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Sascha Lobo zu Facebook - "Facebook muss sich seiner Macht stellen"

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Digitalstratege Sascha Lobo ruft Facebook auf, sich den Folgen seiner tiefgreifenden gesellschaftlichen Wirkung zu stellen. Das sagte er im Interview bei heute+.

Nach dem Datenskandal ruft Internet-Experte Sascha Lobo Facebook dazu auf, sich den Folgen seiner "tiefgreifenden gesellschaftlichen Wirkung" zu stellen.

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heute+: Ist das jetzt eine neue Qualität des Skandals oder ist das eine Gefahr für die Demokratie, wie einige sagen, wie sehen Sie das?

Sascha Lobo: Es ist auf jeden Fall eine neue Qualität, weil es so heftig ist. Interessant ist aber, das der konkrete Anlass aus meiner Sicht etwas aufgebauscht ist. Diese ganze Sache um Cambridge Analytica ist aber eigentlich noch viel mehr als man im Moment glaubt, nämlich ein grundsätzlicher Ärger darüber, dass Facebook so mächtig ist, so viele Daten hat und sich bisher um ganz viele Details, die sich daraus ergeben, überhaupt nicht gekümmert hat.

heute+: Aber war das für die Firma überhaupt vorhersehbar, dass man mit Daten, die 2014 aus einem wissenschaftlichen Quiz gewonnen wurden irgendwann versucht wird, diese Wahl zu beeinflussen?

Lobo: Natürlich konnte man das in der Form nicht vorhersehen. Aber das, was als Hintergrund betrachtet werden muss, ist, dass Facebook sein Modell geändert hat in den letzten Jahren. 2014 war es absolut legal und legitim diese Daten rauszuziehen aus Facebook. Facebook hatte damals eine andere Strategie. Die haben sie dann geändert, weil sie auch die eigene Geschäftsstrategie geändert haben. Aber die Daten waren in der Welt und trotzdem halte ich diesen Skandal um Cambridge Analytica für etwas übertrieben. Das allerdings ändert nichts daran, dass Facebook in der Verantwortung ist. Und die haben sie bisher fast nicht wahrgenommen.

heute+: Wo ist denn dann in Ihren Augen der Skandal? Oder gibt es den überhaupt nicht?

Lobo: Facebook, und das ist der eigentliche Skandal, hat in den letzten zehn Jahren seine Umsätze in einer Weise gesteigert, die man sich kaum vorstellen kann, bis auf 40 Milliarden Dollar Werbeumsatz im Jahr. Und das konnten sie überhaupt nur schaffen, indem sie wirklich jede Form von Werbung und jede Form von Kommunikation einfach erstmal grundsätzlich gut fanden. Und so getan haben, als sei das alles schön und richtig. Die gesamten Nebeneffekte und darunter sind welche, die für die Demokratie sehr schwierig und sogar gefährlich sein können. Die haben sie missachtet für die Umsatzsteigerung und das fliegt ihnen jetzt um die Ohren auch wenn der Anlass eigentlich ein bisschen aufgebauscht ist.

heute+: Jetzt ist wieder überall von Datensparsamkeit die Rede. Also davon, dass man möglichst wenig von sich preisgeben soll im Internet. Aber wenn wir uns mal anschauen, was wir so tagtäglich über WhatsApp, über Instagram raushauen, gehört beides zu Facebook. Oder wie Schüler zum Beispiel Apps wie Musical.ly nutzen. Dann ist doch diese Forderung so realistisch, wie der Wunsch, dass ganz Deutschland nur noch vegan essen soll ab morgen.

Lobo: Die Datensparsamkeit ist als Konzept, meiner Meinung nach als Zug abgefahren in dem Moment, wo soziale Medien so übermächtig geworden sind. Das ist vielleicht ein Wunschtraum, aber die faktische Realität sieht anders aus. Nämlich so, dass Menschen Daten gerne teilen und dass Menschen auch einen Vorteil davon haben Daten zu teilen. Die Frage ist, wie man das ausnutzen kann. Und da hat Facebook, und das ist der eigentliche Skandal, lange gesagt, solange es uns Geld bringt, ist es eigentlich egal, wie es ausgenutzt wird. Meine Haltung wäre, dass Facebook endlich der Realität ins Gesicht schauen muss. Sie haben eine riesige Macht. Sie haben eine sehr tiefgreifende gesellschaftliche Wirkung. Und sie müssen sich selbst überlegen und zwar zusammen mit der Politik, wie man die negative Seite dieser Wirkung einhegen kann.

heute+: Ist denn die europäische Datenschutzverordnung, die da jetzt bald kommen soll, ist das ein effektives Mittel gegen solche Zustände, dass da auch einfach Daten gesammelt werden, dass die einfach rausfließen, dass da einfach jeder machen kann, was er möchte?

Lobo: Nein. Da gibt es gar nicht mehr viel hinzuzufügen. Die europäische Datenschutzgrundverordnung ist nicht im Kern schlecht, hat aber ein paar Unklarheiten und ein paar Diffusitäten mit dabei. Aber das was ausschlaggebend ist, dass sie nur einen Teil der Medaille darstellt der gesetzlichen Medaille. Die E-Privacy-Verordnung soll noch hinzukommen. Wann genau ist gar nicht so klar und auch die konkrete Wirkung der Datenschutzgrundverordnung hilft eher nicht dabei, die Daten von Facebook nur noch so zu verwenden, dass sie eben nicht zu manipulativen Zwecken oder eben nicht zu problematischen gesellschaftlichen Zwecken verwendet werden können.

Das heißt, im Endeffekt sind wir machtlos, Wenn selbst die Politik mit so einer großen Reform, die jahrelang angestoßen wurde, überhaupt nichts tun kann? Ich weigere mich zu glauben, dass wir als demokratische Gesellschaften machtlos sind. Im Gegenteil. Ich glaube, es ist im Moment tatsächlich so, dass wir eine gewisse Hilflosigkeit verspüren. Ich glaube aber, dass die Politik da sich selbst in die Lage versetzen muss, solche Plattformen wie Facebook zu regulieren. Und das Problem ist, dass wir einfach noch nicht rausgefunden haben, wie das richtig funktioniert. Und Facebook, zumindest bisher, wenig Interesse daran hatte.

Das Interview führte Daniel Bröckerhoff

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