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"Eine sehr komfortable Kolonisierung"

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Ingo Schulze zum Mauerfall - "Eine sehr komfortable Kolonisierung"

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Im heute.de-Interview spricht der Schriftsteller Ingo Schulze über vertane Chancen nach dem Mauerfall, fatale Rückwärtsgewandtheit und sein Bild einer solidarischeren Gesellschaft.

Skyline von Dresden
Zur Wendezeit gingen die Menschen zu Tausenden in Dresden auf die Straße.
Quelle: mev

heute.de: 30 Jahre nach dem Mauerfall werden wieder häufiger scharfe Trennlinien zwischen Ost und West markiert. Verstehen Sie das?

Ingo Schulze: Die größten Differenzen bei der Beurteilung der deutschen Geschichte habe ich mit anderen Ostdeutschen, die das Erlebte ganz anders bewerten. Die DDR-Bevölkerung hat es 1990 leider nicht geschafft, erst mal die eigenen Angelegenheiten unter sich zu klären, obwohl es überall basisdemokratische und oft auch erfolgreiche Versuche gab, die eigenen Leute als Leiter oder Chefin zu wählen.

Durch Helmut Kohls taktische Meisterleistung, sich mit der diskreditierten Ost-CDU zu verbinden und eine schnelle D-Mark-Einführung zu versprechen, kam es statt zu einer Vereinigung nur zu einem Beitritt. Die D-Mark mit dem damaligen Umtauschkurs war das Todesurteil für die DDR-Wirtschaft.

Wir haben de facto und demokratisch legitimiert die eroberte Macht ganz schnell an die Bonner Regierung überantwortet, was von der Wirkung her einer Kolonisation des Ostens gleichkam, eine vergleichsweise sehr komfortable Kolonisierung, aber eben doch eine Kolonisierung. Man muss sich nur die Besitzverhältnisse im Osten und die Besetzung der Führungsetagen ansehen. Und daran kranken wir heute noch, denn es hat sich kaum etwas daran geändert.

heute.de: Worin, meinen Sie, liegen die tieferen Gründe hierfür?  

Schulze: Die Selbstbefreiung des Ostens wurde letztlich als Sieg des Westens gefeiert, was den Westen bestärkte, so fortzufahren, wie bisher, statt die Chance zu Reformen, wie sie damals anstanden und angemahnt wurden, zu nutzen. Diejenigen, die auf Veränderungen drängten, hatten plötzlich das Nachsehen, der Neoliberalismus konnte richtig Fahrt aufnehmen. Der soziale und selbstkritische Westen trat in den Hintergrund. Wir haben viel Zeit verloren.

heute.de: Ihre Schriftstellerkollegin Juli Zeh, die aus Bonn stammt und in Brandenburg lebt, beklagt ein massives Politikversagen im ländlichen Raum, wo "Infrastruktur sich in Nichts" auflöse. Auch Sie beobachten einen "Rückzug der Politik". Mit welchen Folgen?

Schulze: Das passiert, wenn man dem Kapitalismus das Geschäft überlässt. Was sich nicht rechnet, das wird gestrichen, angefangen von der Bahn- oder der Buslinie bis hin zur Gemeindeschwester, die es auch nicht mehr gibt, oder Kulturhäusern. Da braucht es ein anderes Verständnis von Gesellschaft, als jenes, das sich rechnen muss.

Die Landkreise, selbst die Länder können das nicht lösen. Man brauchte eine andere Steuerpolitik, um die Mittel zu haben, im ökonomischen Sinne Unrentables finanzieren zu können. Für die Gesellschaft insgesamt wäre es aber eben notwendig und in diesem Sinne auch sehr "rentabel". In der Verödung von Regionen sehe ich auch einen Grund unter anderem für den Schwenk zur nationalistischen Rechten.

"Little Berlin" – so wurde Mödlareuth vor der Wende bezeichnet, da mitten durch den Ort ebenfalls eine Mauer zwischen Bundesrepublik und DDR führte. Das ehemals geteilte Dorf ist ein Symbolort für die deutsche Teilung und Wiedervereinigung.

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2 min
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heute.de: Sie sind 1962 in Dresden zur Welt gekommen und haben bis Mitte der 1990er-Jahre hauptsächlich in Sachsen und Thüringen gelebt. Wenn Sie die Diskussionen in Ostdeutschland über die gesellschaftliche Entwicklung seit 1989 verfolgen, verstehen Sie die Leute dann noch?

Schulze: Mich hat es lange befremdet, dass es so ruhig im Land blieb. Dass sich der Protest jetzt rechtsaußen und vehement äußert, ist auch eine Folge dessen, dass es schon lange keine wirksame linke Politik gab, die gegen die Polarisierung der Gesellschaft mit Gesetzen ankämpft.

Angst vor Unsicherheit und prekären Verhältnissen haben halt die, die etwas zu verlieren haben. Es wäre nur fatal, den Status quo verteidigen zu wollen oder sich gar zum Status quo von vor fünf oder zehn Jahren zurückzusehnen, denn es waren ja diese Verhältnisse, die das, was wir jetzt erleben, erst ermöglicht haben.

Der Trick der nationalen Rechten ist es, jetzt von Solidarität zu sprechen, aber diese völkisch zu verstehen, und nicht politisch, sozial und ökonomisch. Das ändert aber nichts daran, dass unsere Gesellschaft den Mut und den Willen haben sollte, eine sehr viel solidarischere Gesellschaft zu werden, als sie es jetzt ist.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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