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"Tuvalu retten und damit unsere Erde retten"

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Wo der Klimawandel zuschlägt - "Tuvalu retten und damit unsere Erde retten"

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Wenn die Menschheit nichts macht, versinkt Tuvalu im Meer. Im Interview spricht dessen Ex-Premierminister Sopoaga über die verheerenden Folgen des Klimawandels für sein Land.

Tuvalu - Vaiaku auf Fongafale
Tuvalu - Vaiaku auf Fongafale
Quelle: ap

heute.de: Herr Sopoaga, Sie setzen sich seit 1995 für den Klimaschutz ein, einige Jahre auch als Premierminister von Tuvalu. Wie wichtig ist diese 25. UN-Klimakonferenz aus ihrer Sicht?

Enele Sopoaga: Wichtig finde ich sie nicht. Sie ist beängstigend. Es ist beängstigend zu sehen, wie schleppend industrialisierte Länder in Sachen Klimawandel voranschreiten. Nachdem Sie die Erderwärmung zu verantworten haben, welche den Klimawandel verursacht - unter dem meine Leute jetzt schon zu leiden haben in Tuvalu. Und auch auf zahlreichen anderen kleinen Inseln.

Manche industrialisierten Länder fangen an, die Sache mit dem Klimawandel zu leugnen. Also ist es nicht eine Frage der Wichtigkeit der Konferenz, es ist eine Frage der Dringlichkeit überhaupt, unsere Leute in Tuvalu zu retten und damit unsere Erde! Möglich, dass wir die Ersten sein werden, die dieses Leid und diese Auswirkungen erfahren. Aber jeder auf dieser Erde steht vor diesem Dilemma und wird sich katastrophalen Auswirkungen ausgeliefert sehen, wenn nicht dringend etwas dagegen unternommen wird.

heute.de: Seit der Klimakonferenz 2013 in Warschau wird über den sogenannten "Warschau Mechanismus" verhandelt. Dabei geht es vor allem um finanzielle Hilfen für die Entwicklungsländer, die die Folgen des Klimawandels schon jetzt stark spüren. Ab 2020 sollen pro Jahr 100 Milliarden US-Dollar bewegt werden, um zum Beispiel Küstenschutz- und andere Maßnahmen zu finanzieren. Derzeit sind rund 70 Milliarden avisiert. Was denken Sie, kommt das Geld rechtzeitig zusammen?

Sopoaga: Ich glaube nicht, dass es in erster Linie um das Thema Geld gehen muss. Es geht schlicht um Menschenleben. Vor allem um die Leben derer, die auf den kleinen Inseln leben, die nur wenig über dem Meeresspiegel liegen.

Und das gilt nicht nur für die Inselstaaten im Pazifik, sondern auch in der Karibik, dem indischen Ozean und sogar für flache Regionen von Nordamerika. Manhattan und Florida zum Beispiel sind genauso bedroht, genau wie einige küstennahe Gebiete in Europa. Alle leiden unter den Folgen des Klimawandels, also sollte hier Geld ausgeklammert werden angesichts der Menschenrechte im Lichte der Menschlichkeit.

Die größten industrialisierten Länder machen sich immer zuerst Sorgen um ihre Wirtschaft. Das ist absurd. Worin liegt der Sinn, eine Wirtschaft zu beschützen, wenn es keine Leute mehr gibt, die von dieser Wirtschaft profitieren und von ihr leben können? Ich kann nicht begreifen, wie man neue Kohlebergwerke in Betrieb nehmen kann, nur um mehr Jobs zu schaffen. Dann lassen sich die Verantwortlichen ins Parlament wählen, während das eigene Volk auf der Straße stirbt. Durch Buschbrände, Überschwemmungen und Dürren.

heute.de: Was genau war die Idee von Warschau?

Sopoaga: Die Idee von Warschau war, die Menschenrechte derjenigen zu verteidigen, die eben schon jetzt unter dem Klimawandel leiden. Es war gedacht als Überlebensgarantie. Sollten wir scheitern, den Warschau-Mechanismus umzusetzen, scheitern wir in unserer Verpflichtung, Menschenleben zu retten, ja, die gesamte Menschheit zu retten.

Das ökonomische Wachstum geschieht doch auf Kosten auch der Menschen in Tuvalu, weil es immer weniger Land mehr zum Wohnen gibt. Die Menschen sind möglicherweise dazu gezwungen, ihre Heimatinseln zu verlassen und umzusiedeln. Das ist beschämend für die gesamte Menschheit. Ich denke, kein Regierungschef der Welt kann das akzeptieren. Nein, Geld sollte dem menschlichen Leben hinten angestellt werden.

heute.de: Genau darüber wird ja auch hier in Madrid wieder verhandelt, im englischen "Loss and Damage" genannt, geredet wird also über Verlust und Schäden und wie die ärmsten Länder am besten unterstützt werden können ...?

Sopoaga: … also muss doch endlich der Warschauer Aktionsplan über "Loss and Damage" umgesetzt werden. Immerhin ist das ja im Artikel 8 des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 festgehalten. Und ich bin sehr froh, dass ich diesen Teil in Paris mit verhandelt habe, mitten in der Nacht, für zwei Morgen und zwei Nächte, zusammen mit dem damaligen US-Außenminister John Kerry. Wir haben uns damals auf eine Textfassung geeinigt, die Verlust und Schäden behandelt. Dafür danke ich John Kerry sehr.

Das können wir jetzt nicht einfach wieder umschreiben, es ist nicht auflösbar. Aber große Staaten gehen immer noch nicht voran. Das ist blamabel, das ist eine sehr, sehr schlechte Führerschaft. Vielleicht ist es an der Zeit das wir uns andere Optionen anschauen, weil wir doch längst die roten Linien der Menschlichkeit überschritten haben.

heute.de: Welche Optionen können das sein?

Sopoaga: Wenn ich einen Schaden erleide und mir per Gesetz eine Entschädigung zusteht, kann man vor Gericht gehen. Das bezieht sich vor allem auf das Einklagen der grundsätzlichen Menschenrechte. Vielleicht müssen wir tatsächlich darüber nachdenken, Gerichtsverfahren einzuleiten und die Gerichte für uns entscheiden lassen. Ich bin mir sicher, dass es nicht das ist, was bevorzugt wird in dem Verhandlungsprozess über den Klimawandel. Aber unsere roten Linien auf den kleinen Inseln sind schon überschritten. Wir müssen Gerechtigkeit walten lassen für die Menschenrechte dieser Leute.

heute.de: Die Klimakonferenz musste sehr kurzfristig von Santiago de Chile hierher, nach Madrid, verlegt werden. Wie wirkt sich dieser Umzug auf die Verhandlungen und Ergebnisse aus?

Sopoaga: Sehen Sie, wir verstehen die Situation in Santiago de Chile voll und ganz. Aber auch in Madrid kann die Konferenz, die ja nach wie vor unter chilenischer Präsidentschaft läuft, genauso ein Erfolg werden.

Gleichzeitig bewundern wir aber auch, wie es die spanische Regierung geschafft hat, sicher mit Unterstützung durch einige Freunde aus der EU, die Konferenz in sehr kurzer Zeit logistisch auszurichten. Vielen Dank. Das zeigt, wie ernst es den europäischen Ländern ist, sich um das Thema Klimawandel zu kümmern. Ich bin dafür sehr dankbar als jemand, der lange Jahre zum Klimawandel verhandelt hat. Ich habe mit vielen europäischen Botschaftern, Diplomaten und auch mit lateinamerikanischen Botschaftern gearbeitet, auch aus Chile und anderen Ländern. Aber wirft das nicht auch die Frage auf, ob es richtig ist für uns, weiterhin die Konferenzen durchzunummerieren. Es ist ja schon die 25.

Luisa Neubauer

Luisa Neubauer im Interview -
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2018 war Luisa Neubauer noch unbekannt und als Jugenddelegierte auf der Klimakonferenz in Polen. Seitdem hat sich "alles und nichts geändert", sagt sie dem ZDF jetzt in Madrid.

heute.de: Welche Konferenz war Ihre erste?

Sopoaga: Damals, in Berlin 1995, das war meine erste Klimakonferenz. Was haben wir seitdem getan? Nichts.

Wir schätzen die Unterstützung Deutschlands und der Europäischen Länder für ihren Beitrag zu der Finanzierung bei "Loss and Damage". Aber die Gelder sind insbesondere für Anpassungsmaßnahmen an die Veränderungen durch den Klimawandel gedacht. Bei Ihnen in Europa geht das noch: Sie ergreifen ein paar Maßnahmen, passen sich also an, weil ihre Insel, also Ihr Land, ja noch da ist. Aber wir haben bald nichts mehr, was wir anpassen können, bei uns fallen die Menschen einfach runter in die Ozeane.

Hier kommt Schadensersatz ins Spiel, das Bedürfnis, Land zu schaffen, Land zu erhöhen, die Existenzen sicher- oder wiederherzustellen. Das sind grundlegende Menschenrechte. Wir dürfen das nicht ignorieren. Absolute Schande über die Menschheit, wenn wir zulassen, dass das diesen armen Menschen passiert.

Und ich habe ja den Weg der gerichtlichen Klage erwähnt. Das muss vielleicht die letzte Überlegung sein. Wir müssen unser Vertrauen in den guten Willen der Menschheit setzen. Weil Hautfarbe, das Herkunftsland oder die Religion nicht wichtig sind. Wir müssen die Menschheit durch unsere Führung retten. Und deswegen bin ich hier in Madrid, bei der 25. Klimakonferenz. Um sicherzustellen, dass wir das einhalten. Für unser Volk, für unsere jungen Generationen.

heute.de: Seit einigen Monaten bemerken wir, dass die jungen Generationen vor allem bei der Bewegung "Fridays for Future" jeden Freitag nach draußen geht und sehr heftig für mehr Klimaschutz protestiert. Wie wirken sich diese Proteste auf die Verhandlungen aus?

Sopoaga: Also, kann irgendein Anführer, irgendein Regierungschef der Welt diese Art von Nachrichten etwa ignorieren? Ich bin sicher, die jungen Leute sind überall unterwegs. Greta aus Schweden verbreitet eine sehr mächtige Botschaft, und die jungen Menschen aus Tuvalu unterstützen diese Nachricht voll und ganz und sagen "Tut etwas. Wir hoffen immer noch". Sie glauben immer noch an die Qualitäten der Führungen dieser Welt. Und hoffen, dass diese nicht der Politik des Weißen Hauses folgen. Auch viele amerikanische Wissenschaftler unterstützen übrigens die Berichte des Weltklimarates, IPCC. Sie schlagen sogar Klimaschutzmaßnahmen vor. Nur das Weiße Haus reagiert nicht.

Ich habe das bei der 23. Klimakonferenz vor zwei Jahren in Bonn gesagt und ich tue es jetzt wieder: Wir befinden uns alle im gleichen Kanu. Wir dürfen unsere Leute nicht im Stich lassen. Wir müssen das Kanu sichern, es schwimmfähig halten. Und wir müssen auf alle Menschen im Kanu aufpassen. Tuvalu retten, um die Welt zu retten.

Das Interview führte Volker Angres aus der ZDF-Umweltredaktion.

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