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Inklusion an deutschen Schulen - "Nicht nur die Toiletten sanieren"

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Inklusion kommt an Schulen zu kurz. Das finden Eltern - laut einer aktuellen Studie. Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung, spricht über seine Erfahrung.

Inklusion im Klassenzimmer
Zusammen und gleichberechtigt leben, das wollen viele Menschen in Deutschland. Inklusion an den Schulen gestaltet sich aber immer noch schwierig.
Quelle: Aktion Mensch

Heute.de: Viele Menschen befürworten Inklusion und sagen, dass Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenleben und gleichberechtigt sein sollen. An der Umsetzung hapert es in den Augen vieler aber noch. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Udo Beckmann: Diese Aussage aus der Gesellschaft stimmt mit der Meinung der Lehrkräfte überein, die wir 2015 und 2017 befragt haben. Der größte Teil der Lehrkräfte begrüßt die schulische Inklusion. Sie sagen aber auch, dass die Schulen nach wie vor nicht auf Inklusion vorbereitet sind. Zehn Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention ist noch nicht viel passiert. Wir haben immer noch viel zu große Lerngruppen und gleichzeitig viel zu wenig sonderpädagogische Unterstützung in den Regelschulklassen. Ein weiterer Punkt: Die angebotene Fort- und Weiterbildung reicht nicht aus, um Lehrkräfte auf die Herausforderungen der schulischen Inklusion vorzubereiten.

Heute.de: Haben Sie ein Beispiel, wie sich das auf Lehrkräfte und Schüler auswirkt?

Beckmann: Das kann man sich vorstellen. Wir wissen aus den Förderschulen, dass Kinder mit Beeinträchtigungen eine besondere Aufmerksamkeit brauchen. Diese Aufmerksamkeit können Lehrkräfte den anderen Kindern dann nicht geben. So werden gleichermaßen Kinder mit und ohne Handicap benachteiligt, weil die Personalversorgung nicht so ist, wie sie sein müsste.

Heute.de: Es gibt auch starke Unterschiede bei der Wahrnehmung der Situation bei Eltern mit und ohne Inklusionserfahrung. Woran liegt das?

Beckmann:  Eltern, deren Kinder weder den inklusiven Unterricht besuchen noch ein Handicap haben, sind häufig skeptisch gegenüber diesem Unterricht, weil sie sich sorgen, dass ihre Kinder zu kurz kommen. Eltern hingegen, deren Kinder den inklusiven Unterricht besuchen, schätzen dies schon immer weniger negativ ein. Womit das zusammenhängt, kann ich nicht sagen. Vielleicht liegt es an der grundsätzlichen Einstellung. Eltern, deren Kinder den inklusiven Unterricht besuchen, wollen meistens speziell diesen Unterricht für ihre Kinder und sind vielleicht eher bereit, Dinge, die momentan nicht hundertprozentig laufen, in Kauf zu nehmen. Es gibt natürlich auch Schulen, die entsprechend ausgestattet sind und in denen es gut läuft. Der Großteil der Schulen hat allerdings keine ausreichende personelle oder räumliche Ausstattung.

Heute.de:  Einige Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten in inklusiven Klassen nicht genug gefördert werden. Wie haben Sie das erlebt?

Beckmann: Bei anderen Studien habe ich gesehen, dass Eltern, die vorher skeptisch waren und sagen: "Meine Kinder werden durch den inklusiven Unterricht negativ beeinträchtigt", hinterher oft die Erfahrung machen, dass das in der Regel nicht der Fall ist. Aber das hängt immer von der Situation der Schule ab.

Heute.de: Die überwiegende Mehrheit der Menschen befürwortet Inklusion in der Gesellschaft. Ein wesentlich kleinerer Teil spricht sich für den inklusiven Unterricht aus. Woran liegt das?

Beckmann: Das ist damit zu erklären, dass natürlich in der Gesellschaft der Wunsch da ist, dass Menschen mit und ohne Handicap zusammenleben. Das bedeutet eben, dass alle Kinder in der Schule gemeinsam am Unterricht teilnehmen und zusammen von der Kita in die Grundschule kommen. Die Menschen wissen aber auch, dass die Bedingungen, die in den Schulen bestehen, nicht ausreichen, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Daraus entsteht dann eine Skepsis. Und diese Skepsis verursacht die Diskrepanz zwischen dem Wunsch auf der einen Seite und der Wahrnehmung der Realität und der Möglichkeiten auf der anderen.  

Heute.de: Welche Maßnahmen müssten ihrer Meinung nach ergriffen werden, um die Inklusion zu fördern?

Beckmann: Ganz entscheidend ist, dass die personelle Ausstattung der Schulen so gestaltet wird, dass Kinder mit und ohne Handicap gemeinsam unterrichtet werden können. An allererster Stelle muss dafür ein Zwei-Pädagogen-System in den Lerngruppen eingerichtet werden. Die Lerngruppen müssten außerdem kleiner werden und die Schulen müssen räumlich und sachlich auf den inklusiven Unterricht vorbereitet werden. Man braucht zum Beispiel mehr Differenzierungsräume und Barrierefreiheit. Und das Thema Inklusion muss verstärkt in Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte integriert werden.

Heute.de: Wen sehen Sie in der Verantwortung, diese Maßnahmen umzusetzen?

Beckmann: Hier steht vor allem die Politik in der Verantwortung, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Es reicht nicht, dass die Politik eine Forderung an die Schulen formuliert. Die Schulen müssen auch in die Lage versetzt werden, zu handeln.

Heute.de: Welche Entwicklungen stehen der Inklusion gerade besonders im Weg?

Beckmann: Über allem schwebt gerade das große Problem des Fachkräftemangels, beziehungsweise der Lehrermangel. Wir haben insbesondere an den Grundschulen einen großen Lehrermangel bei den Regelschullehrkräften. Wir haben aber auch einen ebenso großen Mangel an Sonderpädagogen, die wir auch dringend brauchen, damit Kinder mit und ohne Handicap die Förderung bekommen, die sie brauchen und die ihnen auch zusteht.

Heute.de: Wie sehen Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren? Wird es mit der Inklusion in Zukunft besser werden oder schlechter?

Beckmann: Solange wir unter dem massiven Lehrermangel leiden, sehe ich wenig Hoffnung in den nächsten fünf oder sechs Jahren. Ich sehe allerdings eine Chance in den baulichen Maßnahmen. Viele Schulen haben einen hohen Sanierungsbedarf. Deswegen wird Geld zur Verfügung gestellt. Dieses muss man nutzen, um eben nicht nur die Toiletten zu sanieren. Man muss auch Geld in die Hand nehmen, um die Schulen auf neue Herausforderungen wie Inklusion oder auch das Lernen in der digitalen Welt vorzubereiten.

Das Interview führte Katharina Kleine Wächter

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