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Interview mit Faeseh Haschemi - "Brauchen Veränderung, aber keine neue Revolution"

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Faeseh Haschemi ist die Tochter eines Ex-Präsidenten und hat die Islamische Revolution miterlebt. Heute ist sie enttäuscht - und gibt einem Staatslenker die Schuld.

Faezeh Hashemi
Faeseh Haschemi, Tochter von Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani .
Quelle: ap

heute.de: Sie waren 1979 eine junge Studentin. Ihr Vater Akbar Haschemi Rafsandschani, der zum engsten Kreis um Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini gehörte, wurde später Präsident. Wir würden Sie die Lage heute, 40 Jahre nach der Revolution, beschreiben?

Faeseh Haschemi: Die Revolution war gut. Wir waren alle dabei, sind zu Demonstrationen gegangen. Das war ein gutes Gefühl damals. Wir haben für mehr Freiheit gekämpft. Aber die große Frage ist, ob wir diese Freiheit wirklich erreicht  haben. Damals waren wir voller Hoffnung. Selbst wenn wir heute die Ziele der Revolution umsetzen könnten, wäre es immer noch gut. Aber wir haben uns im Laufe der Jahre sehr weit entfernt von dem, was wir damals erreichen wollten.

Während der Präsidentschaft meines Vaters und von Mohammad Chatami waren wir auf einem guten Weg. Aber während der Zeit von Präsident Mahmud Ahmadinedschad ging alles den Bach runter. Und Präsident Hassan Rohani hat es bisher nicht geschafft, das Land aus dieser Lage wieder heraus zu holen. Wären wir auf dem Weg von damals weitergegangen, könnten wir heute die Früchte ernten. Da hätten wir mehr Erfolg haben können, aber das ist leider nicht passiert.

Mahmoud Ahmadinedschad und Akbar Hashemi Rafsanjani
Über den ehemaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad (links) sagt Haschemi, er sei für die derzeitige Krise im Iran verantwortlich. Ihr Vater Akbar Haschemi Rafsandschani (rechts) war von 1989 bis 1997 einer seiner Amtsvorgänger.
Quelle: ap

heute.de: Sie tragen den Tschador aus religiöser Überzeugung, setzen sich aber trotzdem für die Abschaffung der Kopftuchpflicht ein. Warum?

Haschemi: Meine Ideale, für die ich mich einsetze, sind vor allem die Menschenrechte. Ich will, dass alle Menschen gleich sind, dass es keine Diskriminierung gibt, dass es politische, religiöse, soziale Freiheit gibt, und dass sich Frauen so anziehen können, wie sie wollen. Und wenn ich von Menschenrechten spreche, meine ich auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Außerdem will ich, dass sich die Wirtschaft entwickelt und dass wir gute internationale Beziehungen zu allen Ländern haben. Das sind alles Steine, die aufeinander aufbauen. Das eine bedingt das andere. Ich glaube persönlich auch, dass es genau das ist, was uns der Islam auch lehrt. Das kann man nicht voneinander trennen. Und das ist meine feste Überzeugung. Aber bei genauem Hinsehen erkennt man, dass der Iran einen völlig anderen Weg gegangen ist. Mit Atomwaffen und Raketen und militärischer Macht erreicht man nichts. Das haben andere versucht und sind ins Elend gestürzt.

heute.de: Sie saßen für Ihre Überzeugungen zweimal im Gefängnis. Viele glauben, dass Ihr Vater vor zwei Jahren von seinen politischen Gegnern ermordet wurde. Wie hoch ist das persönliche Risiko für Sie?

Haschemi: Auf mich wird sehr viel Druck ausgeübt. Gegen mich laufen mehrere Strafverfahren. Mein Job an der Universität wurde gekündigt. Ich habe ein Reiseverbot und darf das Land nicht verlassen. Aber ob ich mental unter Druck stehe? Nein, auf keinen Fall. Ich bin mit meiner Lage nicht unglücklich. Ganz im Gegenteil.

Ich denke, eigentlich ist das sogar positiv. Denn es zeigt, dass sie mich ernst nehmen und ich Einfluss habe. Nur deshalb behandeln sie mich so. Trotzdem, die Umstände sind schwierig. Aber das geht ja nicht nur mir so. Das geht vielen so. Ich will es so sagen: Die Beschränkungen und Sanktionen gegen mich, sie motivieren mich sogar, denn sie zeigen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

heute.de: Erwarten Sie, dass das Regime zu Veränderungen bereit ist? Dass es zum Beispiel den Kopftuchzwang kippt?

Haschemi: Ich habe immer gesagt, dass ich gegen den Kopftuchzwang bin. Jeder soll sich anziehen können, wie er oder sie es will. Es geht darum, wie der Islam ausgelegt wird. Es gibt verschiedene Interpretationen. Einige Geistliche sind mit dem Verschleierungszwang nicht einverstanden.

Der Iran feiert den Sieg der Islamischen Revolution im Februar 1979. Doch den Menschen geht es schlecht. Denn die Sanktionen zeigen Wirkung und das Land steckt in einer Krise.

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Andere meinen, es müsste sein. Und dabei geht es darum, dass sie glauben, wenn wir in dem Punkt jetzt nachgeben, dann zeigt das unserer Schwäche. Es wäre ein Rückschritt. Sie betrachten es als einen Verlust an Ansehen, als eine Niederlage. Sie bleiben trotzig bei diesem Verbot und sehen nicht, dass man sich an neue Gegebenheiten anpassen muss. Nicht nur in der Politik. Diese trotzige Haltung ist nicht vernünftig.

heute.de: Also rechnen Sie eher damit, dass die Regierenden weiter Härte zeigen?

Haschemi: Die Erfahrung zeigt, dass sich das Regime erst kurz vor dem Ende ein bisschen bewegt und anpasst. Im Moment sehe ich überhaupt keine Anzeichen dafür, dass es den Willen gibt, sich anzupassen. Man hat den Eindruck, dass sich das Regime sogar gegen jede Veränderung wehrt. Bis sie irgendwann dazu gezwungen sein werden, Veränderungen zuzulassen.

Jörg Brase | ZDF-Korrespondent in Istanbul
Das Interview führte Jörg Brase, Leiter des ZDF-Studios in Istanbul und Korrespondent für den Iran und die Türkei.

heute.de: Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist groß. Sehen Sie das Potenzial für einen gewaltsamen Aufstand gegen das Regime?

Haschemi: Ich glaube nicht, dass sich das Volk nach einer neuen Revolution sehnt. Das Ergebnis einer Revolution ist nur selten ein gutes. Ich kann nicht erkennen, dass es den Wunsch nach einem Aufstand im Land gibt. Nirgendwo. Aber alle wollen, dass sich etwas im Land verändert. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einem Aufstand, einer Revolution und dem Wunsch nach Veränderung. Wir brauchen eine Veränderung, aber keine neue Revolution.

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