wichtiges Gut. Demokratie funktioniert nur, wenn Journalisten, Künstler, Aktivisten, ja, alle Bürger sagen dürfen, was sie denken und wenn wir einander zuhören - auch, wenn wir nicht einer Meinung sind. Das hat in Norwegen eine lange Tradition und bedeutet uns viel. Ich denke, wir leben das auch vor. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ein Großteil unseres Erfolges und der Stabilität unseres Landes darauf beruhen.

heute.de: Weil die Öffentlichkeit die norwegischen Politiker ohne Angst kritisieren kann, müssen diese wirklich durch reden und handeln überzeugen.

Ølberg: Wie wir Norweger Meinungsfreiheit leben, kann das Frankfurter Publikum tagtäglich sehen. Denn die norwegischen Ausstellungen, die mit staatlichen Geldern unterstützt werden, sind gewiss keine Propaganda-Shows. Nehmen Sie alleine Hannah Ryggen in der Schirn - eine faszinierende Ausstellung. Vieles, was die sozialkritische Künstlerin in ihren Webarbeiten kritisiert, missfällt sicher fast allen. Ich benutze bewusst das Präsens, denn auch wenn die Werke Jahrzehnte alt und sie längst tot ist, geht es auch um das Hier und Jetzt.

Doch Ryggen war beispielsweise auch eine erbitterte Gegnerin der norwegischen NATO-Mitgliedschaft und zeigt das in ihren Arbeiten. Die norwegische Regierung steht fest hinter dem Militärbündnis. Die Arbeiten einer Künstlerin zu zeigen, die da ganz anderer Meinung war und das genau in den ausgestellten Werken zum Ausdruck bringt, heißt, sich aktiv für die Meinungsfreiheit und einen politischen Diskurs einzusetzen.

heute.de: Haben Sie ein deutsches Lieblingsbuch?

Ølberg: Auch hier gibt es natürlich viele, die mir besonders gefallen - vom großen Klassiker bis zu den zeitgenössischen Werken. Bernhard Schlinks "Der Vorleser" hat mich sehr beeindruckt, das Buch ist einfach und tief zugleich. Es hat mich viel über Deutschland und die Deutschen gelehrt.

Das Interview führte Susanne Biedenkopf-Kürten.

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