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Umweltpsychologe im Interview - Klimaschutz: Sechs Ausreden und sechs Konter

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Die Klima-Proteste flauen nicht ab. Trotzdem fehlt vielen Menschen die Bereitschaft, etwas zu ändern: Die Ausreden sind vielfältig. Umweltexperte Reese hat die passenden Konter.

"Fridays-for-Future"-Demonstration in Hamburg.
"Fridays-for-Future"-Demonstration in Hamburg.
Quelle: Georg Wendt/dpa/Archivbild

Zehntausende Menschen sind heute für einen besseren Klimaschutz auf die Straße gegangen. Gestern hat das Europaparlament in Straßburg den "Klimanotstand" ausgerufen. Man könnte meinen: Die Fakten über den Klimawandel sind weithin bekannt. Trotzdem liegt eine große Kluft zwischen dem was wir wissen, und dem was wir tun.

Ob Bequemlichkeit, Geiz oder schlicht Gleichgültigkeit: Wir finden immer neue Ausreden, um unsere Gewohnheiten nicht verändern zu müssen. Warum ist das so? Wir haben den Umweltpsychologen Prof. Gerhard Reese mit sechs typischen Ausreden konfrontiert.  

Das Problem liegt im System. Der einzelne Bürger kommt nicht gegen den Klimawandel an, die Politik ist verantwortlich. 

Das ist zum Teil natürlich richtig. Trotzdem haben wir einen großen Einfluss darauf, wer überhaupt Politik macht. Über unseren Konsum können wir sogar die Industrie beeinflussen. Das Problem: Was wir tun ist nicht sichtbar. Und wenn ich nicht sehe, dass mein Handeln Konsequenzen hat, bin ich auch nicht motiviert. Da hilft es, sich vor Augen zu führen, dass wir nicht als Einzelpersonen agieren, sondern als Kollektiv. Wir müssen das Thema von einer individuellen auf eine kollektive Ebene heben.

Die EU hat nur einen Anteil von zehn Prozent an den globalen Treibhausemissionen, Deutschland sogar nur zwei.

Diese Aussage ist zwar richtig, vernachlässigt aber die historische Perspektive. Im Zuge der industriellen Entwicklung der letzten 150 Jahre haben wir extrem zum jetzigen Zustand beigetragen. Nun könnten wir eine Vorreiterstellung einnehmen und zeigen, dass es durch klimaverträgliches Leben trotzdem möglich ist, Wohlstand aufrechtzuerhalten. Wir haben die Mittel dafür und können nicht warten bis jedes Land der Welt überzeugt ist. Außerdem ist es eine Gerechtigkeitsfrage: Die bisherigen Hauptemittenten müssen nunmal einen stärkeren Aufwand betreiben.

Verzicht auf Fliegen, Auto fahren, Fleisch essen oder gar E-Mail schreiben: Klimaschutz bedeutet weniger Lebensqualität.

Diese Argumentation kommt aus der Perspektive der Gewohnheit, ist absolut elitär. Sie gilt nur für Menschen aus Industrienationen. Das sind vielleicht 1,5 Milliarden Menschen die so reden und denken können. Die anderen 6 Milliarden Menschen auf der Welt haben diese Möglichkeiten überhaupt nicht. Zugegebenermaßen, sind wir alle in dieser elitären Diskussion ein Stück weit gefangen. Ganz ehrlich, ich will auch nicht auf E-Mails oder Digital-Konsum verzichten.

Bio-Produkte oder nachhaltige Mode sind lukrative Geschäftsmodelle. Der Trend wird ausgenutzt und vermarktet. 

Das ist tatsächlich ein Punkt, auf den ich keine gute Antwort habe, weil ich das zum Teil ähnlich sehe. Letztlich ist das natürlich eine Konsequenz unseres kapitalistischen Systems und es gibt Unternehmen, die das Ausnutzen. Der Bio-Branche würde ich das jetzt nicht per se unterstellen. Denn viele Menschen wissen überhaupt nicht, was die Produkte wirklich kosten, wenn man sie nachhaltig bewirtschaftet. Trotzdem kann ich diese Sorge verstehen, sie ist nicht unberechtigt. Aber es handelt sich dabei auch um ein allgemeines Misstrauen in gesellschaftliche Normen. Denn diese Argumentation gilt auch für viele andere Bereiche, wie zum Beispiel die Automobilindustrie.

Nach dem heißen Endlos-Sommer 2018 sind viele in Sorge: Ist der Klimawandel noch aufzuhalten? Welchen Beitrag muss jetzt die Politik leisten, und was kann jeder Einzelne tun, um das Klima zu schützen?

Beitragslänge:
28 min
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Wer CO2-Abgaben oder Kompensationszahlungen tätigt, muss nichts an seinen Gewohnheiten ändern.

Es gibt einen Effekt in der Psychologie, der dabei eine Rolle spielt, den nennt man "moral licensing", also moralische Lizensierung. Wir haben eine Art moralisches Konto und wenn das gefüllt ist, kann ich auch mal etwas machen, was moralisch nicht so toll ist. Und wenn ich moralisch über die Stränge geschlagen habe, kann ich das durch andere Verhaltensweisen kompensieren. Ein schönes Beispiel ist der Satz: "Ich bin jetzt seit zehn Jahren Veganer, da kann ich doch mal nach Hawaii fliegen". Das ist dieses Aufwiegen. Das ist ein Prozess, den man vielleicht gar nicht verhindern kann. Aber er geht von einer ganz falschen Prämisse aus. Er geht davon aus, dass wir überhaupt etwas ausgleichen können. Können wir aber nicht, wenn wir dauerhaft auf dem Planeten leben wollen. Da müssen wir nur noch runter gehen, mit den CO2-Emissionen. Gleichzeitig leben wir in einer Welt, in der ein Flug notwendig sein kann. Dann würde ich natürlich dafür plädieren, zu kompensieren. Trotzdem ist es letztendlich eine Milchmädchenrechnung.

Flugscham, "Fridays for Future", Veganismus: Das sind doch alles identitätsstiftende Trends, die bald wieder verschwinden.

Ich glaube nicht. Die "Fridays for Future"-Bewegung ist natürlich identitätsstiftend und bietet vielen jungen Leuten die Möglichkeit, endlich aktiv zu werden. Das ist erstmal absolut positiv. Es wäre viel schlimmer, wenn sich diese jungen Menschen gesellschaftlich problematischen Bewegungen anschließen würden. Unabhängig von dieser sozialen Bewegung glaube ich, dass uns die Thematik nicht mehr loslässt. Es kann sein, dass der Medienrummel nachlässt. Aber die Entwicklung, die wir als Menschheit auf diesem Planeten angeschoben haben, wird es nicht dulden, dass wir da nicht mehr drauf reagieren. Ob es in seiner Drastik und Dramatik so akut bleibt, hängt davon ab, inwiefern wir die Konsequenzen ziehen. Es wird auch damit zusammenhängen, wie sehr wir die Folgen des Klimawandels spüren.

Das Interview führte Katharina Meyer.

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