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Nach Trump-Absage an Kim - "Kim will dieses Treffen"

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Trump sagt das Treffen mit Kim ab. Was bedeutet das? ZDF-Asien-Korrespondent Thomas Reichart befürchtet eine Verschärfung des Konflikts, sagt aber auch: "Kim will dieses Treffen."

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (Archivbild)
Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un (Archivbild)
Quelle: reuters

heute.de: Nach der doch recht rüden Absage Trumps des geplanten Treffens kommen aus Nordkorea sehr versöhnliche Töne. Wie sehr überrascht Sie das?

Thomas Reichart: Das sind in der Tat eher sanfte Töne, wenn man es damit vergleicht, was sonst in den letzten Tagen von nordkoreanischen Regierungsvertretern in Richtung der USA zu hören war. Auch Kim Jong Un hat sich da bislang sehr zurückhaltend verhalten. Offensichtlich hat Nordkorea mit der Absage nicht gerechnet, sie kam - trotz aller Differenzen in den letzten Tagen - für Pjöngjang unerwartet.

Aber das muss nicht so bleiben. Trumps Absage ist ein Affront für Kim, der mindestens symbolisch viel dafür getan hat, dass dieser Gipfel zustande kommt. Er hat das Atomtestgelände zerstören lassen, kam mit Südkoreas Präsidenten Moon zu einem historischen Treffen zusammen und hat drei gefangene Amerikaner freigelassen. Es kann gut sein, dass er jetzt, da Trump ihm erst mal die Tür vor der Nase zugeschlagen hat, gerade den Hardlinern im eigenen Militär beweisen muss, dass er nach wie vor der starke Mann ist - dass wir also nach den Drohungen in Trumps Absagebrief bald auch ebensolche Drohungen aus Pjöngjang wieder hören werden.

heute.de: Wie glaubwürdig ist Kim Jong Uns weiteres Interesse an Gesprächen mit den USA?

Reichart: Ich halte das schon für glaubwürdig. Kim will dieses Treffen. Das scheint eine Konstante in der Kim-Dynastie. Schon sein Vater und Großvater wollten ein Treffen mit dem US-Präsidenten auf Augenhöhe. Das wäre in den Augen des Regimes eine enorme Aufwertung und eben auch die internationale Anerkennung, dass Nordkorea eine Atommacht ist. Kim Jong Un stand nun kurz davor, er hat wie gesagt zumindest auf der symbolischen Ebene viel dafür getan, dass es zustande kommt. Und vielleicht hofft er nach wie vor darauf.

heute.de: Spielt China bei der rationalen Reaktion Nordkoreas eine Rolle?

Reichart: Das ist durchaus möglich. Es ist jedenfalls bemerkenswert, wie China und Nordkorea in den letzten Wochen wieder näher aneinander gerückt sind, nachdem die Kontakte zwischen den Verbündeten unter Kim und Chinas Staatschef Xi Jinping über Jahre fast auf dem Nullpunkt waren. Aber in den letzten Wochen haben allein die beiden sich gleich zwei Mal getroffen und es gab ständige Kontakte zwischen chinesischen und nordkoreanischen Delegationen.

Peking hatte große Sorge, dass es bei einem Deal zwischen den USA und Nordkorea außen vor bleibt und hat massiv versucht, da wieder einen Fuß in die Tür zu bekommen. Das war verbunden mit einem Politikwechsel. Es ging weniger darum, mit den USA Sanktionen gegen Nordkorea durchzusetzen, als vielmehr Nordkorea möglichst weit von den USA zu entfernen - und zwar vor allem aus geostrategischen Überlegungen, aus einem Großmachtringen zwischen China und den USA um Einfluss in der Region.

heute.de: Nach der Sprengung des Atomtestgeländes Punggye-ri in Nordkorea: Hat Kim Jong Un beim Punkt atomare Aufrüstung noch einen Plan B?

Reichart: Kim Jong Un hat selbst erklärt, dass Nordkorea inzwischen nicht nur über Atomsprengköpfe, sondern auch über die nötigen Trägersysteme, also Raketen, verfügt. Das haben viele ihm nicht so recht glauben wollen. Aber die Auswertungen der Raketen- und Atomtests zeigen, dass Nordkorea mindestens in der Lage ist, Südkorea und Japan mit Atomwaffen zu bedrohen. Das heißt, dass er wenigstens im Moment dieses Atomtestgelände vielleicht gar nicht braucht. Seine Bereitschaft zu Gesprächen kommt möglicherweise sogar aus einer Position der militärischen Stärke - dass er also nach all den Tests und Drohungen im vergangenen Jahr sich nun in einer Position gefühlt hat, in der er sich an den Verhandlungstisch setzen wollte.

heute.de: Droht jetzt nach leichten Zeichen der Entspannung wieder eine Verschärfung des Konflikts?

Reichart: Das ist eine echte Gefahr. Trumps Absagebrief steckt voller martialischer Drohungen mit Amerikas Atomwaffenarsenal. Das erinnert im Duktus sehr an den unseligen Schlagabtausch zwischen Kim und Trump darüber, wer den größeren Atomknopf habe. Wenn sich dieser Ton durchsetzt, dann wird es über kurz oder lang ähnliche Drohungen aus Nordkorea geben. Diese Situation wäre dann sogar noch gefährlicher als vor der kurzen Entspannungsphase, weil Enttäuschung und Verbitterung auf beiden Seiten zu dem Eindruck führen könnten, dass man mit der Gegenseite so und so nicht verhandeln könne. Das wäre fatal. Im Moment scheint es aber so, dass Trump in der ihm eigenen Weise die Tür eher wieder offen hält. 

heute.de: Was kann die internationale Gemeinschaft beim jetzigen Stand tun, um den Dialog zwischen Nordkorea und den USA zu fördern?

Reichart: Die internationale Gemeinschaft kann im Moment nicht viel mehr tun, als beide Seiten aufzufordern unbedingt weiter miteinander zu verhandeln. Und sie kann mithelfen, dass die Gespräche ein realistischeres Format kriegen. Die Vorstellung, bei einem Treffen in Singapur quasi den gordischen Knoten eines jahrzehntealten Konflikts durchzuschlagen, war von Anfang an irrig. So schnell lässt sich das tief sitzende Misstrauen nicht überwinden, so schnell findet man keinen Weg aus der atomaren Bedrohung. Die Abrüstungsgespräche während des Kalten Krieges liefen über Jahre. Das wird bei der Frage, wie man mit Nordkoreas Atomwaffen umgeht, nicht anders sein. Aber das sind Zeitabschnitte, in denen scheint Donald Trump nicht zu denken. 

heute.de: Wie groß sehen Sie die Chancen für eine Lösung des Konflikts?

Reichart: Das wird ein langer und schwieriger Weg und es kann eigentlich nur gelingen, wenn beide Seiten bereit sind, sich genau darauf einzulassen. Verlässlich miteinander zu kommunizieren und zu verhandeln, pragmatisch zu sein und von Maximalforderungen abzurücken. Es fällt mir im Moment schwer, das auf beiden Seiten zu erkennen. Auch die Absage des Treffens ist da erstmal eine  schlechte Nachricht. Wenn man jetzt nicht schafft, trotzdem in Kontakt zu bleiben und vielleicht dann doch irgendwann einen neuen und durchdachteren Anlauf zu wagen, droht uns die nächste Eskalation.

Die Fragen stellte Kai-Martin Müller-Haeseler

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