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"Ängste und Sorgen haben sich verschoben"

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Shell Jugendstudie 2019 - "Ängste und Sorgen haben sich verschoben"

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Die wichtigste Botschaft der Shell Jugendstudie 2019 lautet: Jugendliche erheben ihre Stimme. Für Mit-Autor Ingo Leven ist dies auch eine Frage der Generationengerechtigkeit.

Klimastreik in Wien (Archivbild vom 20.09.2019)
Klimastreik in Wien (Archivbild vom 20.09.2019)
Quelle: Reuters

heute.de: Die wichtigste Botschaft der neuen Shell Jugendstudie steckt im Titel "Jugendliche melden sich zu Wort". Tun die jungen Menschen das, weil sie optimistisch in die Zukunft blicken oder bleibt der Jugend aus Perspektivlosigkeit nichts anderes übrig, als lautstark die Stimme zu erheben?

Ingo Leven: Beides trifft zu. Die jungen Menschen sind auf der einen Seite sehr optimistisch, was ihre Zukunft betrifft. Gleichzeitig betonen sie aber, dass sie nur dann vor einer guten Zukunft stehen, wenn die Älteren, die in Verantwortung stehen, bereits heute in ihrem Handeln die Anliegen der nachfolgenden Generationen berücksichtigen. Denn die Sorgen haben sich verschoben. An die Stelle der Angst vor Arbeitslosigkeit und steigender Armut ist die Angst vor den Folgen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung getreten.

heute.de: Stichwort Generationengerechtigkeit. Hat diese noch Bestand?

Leven: Die jungen Menschen hierzulande haben genau diese Befürchtung, dass ihnen ein Vermächtnis hinterlassen wird, das massiv generationenungerecht ist. Sie erwarten, dass die Älteren die Welt ein bisschen besser hinterlassen. Ungeachtet dessen stehen bei den jungen Menschen aber auch ihre Eltern hoch im Kurs. Ich würde sagen, es handelt sich um eine gesellige junge Generation, die die Form des Lebens, das sie aktuell hat, auf diesem Planeten noch lange Zeit weiterführen möchte.

heute.de: Die Jugendlichen in Deutschland vertrauen zwar der Demokratie in unserem Land in einem hohen Maß, den Menschen und Institutionen, die diese Demokratie prägen, aber nicht. Was wünschen sich die Jugendlichen von der Politik?

Leven: Die jungen Leute geben uns in dieser Hinsicht eine große Aufgabe mit. Es stimmt schon sehr nachdenklich, dass 71 Prozent der Befragten nicht glauben, dass Politiker sich für ihre Belange interessieren und einsetzen. Diese Entwicklung beobachten wir in der Shell Jugendstudie seit Jahren. Die Jugendlichen wollen, dass man endlich auf sie hört - angefangen vom Klimaschutz bis zur Digitalisierung. Wenn man das erkennt, bietet sich eine große Chance für Parteien. Denn die jungen Menschen sind bereit, sich politisch einzubringen. Allerdings wird das nicht auf dem Weg von Anträgen bei Parteitagen der Fall sein, sondern in anderen Formen, wie die "Fridays for future"-Bewegung zeigt.

heute.de: Täuscht der Eindruck oder hat sich die Jugend bereits auf den Weg gemacht, das Heft des Handelns zu übernehmen?

Leven: Das ist auf jeden Fall so. Wir sollten aber nicht vorschnell von einer "Generation Greta" sprechen, nur weil aktuell die Themen "Klimawandel" und "Umweltschutz" bei den jungen Menschen besonders hoch im Kurs stehen. Damit würden wir deren Vielfalt nicht Rechnung tragen, egal ob uns das gefällt oder nicht. Denn es gibt unter den jungen Menschen auch einige, die rechts- und nationalpopulistischen Thesen gegenüber sehr aufgeschlossen ist. Bleibt zu hoffen, dass auch sie sich im demokratischen Rahmen bewegen und es nicht Auswüchse annimmt, wie wir sie letzte Woche in Halle leidvoll erleben mussten.

heute.de: Die Studie macht auf die großen sozialen Unterschiede aufmerksam. Trotzdem ist der überwiegende Teil der Befragten der Meinung, es geht gerecht zu in unserem Land. Wie passt das zusammen?

Leven: Insgesamt sehen die jungen Menschen in Deutschland ein großes Chancenpotenzial, sich selbst verwirklichen zu können, was als gerecht empfunden wird. Sie finden, dass das Leistungsversprechen der sozialen Marktwirtschaft eingehalten wird: Wenn man sich selbst hart genug anstrengt, hat man gute Chancen, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es auf alle zutrifft. Diese positiven Grundtendenzen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es beispielsweise junge Menschen aus der oberen sozialen Schicht in breiter Mehrheit aufs Gymnasium schaffen. In den unteren sozialen Schichten ist es dagegen nach wie vor nur jeder Achte.

heute.de: Welcher Befund der Studie hat Sie selbst am meisten überrascht?

Leven: Am meisten überrascht hat mich, dass es auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch große Unterschiede zwischen Ost und West gibt. Bei der Familiengründung wünschen sich vor allem westdeutsche Männer und Frauen, dass der Mann der Haupt- oder Alleinversorger der Familie ist. Im Osten würde nur ein Drittel dieses Modell bevorzugen.

Das Interview führte Michael Kniess.

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