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ZDF-Korrespondent im Interview - "Wir sind von einem Atomkrieg bedroht"

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Nur während Olympia keine Feindseligkeiten: Im heute.de-Gespräch erklärt Korrespondent Thomas Reichart, weshalb sich die gefährlichste Krise der Welt weiter bedrohlich verschärft.

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Nur im Sport vereint: Nord- und Südkorea mit der Flagge der "Koreanischen Halbinsel" Quelle: dpa

heute.de: Der chinesische Staat wirft einen genauen Blick auf ausländische Journalisten wie Sie. Wie viel weiter ging die Überwachung in Nordkorea, als Sie dort mit Ihrem Team mehrfach recherchieren durften?

Thomas Reichart: In Peking bin ich den Gedanken gewohnt, dass meine E-Mails mitgelesen werden, dass mein Telefon abgehört wird und dass die Staatssicherheit über Nacht immer mal wieder unser Büro "besucht". In Nordkorea ist die Überwachung aber noch viel umfassender. Ein Beispiel: Wir hatten ständig zwei Aufpasser zur Seite, die uns an der kurzen Leine herumgeführt haben. Sie haben nicht nur uns kontrolliert, sondern auch sich gegenseitig, um sicherzustellen, dass keiner sich zu sehr mit uns fraternisiert.

heute.de: Inwiefern konnten Sie da überhaupt authentische Eindrücke gewinnen?

Reichart: Trotz dieser Überwachung und des vorbereiteten Programms ist immer mal wieder der Vorhang gerissen, wo wir dann einen unverstellten Blick auf das Land bekommen haben.

heute.de: Hatten Sie die Möglichkeit, offen mit einfachen Bürgern über deren Leben zu sprechen?

Reichart: Das war ganz schwer. Es gibt in Nordkorea das Sprichwort: "Wer den Kopf zu weit vorrückt, ist der erste, dem er abrasiert wird." Dieses Gefühl, auf jeden Fall Teil der Masse bleiben zu müssen, ist schon sehr präsent.

heute.de: Es kommt für Sie dann offenbar vor allem darauf an, Stimmungen zu deuten, oder?

Reichart: Ja, es ist tatsächlich das Minenspiel der Leute, die Art, wie auf Fragen reagiert wird. Das erzählt schon auch eine Menge. Was ich in vielen Begegnungen auch gespürt habe, war die Angst der Menschen vor einem Regime, das die eigene Bevölkerung extrem unter Druck setzt und terrorisiert.

heute.de: Über Nordkorea wird vor allem im Kontext des gefährlichsten Konflikts der Welt berichtet. Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele in Südkorea gab es Zeichen der Entspannung zwischen Nord und Süd. Der Beginn eines Friedensprozesses?

Reichart: Ich fürchte, dass wir uns nicht allzu große Hoffnungen machen können. Für die Olympischen Spiele ist das zunächst eine gute Nachricht, weil die Gefahr deutlich gesunken ist, dass Theaterdonner oder wirklicher Donner aus Pjöngjang die Spiele stört oder gefährdet. Aber es ist eher wie in der Antike, wo während Olympia die Waffen ruhten.

heute.de: Das klingt pessimistisch.

Reichart: Ich denke, eher realistisch. Der Konflikt verschärft sich immer stärker, weil die Nordkoreaner unverdrossen weiter an ihrer Atombombe bauen und Raketen entwickeln, die amerikanische Großstädte treffen könnten - oder auch Frankfurt oder Berlin. Die US-Amerikaner unter Trump sind nicht mehr bereit, dem tatenlos zuzuschauen.

heute.de: Was bedeutet das konkret?

Reichart: Das US-Militär probt im Moment den Militärschlag gegen Nordkorea und es gibt in Washington immer mehr Leute, die behaupten, dass man diesen begrenzen könne, um den ganz großen Knall zu verhindern. Ich halte diese Situation für wahnsinnig gefährlich. Allein der Gedanke, dass man eine Art "Krieg light" haben kann. Ich fürchte, dass der Konflikt nach Olympia und den Paralympics wieder offen zu Tage tritt.

heute.de: Es heißt immer, China komme die Schlüsselrolle zu, um die Krise zu entschärfen. Wie sehen Sie das?

Reichart: China könnte noch viel mehr tun, um Druck auf Nordkorea auszuüben. Durch Sanktionen oder indem es die Grenzen öffnen würde, um den Nordkoreanern die Fluchtmöglichkeit zu geben. So ähnlich wie Ungarn 1989, was zur Implosion der DDR führte. China macht das aber nicht, weil es keinen Zusammenbruch der Kim-Dynastie will. China fürchtet, dass sich dann die Vorherrschaft der Amerikaner auf die ganze koreanische Halbinsel ausdehnt - und die Position der USA in der gesamten Region gestärkt würde.

heute.de: Das ist der Konflikt hinter dem Konflikt?

Reichart: Ja, es ist ein Großmacht-Konflikt zwischen China und den USA um die Vorherrschaft im ostasiatischen Raum. Dieses Ringen führt dazu, dass China und die USA nicht an einem Strang ziehen. Im Gegenteil: Die USA verfolgen unter Trump eine Politik, die diese Krise noch weiter verschärft. China und die USA verspielen so die Sicherheit von uns allen auf dieser Erde. Wir sind das erste Mal seit Ende des Kalten Krieges von einem Atomkrieg bedroht. Wir sind in einer sehr explosiven Lage, wo ein kleiner Funke reichen kann, um ein Horrorszenario zu entfachen.

Das heute.de-Gespräch führte Marcel Burkhardt.

Die Akteuere im Nordkorea-Konflikt

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