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Chaos und Not im Jemen - Experte: Ende des Krieges schien in Sicht

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Chaos im Jemen: Im heute.de-Interview spricht Nahostexperte Steinberg über die Not der Jemeniten, den angeblichen Tod von Ex-Präsident Saleh und die Rolle des Westens im Krieg.

Unterernährtes Kind in Krankenhaus in Sanaa, Jemen

heute.de: Saudi-Arabien hat die Blockade bestimmter jemenitischer Häfen gelockert, aber die von Huthi-Rebellen gehaltenen Gebiete sind weiter von Hilfe abgeschnitten. Was bedeutet dies für die dort lebende Bevölkerung? 

Guido Steinberg: Die Lage der Bevölkerung ist in weiten Teilen des Landes katastrophal. Rund zwei Drittel der rund 27 Millionen Einwohner sind von Lebensmittelhilfen abhängig, einige Millionen leiden Hunger. Krankheiten wie Cholera und zuletzt Diphterie haben sich verbreitet. Verschärft wird die Lage dadurch, dass die Infrastruktur zerstört ist. Straßen, Brücken und Krankenhäuser sind immer wieder zum Ziel von Luftangriffen geworden.

heute.de: Die Rede ist immer von einem "Stellvertreterkrieg", einem Ringen Saudi-Arabiens und Irans auf jemenitischem Boden um die Vormacht in der Region. Warum ist der Konflikt ausgerechnet in diesem bitterarmen Land so eskaliert?

Steinberg: Der wichtigste Grund für die Eskalation ist, dass Saudi-Arabien in den jemenitischen Huthi-Rebellen enge Verbündete Irans sieht. Die Huthis haben im September 2014 gemeinsam mit Truppen des ehemaligen Präsidenten Ali Abdallah Salih die Hauptstadt Sanaa eingenommen und die damalige Regierung vertrieben. Daraufhin begannen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate den Krieg und wollen in erster Linie verhindern, dass Iran einen Brückenkopf auf der Arabischen Halbinsel errichten kann.


heute.de:
Offenbar zerfällt jetzt die Allianz der Rebellen. Nach bislang unbestätigten Agenturmeldungen ist Saleh getötet worden. Welche Auswirkungen hat das?

Steinberg: Für einige Tage schien ein Ende des Krieges in Sicht zu sein, weil Huthi-Rebellen und Saleh-Truppen sich in Sanaa seit letzter Woche bekämpfen. Dies hätte zu einem Ende dieses Bündnisses und dies im Idealfall wiederum zu einer Verhandlungslösung zwischen Saleh, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten führen können. Wie der mögliche Tod Salehs sich auswirkt, wird sich erst in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Ich glaube aber, dass die Huthis alleine zu schwach sind, um sich in Sanaa zu behaupten. Sie haben ihre Hochburgen weiter im Norden des Landes. Um einen fortgesetzten innerjemenitischen Konflikt zu vermeiden, wäre es wichtig, auch die Huthis in eine Regelung einzubeziehen.

heute.de: Saudi-Arabien wird für einen "rücksichtslosen Luftkrieg" kritisiert, Bomben auf Schulen, Wohngebiete, Krankenhäuser. Die USA sind am Luftkrieg beteiligt, Großbritannien liefert Bomben und auch Deutschland verkauft Militärgüter an Saudi-Arabien. Wie stark ist der Westen mitverantwortlich an der Not im Jemen?

Steinberg: Ohne amerikanische Unterstützung könnte Saudi-Arabien den Krieg nicht führen. Das US-Militär liefert nicht nur nachrichtendienstliche Informationen einschließlich Zielkoordinaten, sondern betankt die saudischen Kampfflugzeuge in der Luft und liefert Munition und Ersatzteile. Die Obama-Administration hatte Riad mit dem Iran-Atomabkommen so viel zugemutet, dass sie sich entschied, die Saudis im Jemen zu unterstützen, obwohl sie das Vorgehen der Verbündeten kritisch sah. Die Regierung Trump führt diese Politik fort.

heute.de: Laut Kriegswaffenkontrollgesetz darf Deutschland keine Waffen an Staaten verkaufen, die "friedensstörende Handlungen" vornehmen. Wie erklären Sie sich, dass die Rüstungsexporte an die Kriegspartei Saudi-Arabien nicht gestoppt werden?

Steinberg: Saudi-Arabien ist ein wichtiger Partner in vielen Bereichen. Dazu gehören etwa die Energiepolitik und die Terrorismusbekämpfung. Deutschland hat das Verhältnis zu Saudi-Arabien bereits massiv beschädigt, als die Bundesregierung entschied, die zugesagten Leopard-II-Kampfpanzer nicht zu liefern. Würde sie noch weitergehen und die Lieferung von Technik für die saudische Grenzsicherung und Patrouillenbooten unterbinden, würden sich die Beziehungen weiter verschlechtern. Das sollte verhindert werden, denn Saudi-Arabien ist trotz allem ein pro-westlicher Staat, der für die Lösung vieler Probleme benötigt wird. Allzu viele verlässliche Partner hat Deutschland im Nahen Osten nicht.

heute.de: Die Vereinten Nationen warnen weiter davor, dass im Jemen eine humanitäre Katastrophe drohe. Warum bleibt eine wirksame Internationale Initiative aus, diesen Krieg schnell zu beenden?

Steinberg: Wirksame internationale Initiativen sind insgesamt sehr selten. Ganz unmöglich werden sie, wenn die USA nicht mit an Bord sind. Da die Trump-Administration sich offen auf die Seite der Saudis und der Vereinigten Arabischen Emirate gestellt hat, können wir nur darauf hoffen, dass in Riad die Vernunft einzieht oder sich die Lage im Jemen so verändert, dass eine Verhandlungslösung möglich wird.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

Karte: Jemen - Saudi-Arabien
Quelle: ZDF

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