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"Keine gravierenden radiologischen Folgen"

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Lage in Fukushima - "Keine gravierenden radiologischen Folgen"

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Acht Jahre nach dem Unglück im Atomkraftwerk Fukushima kämpft der Betreiber noch immer mit hochstrahlendem Material. Was das heißt, erklärt Physiker Thorsten Stahl.

Tanks für radioaktives Wasser aus dem Reaktor von Fukushima
Tanks für radioaktives Wasser aus dem Reaktor von Fukushima
Quelle: reuters

heute.de: Die japanische Regierung erwägt, radioaktives Wasser aus dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi in den Pazifik zu leiten. Um was für Wasser handelt es sich überhaupt?

Thorsten Stahl: Kurz nach dem Unfall hat man begonnen, die Reaktoren zu kühlen, indem man Wasser von außen einbringt. In den Reaktoren wird dieses Wasser kontaminiert mit radioaktiven Stoffen wie Caesium, Strontium und Tritium. Durch den Unfall, die Kernschmelze, ist das Gebäude aber nicht mehr komplett dicht und so kann von außen Grundwasser reinfließen. Also steigt die Menge an kontaminiertem Wasser. Man pumpt das Wasser dann wieder ab und unterzieht es verschiedenen Reinigungsschritten. Ein Großteil der radioaktiven Stoffe wird entfernt, bis auf Tritium. Und genau um dieses Wasser geht es, das dort in riesigen Mengen auf dem Gelände gelagert wird.

heute.de: Was genau ist Tritium?

Stahl: Tritium ist superschwerer Wasserstoff. In dem kontaminierten Wasser wird es in Wassermoleküle eingebunden und wird damit Teil des Wassers. Man kann es mit normalen Filtermethoden nicht herausfiltern. Im Labor ginge das – aber bei diesen riesigen Mengen ist das nicht machbar beziehungsweise technisch nicht möglich.

heute.de: Wieso muss das verseuchte Wasser überhaupt ins Meer? Wieso lässt sich das nicht weiterlagern?

Stahl: Laut dem Betreiber Tepco sind die Lagerkapazitäten 2022 erschöpft. Es kommen täglich 150 bis 200 Tonnen Wasser dazu. Warum das Wasser ins Meer muss, ist eine gute Frage. Es wurden und werden verschiedene Alternativen diskutiert, wie beispielsweise das Wasser in tiefe geologische Strukturen einzuleiten, oder es mit Zement zu verfestigen.

Es kommen täglich 150 bis 200 Tonnen Wasser dazu.
Dr. Thorsten Stahl

Eine weitere Option wäre, das Wasser zu verdampfen und in die Atmosphäre abzugeben. Ich vermute, dass der Betreiber das Ableiten ins Meer präferiert – was eine relativ einfache Methode darstellt und übrigens beim Betrieb kerntechnischer Anlagen im genehmigten Umfang auch nicht ganz unüblich ist.

heute.de: Das Wasser ins Meer zu leiten, ist vermutlich auch kostengünstiger als die von Ihnen beschriebenen Alternativen.

Stahl: Ich kann persönlich nicht einschätzen, wie hoch die Kosten für die einzelnen Optionen sind. Das ist schwierig. Es gab ja eine Kommission, die versucht hat, die Alternativen auszuarbeiten. Am Ende wurden aber auch nur die Optionen genannt, die technisch umsetzbar wären. Von Seiten des Betreibers wird die Einleitung ins Wasser favorisiert.

Wie kam es 2011 zur Kernschmelze im Kraftwerk von Fukushima? Und warum zwingt verseuchtes Kühlwasser den Betreiber Tepco jetzt zum Handeln?

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1 min
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heute.de Was bedeutet das für Mensch und Natur?

Stahl: Bei radiologischen Konsequenzen für die Umgebung geht es natürlich immer um die Frage, über welchen Stoff wir sprechen. Tritium hat den Vorteil, dass die Energie, die mit der Strahlung frei wird und eventuell Schäden verursachen kann, deutlich geringer ist als bei anderen radioaktiven Stoffen wie beispielsweise Caesium.

Spätestens 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz gehen. Bis dahin werden 29.000 Kubikmeter Atommüll entstanden sein. Bis heute weiß niemand, wohin damit.

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43 min
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heute.de: Das heißt, das verseuchte Wasser ist für den Menschen nicht gefährlich?

Stahl: Es kommt natürlich immer auf die Konzentration im Wasser an. Tepco spricht davon, dass sie beim Ableiten einen Grenzwert von 60.000 Becquerel pro Liter einhalten wollen. Dazu hat das Bundesamt für Strahlenschutz auch vor einiger Zeit eine Abschätzung gemacht, dass wenn man dieses Wasser für ein Jahr trinken würde, das in etwa der Strahlenbelastung einer größeren Röntgenuntersuchung entsprechen würde. Natürlich kommt da auch noch ein Verdünnungsfaktor hinzu, also wenn ich das Wasser ins Meer einleite, verdünnt sich das ja. Aus radiologischer Sicht erwarte ich keine gravierenden Folgen für die Umgebung. Andererseits haben aber auch die Fischer in der Umgebung die Sorgen, dass sie ihre Produkte nicht mehr vermarkten können. Und das sind Aspekte, die man natürlich abwägen muss.

heute.de: Erst im Juli erlaubten Behörden das Baden an einem Strandabschnitt – rund 25 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt. Was bedeutet das Einleiten des Wassers für die Bewohner?

Stahl: Es hängt stark von der Entfernung ab und davon, wo das Wasser reinfließt. Es gibt auch Überlegungen, ob man das Wasser offshore, also mit dem Schiff weit draußen, ins Meer leitet.

heute.de: Wie ist die Situation in Fukushima heute? Welche Probleme bestehen denn nach wie vor rund um den Reaktor?

Stahl: Gerade im Inneren des Reaktorgebäudes ist es nach wie vor schwierig, das Material und insbesondere den Kern zu bergen – das wird noch Jahre, Jahrzehnte dauern. Das ist und bleibt eine große Herausforderung. Man ist ja gerade erst dabei, in den einzelnen Reaktoren herauszufinden, wo sich der geschmolzene Kern befindet. 

heute.de: Wie hoch ist die Strahlung um den Unglücksreaktor?

Stahl: Hier ist die Frage, wo genau. Das hängt sehr stark davon ab, wo man sich befindet. Im Bereich um die Reaktorkerne ist die Strahlung natürlich deutlich höher. Die Behörden haben sehr stark darauf gedrängt, dass spätestens am Anlagenzaun die Grenzwerte von einem Milisievert pro Jahr eingehalten werden. Und das haben sie seit ein paar Jahren auch geschafft.

heute.de: Würden Sie abschließend sagen, dass Fukushima dabei ist, sich von der Katastrophe langsam zu erholen oder wirft die Wasser-Problematik die Region wieder zurück?

Tepco ist da auf einem guten Weg.
Dr. Thorsten Stahl

Stahl: Auf dem Anlagengelände wurde in den letzten Jahren schon recht viel gemacht. Ich denke, Tepco ist auf da auf einem guten Weg. Die Wasserproblematik ist ein Punkt, der noch geklärt werden muss. Wenn das Wasser eingeleitet werden sollte, wird man die Radioaktivität im Meer auch weiterhin genau messen müssen. Aber wie gesagt, ich würde dadurch keine gravierenden radiologischen Folgen erwarten.

Das Interview führte Julia Lösch.

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