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Schulze: "Umsteuern bei der Landwirtschaft"

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Konferenz gegen Artensterben - Schulze: "Umsteuern bei der Landwirtschaft"

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Was tun gegen Artensterben? Darüber berät zurzeit die UN-Biodiversitätskonferenz in Ägypten. Deutschland müsse vor allem in der Landwirtschaft umdenken, sagt Ministerin Schulze.

Archiv: Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), aufgenommen am 02.05.2018 in Berlin
Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD)
Quelle: dpa

heute.de: 2007 wurde die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) vom Bundeskabinett beschlossen. Seitdem ist eine Vielzahl an Übereinkünften und Programmen verabschiedet worden. Trotzdem geht die Artenvielfalt immer weiter zurück. Woran liegt das?

Svenja Schulze: Die Natur in Deutschland wird nach wie vor über ihre Leistungsfähigkeit hinaus strapaziert. Mehr als die Hälfte unserer Fläche wird landwirtschaftlich genutzt und das viel zu oft viel zu intensiv. Dazu kommt: Lebensräume von Wildtieren, Vögeln und Insekten werden zerschnitten durch den Ausbau von Verkehrswegen und das Wachstum von Siedlungen und Gewerbeflächen.

heute.de: Wo besteht aus Ihrer Sicht am meisten Handlungsbedarf?

Schulze: Für eine echte Trendwende zum Schutz der Biodiversität brauchen wir vor allem ein Umsteuern in der Landwirtschaftspolitik. Insekten- und Vogelarten fehlen Rückzugsräume, Nahrung und Nistmöglichkeiten. Das Grundwasser wird mit Nitrat belastet, die Äcker überdüngt und mit Pflanzenschutzmitteln überschüttet.

heute.de: Ein Punkt: Glyphosat soll restriktiver gehandhabt werden - "nur noch, wenn es unumgänglich ist". Was sind hier die neuen Richtlinien? Was wird getan, um generell den Einsatz von Pestiziden zu verringern?

Schulze: Die Anwendung von Glyphosat will ich bis zum Ende dieser Legislaturperiode grundsätzlich beenden. Der Ausstieg ist ein schrittweiser Prozess. Meinen Plan hierfür habe ich kürzlich der Öffentlichkeit präsentiert. Dieser fußt auf drei Säulen. Erstens möchte ich einen Großteil der Anwendungen sofort einschränken oder verbieten. Zweitens werden wir die Zulassungspraxis ändern, nicht nur für Glyphosat, sondern für alle Pflanzenschutzmittel. Und drittens fordere ich, dass wir ein Enddatum für die Nutzung des Wirkstoffes festlegen, und zwar 2023. Eine Landwirtschaft, bei der die Giftspritze dominiert, hat für uns keine Zukunft. Wir wollen einen Pflanzenschutz mit Augenmaß, mit Bewusstsein für Umwelt- und Naturschutz, mit Bewusstsein für die Gefahren und Grenzen des Einsatzes dieser Mittel.

heute.de: Auch die EU redet mit: Die Fördersumme des Bundesumweltministeriums von 100 Millionen Euro beispielsweise für das Insektenschutzprogramm ist angesichts der sechs Milliarden Euro, die jährlich aus europäischen Fördertöpfen an deutsche Landwirte ausgezahlt werden, ein Tropfen auf dem heißen Stein. In Deutschland wird jeder Hektar Land mit durchschnittlich 300 Euro gefördert, die europäischen Umweltauflagen sind aber sehr niedrig. Die europäische Agrarpolitik ist noch immer als Schutz für die Landwirte, nicht für die Umwelt konzipiert. Wie wollen Sie das ändern?

Schulze: Sie haben vollkommen Recht: Die Gelder der EU-Agrarpolitik setzen die falschen Anreize. Derzeit bekommen Landwirte viel Geld dafür, viel Fläche zu bewirtschaften. Die dadurch verursachten Umweltschäden werden nicht eingepreist. Das sagen nicht nur Umweltschützer, sondern auch Ökonomen und der Europäische Rechnungshof. Ich setze mich ein für ein Fördersystem, das die Landwirte stattdessen für das honoriert, was sie für Natur und Gesellschaft leisten: für die Insektenvielfalt, für sauberes Wasser und abwechslungsreiche Landschaften. Eine Chance hierfür bietet die laufende Reform der EU-Agrarförderung, der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU.

heute.de: Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt hat zum Ziel, bis zum Jahr 2020 den Rückgang der biologischen Vielfalt aufzuhalten und eine positive Entwicklung anzustoßen. Das ist gerade mal zwei Jahre hin. Wo sehen Sie Deutschland auf diesem Weg?

Schulze: Im Koalitionsvertrag haben wir eine Reihe von Maßnahmen vereinbart, die ich beherzt angehe: Ein Aktionsprogramm für den Insektenschutz habe ich gerade in einem Bürgerdialog zur Diskussion gestellt. Wir haben einen Masterplan Stadtnatur vorgelegt, der mehr Grün in unseren Städten schafft. Und wir wollen eine Moorschutzstrategie erarbeiten und einen neuen Wildnisfonds aufsetzen. Wir haben noch viel vor. Ich bin zuversichtlich, dass wir durch diese und andere Maßnahmen das Artensterben in Deutschland bald stoppen können.

Das Interview führte Doris Ammon aus der ZDF-Umweltredaktion.

planet-e.-Dokus zur Artenvielfalt

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