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Historiker nach AfD-Kontroverse - "Stauffenberg ist ein Held, kein Verräter"

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Als 1952 ein Nazi das Andenken an Stauffenberg verunglimpfte, wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Historiker Schnabel setzt in der Kontroverse mit der AfD auf Dialog.

Besucher stehen bei Gedenkfeierlichkeiten zum Attentat vom 20. Juli 1944 vor einem Porträt von Graf von Stauffenberg
Bisher wurde das Gedenken an die Verdienste des Widerstandskämpfer Graf von Stauffenberg nicht in Frage gestellt. Jetzt gibt es Stimmen aus der AFD.
Quelle: reuters

Lars Steinke, der niedersächsische Landeschef der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA), hat Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Facebook einen "Verräter" genannt. Die Partei distanzierte sich von ihm: Der Fraktionschef im Bundestag, Alexander Gauland, sprach sich für einen Parteiausschluss Steinkes aus. "Der Text widerspricht eklatant den Wertvorstellungen der Jungen Alternative für Deutschland", erklärte JA-Bundeschef Damian Lohr in einer Mitteilung. Der JA-Vorstand werde mit dem AfD-Vorstand über Konsequenzen beraten. ZDF heute.de fragt bei Historiker Thomas Schnabel nach:

heute.de: Ist Stauffenberg ein Verräter?

Thomas Schnabel: Nein. Er hat versucht, zu retten, was noch zu retten war. Er hat gesehen, dass die Nazis einen Krieg mit irrsinnig vielen Opfern und Verbrechen geführt haben – ohne Aussicht auf Erfolg. Über die Hälfte der gefallenen deutschen Soldaten sind 1944 und 1945 umgekommen. Und fast 90 Prozent der zivilen Opfer sind in den letzten zwei Kriegsjahren zu beklagen. Hitlers Politik war verbrecherisch und völlig sinnlos. Stauffenberg hat sich dem entgegengestellt – und ist daher ein Held und kein Verräter.

heute.de: Stauffenberg war aber kein Widerstandskämpfer der ersten Stunde. Wäre Hitler erfolgreich gewesen, wäre Stauffenberg wohl linientreu geblieben.

Schnabel: Stauffenberg ist kein Heiliger. Aber wir müssen auch um diejenigen dankbar sein, die erst spät Widerstand geleistet haben. Wäre es besser gewesen, er hätte nichts gemacht? Wenn man erkennt, dass man aufs falsche Pferd gesetzt hat, aber Teil des Systems ist – soll man dann einfach weitermachen? Oder wegschauen? Sich wegducken? Stauffenbergs Verdienst ist es, dass er das mörderische System bekämpft hat – obwohl er Teil des Systems war und dafür einen Eid geleistet hatte. Er hat versucht, das verbrecherische Nazi-Regime zu beenden. Das finde ich fantastisch. Das Ansehen der Bundesrepublik in der Welt profitiert noch heute davon, dass es wenigstens den Versuch gegeben hat, Hitler zu töten.

heute.de: Wie beurteilen Sie die Aussage des AfD-Politikers Lars Steinke, Stauffenberg sei ein Verräter gewesen?

Schnabel: Als Historiker sehe ich eine gewisse Ironie darin, dass Stauffenberg schon wieder in Niedersachsen verunglimpft wird. Denn bereits 1952 gab es ein Verfahren vor dem Landgericht in Braunschweig. Angeklagt war Otto Ernst Remer. Er war bei der Niederschlagung des 20. Juli beteiligt und wurde von Hitler als Belohnung zum Generalmajor befördert. 1951 nannte Remer die Widerstandskämpfer vom 20. Juli "Landesverräter". Der damalige Bundesinnenminister stellte einen Strafantrag, der berühmte Staatsanwalt Fritz Bauer ermittelte gegen ihn. 1952 wurde Remer wegen übler Nachrede und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vom Landgericht Braunschweig verurteilt – zu drei Monaten Gefängnis. Allerdings flüchtete er ins Ausland.

heute.de: Sollte Innenminister Seehofer aktiv werden und Lars Steinke anzeigen – analog zum Vorgang aus dem Jahr 1951/52?

Schnabel: Ich bin kein Jurist und kann daher nicht sagen, ob die Aussage heutzutage von der Meinungsfreiheit gedeckt oder eine Straftat ist. Als Historiker denke ich aber, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD mehr bringt, als eine kleine Randfigur der AfD nun vor Gericht zu stellen. Auch wenn sich die Parteispitze von Steinke distanziert hat: Für AfD-Chef Alexander Gauland sind die Jahre 1933-1945 nur ein "Vogelschiss". Dabei geschahen hier die schlimmsten Verbrechen der deutschen Geschichte.

Eine Demokratie braucht nicht nur die großen Helden.
Thomas Schnabel, Historiker

heute.de: Als Museumsleiter sind Sie auch Pädagoge. Welche Lehren ziehen Sie aus der Person Stauffenberg?

Schnabel: Die Mittel zu nutzen, die man hat. Die Studenten der Weißen Rose konnten Hitler nicht töten – aber sie konnten Flugblätter drucken. Stauffenberg hatte Zugang zu Hitler – daher hat er versucht, ihn zu töten. Jeder kann seinen Beitrag leisten. Eine Demokratie braucht nicht nur die großen Helden.

heute.de: Was können kleine Helden denn ausrichten?

Schnabel: Oft reicht es schon, nicht mitzumachen. Wenn im Dritten Reich niemand denunziert hätte, sich niemand an jüdischem Eigentum bereichert hätte, niemand gegafft hätte, wenn Frauen öffentlich kahlgeschoren wurden: Die Nazi-Tyrannei wäre in sich zusammengefallen. Widerstand fängt im Kleinen an – indem man einfach nicht mitmacht, wo Unrecht geschieht.

heute.de: Bisweilen wird Stauffenberg mystifiziert. Stört Sie das?

Schnabel: Als Historiker ist es mein Job, Legendenbildungen zu dekonstruieren. Aber: Stauffenberg war schon ein sehr mutiger Mann. Ich wäre nicht so mutig gewesen. Und ich werde sehr misstrauisch, wenn mir Menschen sagen: "Ich hätte Widerstand geleistet."

heute.de: Inwiefern hat Stauffenberg die Bundesrepublik geprägt?

Schnabel: Am größten ist sein Vermächtnis für die Bundeswehr. Stauffenberg hat die blinde preußische Disziplin auf den Kopf gestellt. Es gibt keinen bedingungslosen Gehorsam mehr, sondern Bürgerinnen und Bürger in Uniform. Die Soldaten sind verpflichtet, gesetzeswidrige Befehle abzulehnen.

heute.de: Sie betreiben eine Stauffenberg-Gedenkstätte. Werfen Ihre Besucher Stauffenberg manchmal Verrat vor?

Schnabel: Nein, die Erfahrungen sind rundum positiv. Die Menschen respektieren und bewundern ihn. Das heißt aber nicht, dass wir in Baden-Württemberg keine Probleme hätten. Im Landtag sitzt der AfD-Politiker Wolfgang Gedeon. Ich hätte nie gedacht, dass heutzutage jemand noch ernsthaft an die antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion" glaubt. Wolfgang Gedeon nimmt die aber für bare Münze. Zwar ist er nicht mehr Teil der AfD-Fraktion, aber immer noch AfD-Mitglied. Für die historische Bildungsarbeit gibt es also nach wie vor viel zu tun.

Das Interview führte Raphael Rauch.

Erinnerung an Graf von Stauffenberg

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