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"Mein Gott, der hat gerade gesagt, dass die Mauer fällt"

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US-Reporter beim Mauerfall 1989 - "Mein Gott, der hat gerade gesagt, dass die Mauer fällt"

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US-Reporter Tom Brokaw war da, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Für ihn ein "großartiger Moment". Heute ist er erstaunt, wie gut die Wiedervereinigung gelaufen ist.

Tom Brokaw (79) war der erste englisch-sprachige Fernsehreporter, der live aus Berlin vom Fall der Mauer berichtete. Im Gespräch mit Elmar Theveßen berichtet er, wie sein Team die Nachricht von der Reisefreiheit aufgenommen hat.

Beitragslänge:
5 min
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heute.de: Sie waren in Berlin, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Wie haben Sie den Abend in Erinnerung?

Wir sahen uns an, meine Crew und ich, und wir dachten, mein Gott, der hat gerade gesagt, dass die Mauer fällt´.
Tom Brokaw

Tom Brokaw: Wir gingen zu dieser berühmten Pressekonferenz. Schabowski, mit diesem kleinen Papierzettel. Ich erinnere mich an diesen französischen Agenturkollegen neben mir, der einnickte. Plötzlich liest Schabowski das vor. Es war, als wäre da was aus dem Weltall aufgetaucht. Wir sahen uns an, meine Crew und ich, und wir dachten, mein Gott, der hat gerade gesagt, dass die Mauer fällt.

Wir sprangen ins Auto und stritten, ob das so war, bis wir es dann später selbst sahen, sie war offen. Ein großartiger Moment, total chaotisch.

heute.de: Sie standen ja da an der Mauer. Wie war die Atmosphäre, was haben Sie erlebt?

Brokaw: Wir waren total elektrisiert. Die meisten Studenten am Brandenburger Tor waren aus dem Westen. Sie ermutigten die im Osten rüberzukommen. Ich bin aus der Kriegsgeneration, geboren 1940, ich erinnere mich an den Weltkrieg und den Kalten Krieg. Ich erinnere mich an die Rolle Deutschlands und die Teilung. Deshalb war es für mich persönlich und professionell ein riesiger Moment. Und ich dachte, wie Astronauten sich das auch beim Abheben immer sagen: Vermassel es nicht. Das sagte ich mir auch: Vermassel es nicht.

Zuerst waberte die Meldung ja durch Ostdeutschland und die Leute fragten sich, sollen wir rübergehen oder nicht. Und wir sahen sie noch nicht, nur die im Westen. Plötzlich tauchte ein junger Mann aus dem Osten auf der Mauer auf, vor unseren Kameras. Er war ein wenig verwirrt: Was habe ich getan? Die im Westen feuerten ihn an. Dann hörte ich, dass unser Kameramann über die Brücke zu uns rannte, mit den ersten, die rüberströmten. Gerade rechtzeitig, als wir auf Sendung gingen.    

heute.de: Durch diesen Moment wurde ja nicht nur die Teilung Deutschlands überwunden, sondern auch die Europas. Wenn Sie sich das jetzt anschauen, wie haben wir das in den letzten 30 Jahren hingekriegt?

Brokaw: Rückblickend gab es auf diesem Weg natürlich verpasste Chancen. Es gab in Europa, nicht nur in Deutschland und Polen, eine große Erleichterung. Aber sie wollten auch nicht das Risiko eingehen, den großen Bären in Moskau zu irritieren. Der Reformer Gorbatschow konnte sich gerade noch an der Macht halten. Wir erfuhren dann, dass es für Präsident Bush (Senior, Anm. d. Redaktion) und seinen Außenminister James Baker schwierig war, mit Deutschland und Russland eine Lösung zu finden.

Mal widersprach sich Gorbatschow selbst, wir gehen rein in die NATO, nein, doch nicht. Es war chaotisch, aber dass es sich dann doch aus historischer Perspektive noch so gut entwickelt hat, ist sehr, sehr erstaunlich.

heute.de: Und jetzt sehen wir diesen Antagonismus zwischen liberaler Demokratie und Autoritarismus - zischen China und den USA, China und Europa. Wohin geht die Reise?

Brokaw: Ich fürchte, dass wir unglücklicherweise nicht besonders viele Visionäre in der amerikanischen Regierung haben und auch keine großen, internationalen Anführer, die die Aufgabe übernehmen und angehen. Menschen im Westen mit gemeinsamen Werten und gemeinsamen Ansichten, was wir brauchen und wo es hingeht.

Es gibt keinen Helmut Schmidt oder Willy Brand oder, wie in Frankreich, Charles de Gaulle. Wir haben keine große Vision, sondern eine sehr zerrissene Welt, sogar zwischen unseren Verbündeten. Wir haben einen Präsidenten, der keine Ahnung hat von der Bedeutung, außer wie er Vorteil daraus schlagen kann, irgendeinen Deal zu irgendwelchen Bedingungen.

Es ist eine chaotische Zeit mit ungewissem Ausgang.

Ich sage immer sehr klar, dass wir eine Koalition von Linken und Rechten in unserem Land in diesen Fragen brauchen. Die Parteipolitik mal lassen und sagen: Das ist eine neue Zeit, wie gehen wir das an? Eine Art öffentliches Gipfeltreffen kluger Männer und Frauen wäre gut, um uns auf die Zukunft vorzubereiten.

Das Interview führte Elmar Theveßen, Leiter des ZDF Studios Washington.

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