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Beziehungsstress an Weihnachten - "Gekünstelte Stimmung setzt alle unter Druck"

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Weihnachten ist eine riskante Zeit für die Liebe. Im heute.de-Interview rät Paartherapeutin Stefanie Leers, sich Rückzugsräume, Ruhe und Zeit für Zweisamkeit zu schaffen.

Ein Paar streitet an Weihnachten über Geschenke
Ein Paar streitet an Weihnachten über Geschenke Quelle: imago

heute.de: In der Weihnachtszeit will keiner Zoff und dennoch gibt's bei vielen Paaren Beziehungsstress. Warum ist das so?

Stefanie Leers: Das hat mehrere Faktoren: Die Menschen sind beruflich oft stark eingespannt, sind gestresst. Geschenke müssen gekauft, die Wohnung dekoriert, Verwandte besucht werden. Rund um das Fest der Liebe versuchen viele, es allen recht zu machen, eben lieb zu sein. Genauso hoch sind unsere eigenen Erwartungen an Partner und Familie. Es gibt ein starkes Bedürfnis nach Nähe, Verständnis, Geborgenheit. Die dunkle Jahreszeit macht viele Menschen auch gereizter, ängstlicher, trauriger. Da kommt einiges zusammen.

heute.de: Seelsorger berichten, dass die Pflicht, an Weihnachten glücklich sein zu müssen, viele Menschen unglücklich mache. Sehen Sie das in Ihrer Praxis bestätigt?

Leers: Wenn Sie von Seelsorge sprechen: Im November und Dezember gibt es die höchsten Suizidraten. Das hat jetzt nichts speziell mit Paaren zu tun, zeigt aber, welche Stimmung insgesamt herrscht. Aber als Paar geht es in dieser Zeit darum, noch etwas enger zusammen zu rücken, sich besonders zu stützen, statt sich zu sehr gesellschaftlichen Erwartungen zu unterwerfen.

Es geht auch darum, authentisch zu bleiben. In der Weihnachtszeit fällt das besonders schwer, weil man fröhlich sein soll. Alles soll schön sein. Das ist ein bisschen gekünstelte Stimmung. Das setzt uns alle auch unter Druck.

heute.de: Oft gibt es verschiedene Vorstellungen vom Fest. Deshalb am besten alles vorher durchverhandeln?

Leers: Planen ist auf der Handlungsebene sehr gut, aber auf der emotionalen Ebene steckt noch viel mehr dahinter. Geht es wirklich darum, dass wir die Verwandten abklappern oder eher darum, dass der Partner nun einfach mehr Aufmerksamkeit braucht und bekommen sollte? Oft kommen emotionale Bedürfnisse in der hektischen Zeit viel zu kurz. Darüber müssen wir sprechen, nicht nur über Organisatorisches wie die Abfolge der Verwandtenbesuche.

heute.de: Und vielleicht einfach mal einen Besuch ausfallen zu lassen?

Leers: Das muss jeder für sich entscheiden. Aber wenn man an Weihnachten keine einfache Zeit mit Verwandten hat, braucht es dringend Rückzugsmöglichkeiten und Zeit für Zweisamkeit. Zum Beispiel, dass man es sich mit einem Tee auf der Couch gemütlich macht.

heute.de: Insbesondere mit kleinen Kindern, die große Bedürfnisse haben, ist das für Eltern nicht leicht, oder?

Leers: Statt einer Auszeit für das Paar gibt es dann eben eine Auszeit für die Familie, in der Eltern und Kinder gemeinsam zur Ruhe kommen. Auch die Kinder haben ja emotionale Bedürfnisse. Eltern von Kleinkindern können sich aber auch Zeit für Zweisamkeit organisieren. Wenn die Eltern dann zufriedener und entspannter sind, wirkt sich das auch positiv auf die Kinder aus.

heute.de: Vom zwischenmenschlichen zum materiellen Aspekt: Welche Rolle spielt eigentlich das Weihnachtsgeschenk in Paarbeziehungen?

Leers: Für viele Menschen eine große Rolle. Sie erwarten, dass der Partner ein besonders schönes Geschenk macht, weil sie davon ableiten, wie sehr sie geliebt werden und wieviel Aufmerksamkeit ihnen zuteil wird. Ein Geschenk ist also nicht einfach nur etwas Materielles, sondern ein Mittel, um Liebe und den Grad der Zuwendung zu vermitteln.

heute.de: Da sind wir wieder bei den hohen Erwartungen und den Risiken …

Leers: Ja, diese Erwartungen spüren die Partner auch, das macht ihnen noch mehr Druck. Das ist wirklich ganz schwierig. Ich empfehle, dass man offen darüber redet, so nach dem Motto: "Du, ich überlege, welches Geschenk ich dir kaufe. Das ist nicht einfach, weil ich dir eine große Freude machen und dir zeigen möchte, wie wichtig du mir bist, Ich weiß gar nicht, wie ich all diese Botschaften in ein Geschenk verpacken soll."

heute.de: Das hilft?

Leers: Das reicht. Da geht es dann auch gar nicht mehr um das Geschenk, ob es eine Uhr oder ein Buch ist, sondern dann ist klar, was mit diesem Geschenk gemeint ist. Und wer es sehr sensibel und schlau angeht, der schreibt seinem Partner an Weihnachten einfach mal einen Liebesbrief. Das ist das schönste Geschenk.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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